Express aus Zukunft II

Express aus 6 Himmelsrichtungen

Gestern im strömenden Regen standen Menschen an einem Bahnhof und es war kein Dach, sie zu schützen. Sie schienen es auch gar nicht zu wollen. Im Gegenteil: Sie verließen die Wartesäle, die sie vor dem Regen hätten schützen können und gaben sich ihm hin, wie Pflanzen, die vor Durst schier umgekommen waren. Aber es war nicht der Regen, den sie so hingebungsvoll grüßten. Es war das Licht. Ein Licht, von dem niemand seine Quelle wusste. Kein Scheinwerferlicht, das ein kreisrundes Loch auf einen Bühnenboden zaubert und alles rundherum in tintenschwarze Nacht taucht; kein Stern, der vor dem Verglühen noch einmal aufleuchtet, und nicht das Licht einer schräg am Horizont stehenden Sonne. Es war, als wäre eine exterrestrische Spezies gelandet, die sich nicht zeigen will. Gleichzeitig herrscht Stille.
Der Regen sollte aufs Dach trommeln, auf den Beton, auf die Haut, aber es bleibt still. Eine drückende Stille, wie vor einer Katastrophe, für die sonst nur Tiere eine Antenne haben. Überrascht und überwältigt von etwas Unerwartetem, das einem die Sprache verschlägt, den Atem raubt, so standen sie da. Entrückt. Der Wirklichkeit entkommen. Was war geschehen? Ein Wunder? Nein. Aber was dann?
Mit ohrenbetäubendem Lärm, mit Stampfen und Zischen und Schnauben, eingehüllt in einer Wolke aus Dampf und Licht – heller als jedes zuvor Gesehene – raste aus dem Dunkel der Zeiten der Express der 6 Koordinaten auf sie zu: himmel- und erdwärts und an ihnen vorbei, über sie hinweg; im rasenden Stillstand den Fahrplan der Zukunft einhaltend, für die es kein Ankommen gibt: weder damals, noch jetzt und schon gar nicht hier.

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