Erinnerungen eines Lehrers

Haben Sie einen Augenblick Zeit Frau Kollegin? sagt die Frau Direktor, 70 Jahre alt und keineswegs gewillt, in Pension zu gehen. Die Frau Kollegin dämpft hastig die eben angezündete Zigarette aus, und stürzt – bemüht, sich die Angst nicht anmerken zu lassen, der Frau Direktor nach, die noch einen letzten strengen Blick in das Lehrerzimmer wirft, bevor sie die Tür zur Kanzlei ins Schloss fallen lässt. Die Kollegenschaft wechselt betroffene Blicke, doch schnell macht sich Erleichterung breit: Noch einmal davongekommen.

Der Lehrer, von dem alle wissen, dass er seine Freizeit dazu nützt, im Flughafen Café von Schwechat den aufsteigenden Fliegern nachzuschauen, wobei sein Hauptinteresse den Flugzeugen gilt, die überseeische Ziele anpeilen, schaut auf die Uhr und stellt mit Entsetzen fest, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, den Austrofaschismus so aufzubereiten, dass die von ihm unterrichteten Jugendlichen – einmal wahlberechtigt – nie und nimmer eine Partei wählen, deren zukünftiger Innenminister einem Museum vorsteht, in welchem die Erinnerung an jenen Mann am Leben erhalten wird, der auf die Arbeiter im Karl Marx Hof schießen hat lassen.

Kognitive Teillernziele aus dem Lehrplan für Sozialkunde und Geschichte:

  1. Überwindung politischen Desinteresses
  2. Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, individuelles kritisches Denken und historisch-politisches Bewusstsein zu entwickeln
  3. Befähigung zum Erkennen von Manipulation durch sozialtechnische Steuerung

Er braucht einen Kassettenrekorder, Lautsprecherboxen, Netzanschluss und ein Verlängerungskabel für den Overheadprojektor. Er braucht den Schlüssel zum Medienzimmer und sucht den verantwortlichen Kustos. Dem Kustos fehlen noch 30 Jahre bis zur Inanspruchnahme der Ruhegenussvordienstzeiten, was ihn schon frühzeitig ergrauen hat lassen.  Er trägt einen weißen Arbeitsmantel und ist neben seiner verantwortungsvollen Aufgabe als Kustos aktives Mitglied des Lehrerhausvereins. Manchmal darf für ihn suppliert werden; unbezahlt natürlich. Ein Opfer, zu dem die Kollegen und Kolleginnen gerne bereit sind, weil seine Abwesenheit immerhin garantiert, dass die Demokratisierung des Systems Schule als utopisches Ziel wenigstens Gesprächsthema bleibt. Was ihn überaus sympathisch macht, ist die Tatsache, dass er die Frau Direktor richtiggehend verachtet, ihr aber gleichzeitig unaufgefordert Kaffee zubereitet, und sie jede Pause fragt, was er für sie tun könne. Außerdem ist er ein Unterhaltungskünstler und kann über seinen Witz, den er seit Jahren zum Besten gibt, dermaßen herzhaft und ansteckend lachen, dass es beinahe unmenschlich ist, in dieses Lachen nicht miteinzustimmen. Der Witz geht so: Kommt einer heim und sagt zur Mama: Ich geh nicht mehr in die Schule. Fragt die Mama: Warum? Sagt er: Dafür gibt’s zwei Gründe. Erstens mögen mich die Lehrer nicht und zweitens die Schüler auch nicht. Daraufhin sagt die Mama: Jetzt sag ich dir zwei Gründe, warum du morgen wieder in die Schule gehst: Erstens bist du 60 und zweitens Direktor.

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