Milan

Wenige Gehminuten von der Wüstenrotsiedlung, wo wir in ländlicher Gegend am Stadtrand aufgewachsen sind -, fließt die Ach. Sie kommt aus dem Bregenzer Wald, und wenn sie so braun wie eben jetzt daherkommt, dann “wil d’Wälder d’Fieß drin gwäsche hond” (weil die Wälder die Füße in ihm gewaschen haben).

Hier bei der Achbrücke höre ich die Signalglocke der rotweißrot-bemalten Schranken, die mit einem beweglichen Gitter versehen sind, das man aufheben und unter das man durchkriechen konnte, wenn man nicht auf den angekündigten Zug warten will. Und das wollen wir nie. Es ist schließlich Sommer, es ist heiß und wir wollen nichts wie ins Wasser. In richtiges, fließendes, kaltes und der Strudel wegen gefährliches Wasser; nicht in das warme Pipiwasser vom See. Schließlich sind wir harte Burschen, und die Nachbarmädchen, die sich auf den glattgeschliffenen Felsen aalen, warten schon – nahmen wir zumindest an. Sie mussten ja so tun, als würden sie uns keines Blickes würdigen.

In den Strudel zu tauchen, der dich der starken Strömung wegen erst wieder knapp unter der Brücke ausspie, galt als Mutprobe. Da war kein König, der sein Gefolge herausgefordert hätte, und es war auch kein goldener Becher versprochen, noch eine schöne Maid dem, der da springe; man tat es, um den anderen, vor allem den Mädchen zu zeigen, dass man ein ganzer Kerl ist, kein Schlappschwanz, kein Weichei, würde man heute sagen. Jeden Sommer forderte dieser Abschnitt mindestens ein Todesopfer, so wahr ich das hier schreibe. Ich sprang nie. Aber mein Freund. Er hieß Milan.

Ich lasse den Zug an mir vorüber donnern, ein seit Kindertagen vertrautes Geräusch, das jetzt meine Erinnerungen wachgerufen hat. Übrigens waren die Güterzüge mein erster Mathelehrer: 4 x alle Finger und noch einmal 3. So viele Waggons. Ich gehe an der Wehr entlang. Zyklopische Steine übereinander getürmt, die weit in den Fluss hineinreichen und ihm Widerstand leisten. Im Frühling sind sie meist überschwemmt, wenn das Schmelzwasser aus den Bergen die Ach zu einer reißenden und wütend gemachten, braunen Schlange wird, die mäandernd zu Tal stürzt und den See sucht, der sich auch aus seinen Wassern speist. Hier standen wir, keine Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Hungrig nach Abenteuern, leichtsinnig wie Parzival, der sich mit einem Schwert aus Holz mit einem Ritter messen will. Wir johlen und machen Faxen, um die Mädchen auf der anderen Uferseite auf uns aufmerksam zu machen. Heute würden sie vier braungebrannte, sehnige Burschen sehen, die sich kopfüber hintereinander in die Strudel der kalten Ach stürzen; nicht nur, sich gegenseitig ihren Mut zu beweisen, auch, um den Mädchen zu gefallen, zu denen sie sich nach vollbrachter Tat gesellen werden, nachdem sie die Strudel wieder ausgespie‘n und die Strömung freigegeben haben. Selbst Tim wollte heute kein Feigling sein. Er hatte es sich geschworen, dass er diesmal dabei sein und nicht wieder kneifen würde.

Während wir noch unseren Handtuchtanz aufführen, um aus der Jean in die Badehose zu kommen, war Milan schon fertig und sprang ohne eine Vorwarnung hinein in den Strudel zwischen Wehr und den gegenüberliegenden Felsen. Genau dort, wo das Wasser nur wenig Platz hat, dafür aber mit umso größerer Wut und Geschwindigkeit unterwegs zur Brücke ist, über die die kilometerlangen Lastzüge in den Osten donnern. Es dauert lange, bis Strudel und Strömung die Taucher freilassen. Eine Ewigkeit meistens für die, die sich – ohne Widerstand zu leisten – ihren Tücken ausliefern. Wer Widerstand leistet, weil er in Panik gerät, ist verloren. Das wussten wir. Es war eine Übung im Hinnehmen einer Gewalt, gegen die sich zu wehren, sinnlos ist. Die Kälte tut ihr Übriges. Es ist immerhin Schmelzwasser von den Gletschern der nahen Gebirge. Selbst in den heißesten Sommern war das Wasser so kalt, dass wir nur ein kurzes Bad nahmen, um uns schnell wieder von der Sonne wärmen und trocknen zu lassen.

Milan war noch nicht wieder aufgetaucht. Abgemacht war, dass einer, der gesprungen ist, ein Zeichen gibt, damit der nächste weiß, dass auch er sich kopfüber in die Fluten wagen kann. Denn es ist schon vorgekommen, dass Taucher zusammenstießen, weil ihn der Strudel noch nicht freigegeben hatte. Das war für keinen der Beiden lustig, wie sich jeder gut vorstellen kann.

Milan war noch immer nicht aufgetaucht. Wollte er uns einen Schrecken einjagen, indem er wie ein Apnoetaucher die Luft anhielt? Mir hat beim Fangenspielen immer imponiert, wie alle meine Freunde, selbst mein jüngerer Bruder, so lange unter Wasser bleiben konnten, während mir schnell die Luft ausging, und ich so für die Mitspielenden immer die erste Beute war. Das konnte nicht sein, dass er so lange unter Wasser blieb. Vielleicht hat ihn die Strömung mit sich fortgerissen und so weit abgetrieben, dass wir ihn nicht mehr sehen konnten? Vielleicht war sein braungebrannter Körper vom erdigen Braun des Wassers nicht zu unterscheiden. Auch die Mädchen auf den vom Wasser glatt geschliffenen Felsen gegenüber waren aufgestanden, schauten zu uns herüber, dann wieder auf den tosenden Fluss. Eine mündliche Verständigung war trotz der kurzen Distanz nicht möglich. Plötzlich rief einer: Da!!! Alle sahen wir ihn.  Es konnte nur Milan sein. Warum aber rudert er so hektisch mit den Armen? Jetzt verschwindet er wieder. Ist wieder unter Wasser. Als er nach einer Ewigkeit wieder auftaucht, bewegt er sich nicht mehr. Lässt sich treiben. Kopf nach unten. Jetzt sind wir aus unserer Schockstarre erwacht. Alle rennen wir am Ufer entlang und suchen eine Stelle, wo wir Milan dem Fluss entreißen können.  Wie Strandgut treibt er dahin. Endlich erreichen wir ihn. Zu dritt bringen wir Milan ans Ufer. Wird wohl nichts aus London! sagt Erich. Morgen – das wissen wir – hätte er fliegen sollen, seinen Onkel zu besuchen.  Wir stehen um ihn herum und wissen nicht, was tun. Aus einer klaffenden Wunde direkt über seinem linken Auge quillt Blut. Er ist mit dem Kopf voraus in eine der Eisentraversen gesprungen, mit denen die Steinquadern der Wehr gestützt wurden. Man sieht sie nur bei niedrigem Wasserstand. Jeder, der hier springt, weiß, wo sie sind. Ich hätte ihn warnen müssen. Wir hätten ihn warnen müssen. Keiner hat damit gerechnet, dass er als erster springen würde. Aber das ist keine Entschuldigung.

Sein Kopf ruht an meiner Brust? Atmet er noch? Atmet er? fragen die Umstehenden. Sein Gesicht ist blutüberströmt. Einer wäscht ihm mit einem Handtuch – ganz vorsichtig – das Blut aus dem Gesicht. Er muss ohnmächtig sein und das Bewusstsein verloren haben. Jeder will helfen, aber keiner weiß, was zu tun ist. Wir sind absolut hilflos. Wiederbelebung? Wie geht das? Was tut man da? Das würden wir erst in der Fahrschule lernen, wenn überhaupt. Was, wenn er nicht mehr aufwacht? Was, wenn er blind ist? Plötzlich übergibt er sich. Milan lebt. In der Zwischenzeit sind auch die Badenden vom anderen Ufer über die Brücke gekommen. Aus ihren Gesichtern lese ich ihr und unser aller Entsetzen. Obwohl es heiß ist, frieren wir. Milan weiß nicht, was passiert ist, fährt mit der Hand übers Gesicht, sucht die Wunde und staunt über das viele Blut. Ungläubig. Woher kommt das viele Blut? Er ist weiß wie Käse und hat eine Gänsehaut. Wir hüllen ihn in unsere Handtücher und betten ihn auf eine Luftmatratze. Was ist passiert? fragt Milan.

In der Zwischenzeit ist die Rettung eingetroffen. Irgendwer muss sie verständigt haben. Die Sanitäter legen ihn auf eine Bahre, fragen uns, was und wie es passiert ist. Dann fahren sie los. Wir stehen noch immer schweigend und sichtlich geschockt herum, dann suchen wir unsere Kleider, ziehen uns an. Das Tatütataa des Folgetonhorns verliert sich in der Ferne. Was war das? Ein Film? Nein: Das war kein Film. Und wenn es ein Film war, dann ist die Spule gerissen. Bis zu diesem Tag und dieser Stunde waren wir sorglos. Nicht nur sorglos. Übermütig waren wir. Übermütig ist das Wort, das ich suche. Wir haben uns nie gefragt, welche Folgen unser Handeln hat. Keine Sekunde. Furchtfrei über den Mut hinaus. Ja, übermütig waren wir. Gewesen.  Wer sagt es den Eltern? fragt Erich in die Runde. Alle schauen mich an. Sie wissen, dass ich sein bester Freund und ich bei ihm genauso zu Hause bin, wie er bei mir.
Das musst du machen! sagt Erich. Und er hat Recht. Das muss ich machen. Ich muss seinen Eltern sagen, was passiert ist. Das wird schwierig, aber das muss ich.

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