Der König und der Bunkermann

Manchmal kann es sich gelohnt haben, ein Buch zu lesen, nur um auf einen Absatz wie diesen zu stoßen, den ich auf Seite 153 in „Das weiße Leintuch“ von Antanas Smerna, einem litauischen Schriftsteller, gefunden habe: „…Der König legte die Rüstung an. Die Schmiede hatten Lilien in sie hineingegossen. Die Königin weinte, und als ihre Tränen auf den Grund des Schlosses fielen, da weinten auch die Hofdamen und die Mäuse. Der König ritt fort. Und auch die Ritter. Denn im Nachbarschloss wohnte ein anderer König. Und auch er legte seine Rüstung an. Die Schmiede hatten Löwen in sie hineingegossen. Die Königin weinte, und als ihre Tränen auf den Grund des Schlosses fielen, da weinten auch die Hofdamen und die Mäuse. Der König ritt fort. Und auch die Ritter. Auf einer grünen Ebene, da trafen sich die beiden Könige, die beiden Schildknappen und die beiden Heere. In der blutigen Schlacht starben die beiden Könige. Und auch die beiden Schildknappen. Die Ritter aber kehrten in ihr Schloss zurück. Und sie legten einen Eid auf die Söhne der Könige ab, indem sie Rache schworen. Die Königinnen erzogen die Prinzen, die Hofdamen – Schildknappen und die Mäuse – Mäusekinder. Das ist der Sinn der Kriege, mein Junge…“

Heute ist der Krieg eine Spezialoperation gegen das Böse. Für die Verwendung des Wortes Krieg riskiert man in der russischen Föderation ein Strafverfahren. Die organische Symbiose von Unternehmen, Politik, Kirche und Medien schwört die Menschen seit Generationen auf einen Vaterländischen Krieg ein, der kein Ende finden darf, um sie aufrechtzuerhalten. Der Bunkermann des Kreml geriert sich als Väterchen Zar und hält – umgeben von Schauspielerinnen, die Soldaten spielen – eine Rede zur Lage der Nation, in welcher Reiz und Reaktion, Ursache und Wirkung vertauscht werden und der Aggressionskrieg gegen ein souveränes Land als Verteidigungsmaßnahme umgedeutet wird. Es gibt keinen König mehr, der gegen einen anderen mit seinen Rittern und Schildknappen in die Schlacht zieht. Der König in diesem Krieg ist der Bunkermann im Kreml. Die Oligarchen sind die Lehensherren des Bunkermanns. Ihre Aufgabe ist es, den Krieg zu finanzieren. Und die Schildknappen? Die werden in den Randgebieten ausgehoben. Billiges Kanonenfutter. Es mag sie nicht mehr geben: König, Ritter und Schildknappen. Was aber blieb und bleibt, ist das Weinen der Mütter um ihre Söhne; und das auf beiden Seiten.

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