Flaschenpostfakenews

Hört und staunt, begann er, und ein verschmitztes Lächeln huschte über sein pockennarbiges Gesicht: Erinnerung an eine Expedition auf einen unbewohnbaren Exoplaneten, den die Raumfahrer Gaia getauft haben. Ein mikrobenartiges Wesen hatte ein nanokleines Schlupfloch in seinem Schutzanzug gefunden und ihn infiziert. Es war eine rotstirnige Dolchwespe, die für ausgestorben gegolten hatte. Eigentlich sollte er wegen der Ansteckungsgefahr zurückgelassen werden. Als Expeditionsleiter allerdings konnte der namhafte Linguistiker für planetarische Seinsformen – Dr. Terence Vergil -, durchsetzen, dass er im Trümmergürtel einer Proxima-Centauri-nahen- Basisstation in Quarantäne kam. Seine dort launig abgefassten Reiseberichte über seine interdimensionalen Raumflüge zu Gaia wurden Bestseller. Die Verkaufszahlen schossen durch die Decke, und es gab kaum eine Talkshow, in welcher nicht Dr. Terence Vergil entweder als Hologramm zugeschaltet oder persönlich anwesend war. Eben hält er einen Vortrag im großen Hörsaal der Universität, in welcher er vor vielen Jahren sein Promotionsstudium abgeschlossen hat.
Hört und staunt, eröffnet er den Studierenden der Fakultät für Archäologie und Geschichte planetarischer Himmelskörper, wie gelassen der Zeitzeuge einer sterbenden Zivilisation über ein Experiment berichtet, das helfen sollte, den drohenden Untergang seiner Spezies abzuwenden. Es ist ein erhellendes, wenngleich erschütterndes, an manchen Stellen sogar äußerst witziges Dokument, das beweist, dass die Bewohner Gaia‘s soziale Intelligenz besaßen. Wie sie alle wissen, ist es mir gelungen, auf Grund ähnlicher Artefakte und mit Hilfe von KI, das Logbuch zu entschlüsseln, das die Abenteuer eines Wesens beschreibt, welches sich den Gezeitenströmungen der sieben Meere Gaia’s ausgesetzt hat. Gleich wird ein ICH zu euch sprechen, das trotz der Jahrtausende, die uns von ihm trennen, wie eine Zeitgenossin klingt; ich wähle bewusst die weibliche Form, um mir nicht den Vorwurf einzuhandeln, als Linguistiker nicht die geschlechtersensible Sprache zu verwenden. Es ist vorstellbar, dass diese Reise von einer Frau oder einem non-binären Wesen unternommen worden ist. Aber sprechen wir lieber von einem zur Sprache fähigen Wesen, das sich mitteilen wollte. Ich will es auf den geschlechtsneutralen Namen Noah taufen und sie nicht länger auf die Folter spannen. Ich zitiere aus dem in Fragmenten erhaltenen Logbuch:
„…Meine Zehen-, Fingernägel und Haare sind so gewachsen, dass gelangweiltes Nasenbohren einer Selbstverstümmelung gleichkäme. Ich kann nur hoffen, dass sich die Haare nicht um meinen Hals wickeln. Ich bin in der glücklichen Lage, zwischen vielen Todesarten wählen zu können, von denen Ertrinken und Ersticken nur die augenfälligsten sind…“
Sich selbst einer Flasche und diese den täglich wechselnden Ripströmungen der Meere auszuliefern… Versuchen wir uns das vorzustellen: Noah lässt sich eine lichtdurchlässige Flasche bauen, indem er die Konstrukteure anweist, sie mit seinem Lebendgewicht so auszutarieren, dass mehr als ein Drittel samt Korken aus dem Wasser schaut, damit auch der Wind seinen Beitrag zum schnellen Transport leisten kann. Die Flasche ist fertig. Er hat viele Monde zugebracht, sich in luftdicht abgeschlossenen, engsten Räumen, die Schwerelosigkeit zulassen, aufzuhalten, und über Rebreather zu atmen, wie es die Höhlentaucher tun, um sich mental und physisch auf ihr Unternehmen vorzubereiten. Gleichzeitig steigen die Wasserspiegel nach dem dramatischen Abschmelzen der Polkappen, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch sein Kontinent überspült sein wird. Aber lassen wir Noah selbst zu Wort kommen:
…Die Flasche war gut ausgepolstert und so getrimmt, dass sie sich eigentlich nie hätte um sich selbst drehen dürfen. Das tat sie auch nicht, bis auf die wenigen Male, in denen ich mir vorkam wie beim Schleudervorgang in der Trommel einer Waschmaschine. Sie war aus einem bruchsicheren Glas. So konnte ich die Wunderwelt der ozeanischen Tiefen bestaunen oder von den Tieren begutachtet werden, die in ihnen wohnen… Sie dürften mich als Nahrung betrachtet haben, an die sie aber nicht herankommen konnten, so sehr sie sich auch anstrengten…
Dr. Vergil nimmt einen Schluck aus dem Schlauch mit Mundaufsatz, der über einen auf dem Rücken angebrachten Flüssigkeitsbehälter mit einem Bügel hinter dem rechten Ohr angebracht war, und setzt fort:

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