Haar-aus-fall

Was? Du lebst noch? Ich hab geglaubt, du bist schon tot! Was für eine Begrüßung, denkt Peter. Der Wirt freut sich, ihn wiederzusehen. Hat fast Tränen der Rührung in seinen Augen, lässt seine Hände nicht mehr los, studiert sein Gesicht, sucht nach dem, der er einmal war; damals vor 10 Jahren. Etwas wie Erschrecken blitzt in seinen Augen auf. Seine Miene wechselt von Zweifel über Enttäuschung bis hin zu Bestürzung, um sich gleich darauf wieder in einer lächelnden Maske zu entfalten, wie er sie als Wirt gegenüber seinen Kunden entwickelt haben muss. Aber vielleicht bildet er sich das nur ein. Natürlich bin ich sichtbar älter geworden, weiß Peter. Dazu bedarf er keines Spiegels. Für den, der so prüfend angeschaut wird, wie er jetzt nach 10 Jahren, ist der Blick die Erinnerung an Sterblichkeit. Aber den endgültigen Verlust von Jugendlichkeit, auch wenn sie nur eingebildet war, in den Augen eines anderen gespiegelt zu sehen, ist etwas anderes. Ist wie auf ein Foto schauen, das dich fragen lässt, ob du dir jemals nicht fremd gewesen bist.

Es gibt Menschen, die über Jahre hinaus gleich ausschauen und nicht zu altern scheinen. Irakli ist so einer. Vor 30 Jahren aus Georgien geflüchtet. Aber nicht seinetwegen ist er in dieses Lokal gekommen, das der orientalischen Speisen wegen noch immer gut besucht scheint, obwohl alles – vermutlich auch von gestern – nur mit der Mikrowelle aufgewärmt wird. Sein Freund Lukas hat ihm das Lokal vorgeschlagen, da sie sich vor 10 Jahren jeden Mittwoch hier getroffen hatten. Ihm wird die Tochter des Wirtes vorgestellt, die damals 9 Jahre alt war und auf seinen Rat hin die Schule gewechselt hat. Eine junge Frau jetzt. Hübsch.

Jemand bahnt sich mit einem roten Tuch auf dem Kopf, Brille und Mundschutz einen Weg zu seinem Tisch. Erst, als er den Mundschutz aus seinem Gesicht räumt, erkennt er ihn. Versucht seine Überraschung zu verbergen, denn er hat eine Glatze. Sein um 25 Jahre jüngerer Freund hat keine Haare mehr.

Kaum Platz genommen, sagt er:  Ich hab nur kurz Zeit. Ich weiß nicht, wie lange ich das Sitzen aushalte. Kein Arzt kann mir sagen, woher die Schmerzen kommen. Auch das MRT ohne einen Befund, nichts, womit ich was anfangen könnte; nichts, das mir helfen würde, von dem eine Therapie abgleitet werden könnte. Nichts. Mit etlichen Freunden hab ich gebrochen. Stell dir vor: Einer hat gemeint, ich soll lernen positiv zu denken; einfach die Schmerzen wegdenken. …  Die Schmerzen wegdenken. Volltrottel. Am liebsten hätte ich ihm eine reingehauen und hätte dann gesagt: Einfach den Schmerz wegdenken, ja? Leider nicht der einzige. Sogar Monika. Meine beste Freundin damals, Arbeitskollegin. Hab dir sicher von ihr erzählt.  Weißt du, was sie gesagt hat, die dämliche Kuh? Das ist sicher psychisch, hat sie gesagt. Du hast noch viel in deiner Vergangenheit nicht aufgearbeitet. Das rächt sich jetzt.

Ich sag’s dir. Ich wollte mit niemandem mehr über meine Schmerzen reden. Du verstehst mich, oder? Ich gehe nicht mehr gern unter Menschen. Meine Chefin. Schickt mich in Quarantäne, weil eine Mitarbeiterin positiv war. Ist im Büro geblieben und ich hab‘ in Quarantäne müssen; ins home office.  Meine Wohnung hat nur ein Zimmer. Tisch, Bett, Stuhl und eine Kochnische. Wie soll ich da arbeiten, hab‘ ich sie gefragt. Wenig später die Kündigung. Eigentlich ein Fall für den Betriebsrat. Aber ich bin es so leid, gegen alle diese Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Soll ich? Was meinst du?

Wie geht es deiner Frau, den Kindern? frage ich ihn, um das Thema zu wechseln und ihn auf andere Gedanken zu bringen. Müssen schon groß sein. Was ist mit deiner Wohnung? Die hat doch nicht nur ein Zimmer gehabt. Zumindest in meiner Erinnerung nicht.

Meine Wohnung? Meine Frau? Meine Kinder? Weißt du denn nicht, dass wir uns getrennt haben? Eigentlich hat das von Anfang an wenig Sinn gemacht, wenn ich zurückschaue. Jetzt muss ich um das Besuchsrecht kämpfen. Weil ich aus der Wohnung hab ausziehen müssen – eine größere kann ich mir nicht leisten – kann die Kinder nur noch für ein paar Stunden sehen. Alles nicht gerade lustig.

Er stochert mit der Gabel in seinem Teller, spießt ein Fleischstück auf und legt die Gabel wieder hin.

Ein bisschen viel auf einmal, sag ich, um irgendetwas zu sagen.

Kaum ein Tag, wo ich nicht einen Brief bekomme vom Rechtsanwalt meiner Gattin, die mich finanziell ruinieren will. Siehst du das? fragt er mich, indem er auf seinen Kopf deutet. Mir sind von einem Tag auf den anderndie Haare ausgegangen. Ich steh vor dem Spiegel, nimm die Haarbürste, fahr mir durch die Haare, und was passiert? Meine Haare nicht mehr auf dem Kopf, sondern auf der Bürste. Und weißt du, was mein Doktor sagt? Das kommt von der Depression. Ich soll’s mit Lachsöl versuchen. Viel auf einmal? Zu viel, wenn du mich fragst.

Er schaut nach links. Er schaut nach rechts. Trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte, wippt mit seinem rechten Fuß, schaut so auffallend oft auf die Tür, dass Peter ihn zu fragen versucht ist: Sag. Hast du`s eilig? Erwartest du wen? Jetzt wendet er sich ganz ihm zu, beugt sich über den Tisch und fragt: Weißt du, mit wem sie jetzt zusammen ist? Du wirst es nicht glauben. Mit meinem Schulfreund. Wie oft ist er bei uns g‘wesen, hat sich auf‘s Sofa g‘fläzt, als wär er bei sich z‘haus. Und sie um ihn herum: Was willst‘ Rudi? Was darf ich dir bringen? Willst‘ ein Bier. Ja, ruh dich nur aus, Rudi. Zu mir hat‘s sowas nie g‘sagt. Eigentlich hätt‘ ich‘s ja wissen müssen, was da ist zwischen den beiden. Blind war ich. Blöd und blind.

Du lieber Himmel. Das auch noch. Du bist wirklich geschlagen, werfe ich ein und denke mir: Ein Austausch wird das nicht mehr. Er wird mich nicht fragen, wie es mir ergangen ist. Während ich ihm zuhöre, versuche ich die schleichende Enttäuschung loszuwerden.

Noch komm ich über die Runden mit der Arbeitslosen. Wenn aber die Preise weiter so steigen und eine Mieterhöhung kommt, weiß ich nicht mehr weiter. Mich trennt nicht mehr viel von einem Obdachlosen. So schnell kann’s gehen mein Freund. Tut gut, das alles einmal loszuwerden. Weißt du, was das Schlimmste ist?

Ich weiß jetzt, dass meine Rolle als Zuhörer geschätzt wird, aber auch, dass es eine rhetorische Frage ist, und unterbreche ihn nicht.

Das Schlimmste ist das Mitleid meiner ältesten Tochter. Es ist nicht nur Mitleid. Ihr Blick sagt: Armer Papa. Wie hast du nur zulassen können, dass es so weit gekommen ist, dass ich, deine Tochter, dich bedauern muss. Diesen Blick ertrag‘ ich am allerwenigsten.

Irakli kommt an unseren Tisch und fragt, ob alles in Ordnung sei. Am Nebentisch wird immer ausgelassener und lauter ein Geburtstag gefeiert. Kaum hat sich der Wirt entfernt, den er vergeblich gebeten hatte, am Nebentisch dafür zu sorgen, dass man sein eigenes Wort noch verstehen könne, sagt Lukas: Du hörst mir ja gar nicht zu. Niemand hört mir wirklich zu.

Dann stand er auf – so das auf der Wache angefertigte Protokoll – ging auf das Geburtstagskind zu, das mit ihm gleich alt gewesen sein dürfte, nahm das Tortenstück von seinem Teller und klatschte es ihm ins Gesicht.  Das alles ging so schnell, dass ich nicht mehr weiß, was daraufhin geschehen war, weil mich ein Faustschlag vor der Zeugenschaft gerettet hat. 

Das aggressive Verhalten meines Freundes, fügte ich als mögliche Erklärung hinzu, mag vielleicht irrational erscheinen, wer aber die näheren Umstände kenne, würde sie im sicherlich anstehenden Gerichtsverfahren als mildernd ansehen.

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