Mal einen Fisch mit Augen zu!

Während sich die MalerInnen für eine spannungsvolle Bildfindung mit Form, Farbe und Inhalt auseinandersetzen müssen, haben SchriftstellerInnen die Möglichkeit, Farben einfach zu beschreiben. Sie können zB. schreiben, dass der Himmel ultramarinblau gewesen sei an jenem Tag, als … Obwohl: Einfach ist das auch wieder nicht, da das menschliche Auge ungefähr 300 unterschiedliche Wellenlängen wahrnehmen kann. Das sind also schon einmal 300 Farbtöne, die mit ihren unzähligen Nuancen nicht beschrieben werden könnten, da uns dafür – sicherlich in jeder Sprache – einfach die Worte fehlen. Etwas, von dem wir keine Vorstellung haben, können wir auch nicht beschreiben. Oder doch? Wir können uns sogar in Räume vorwagen, die noch niemand lebend betreten hat, und trotzdem mit einem Bild vom Jenseits zurückkommen.
Bleiben wir weiterhin bei der Annahme, dass es leichter sei, ein Bild zu malen als einen Text zu schreiben, wird uns ein Kind, das seine Mutter darum bittet, einen „Fisch mit Augen zu“ zu malen, schnell eines anderen belehren. Die Mutter kommt dem Auftrag nach, indem sie einen Fisch mit einer Augenklappe zeichnet. Der Auftraggeber aber ist damit ganz und gar nicht zufrieden, weil er es gerne gehabt hätte, dass seine Mutter ihm einen Fisch mit geschlossenen Augen zeichne. Als Wasserbewohner kommen sie zwar seit jeher ohne Augenlider aus, aber Auftrag ist Auftrag.
Ich zum Beispiel, der nicht so überheblich ist zu glauben, dass er die Bezeichnung Schriftsteller für sich in Anspruch nehmen darf, habe zwar mit einem ersten Satz begonnen, dem ich noch etliche nachgeschickt habe, um die Schwierigkeit aufzuzeigen, die einem dieses Handwerk macht, und weiß nun nicht mehr weiter. Vielleicht aber ist es mir trotzdem gelungen zu beweisen, dass der Transfer von Gedanken in lesbare Sprache weder für MalerInnen noch für SchriftstellerInnen einfach ist.

Kannst du das Bild sehen, wenn ich jetzt schreibe: Ich male keinen Fisch mit Augen zu? Lidlos glotzen sie mich an, nachdem ich ihn aus dem Zeitungspapier befreit habe, dessen Schlagzeile ich überfliege und dann wissen will, in welchem Jahr, an welchem Tag die in dieser Branche ganz und gar unüblich gute Nachricht kundgetan worden ist, dass das Überleben der menschlichen Spezies wenigstens für die nächsten 20 Jahre garantiert werden könne, wenn sie sich an das Pariser Abkommen halte.

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2 Comments
  • Manfred Voita
    Posted at 22:06h, 05 Januar Antworten

    Gute Nachrichten, die gerade noch gut genug sind, einen toten Fisch einzuwickeln. Wir ringen um die richtigen Worte, jahrelang vielleicht und wenn sie gefunden wurden, wie schnell verlieren sie ihre Bedeutung, wenn die Worte die Wirklichkeit nicht verändern.

    • Helmut Hostnig
      Posted at 19:18h, 06 Januar Antworten

      Danke fürs Lesen und Kommentieren lieber Manfred. Dass Worte die Wirklichkeit nicht verändern, aber möglicherweise nach Abwehr zum Nachdenken einladen, lässt sich gut an der Diskussion über die Genderisierung der Sprache verfolgen. Der Equality day für Frauen in Europa findet zB.noch immer im frühen Herbst statt.

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