Onkel Rudi

Wie ein Falke lauert er in seinem Horst unter dem Giebeldach. Onkel Rudi, das Auge, das die im Haus wohnenden Kinder in den verborgensten Winkeln des Gartens aufspürt. Er muss sie aus den Bäumen jagen, zu jeder Jahreszeit, vor allem aber, wenn der Sommer ausklingt und die Zwetschgen, Birnen und Äpfel zu reifen beginnen. Kein Blätterwerk jedoch ist dicht genug, sie vor seinem Falkenauge zu schützen… Zu spät. Schon hat er sie entdeckt. Er wird die Stiege hinunterpoltern, und, wen er zu fassen kriegt, an den Ohren ziehen.
Wir zeigen ihm den Vogel. Er jagt uns durch den Garten. Der rote Kopf. die geschwollenen Stirnadern. Seine Wut, wenn uns die Flucht unter die Fittiche unserer Großmutter gelingt, die er fürchtet. Schimpfend trollt er sich. Ein Falke, dem die Beute abgejagt wurde, ein Einsiedlerkrebs, der sich in seine Schale zurückzieht.

Onkel Rudi, der unserer Mutter Geld zusteckt und ihr manchmal unter den Rock greifen will. Onkel Rudi, der Bauarbeiter. Der Soldat, der zwei Weltkriege überlebt hat. Onkel Rudi, der mit 9 Jahren vom Balkon gefallen und seither nicht mehr richtig im Kopf ist. Er ist der Halbbruder unseres Großvaters, der seinen Eltern versprochen hat, sich um ihn zu kümmern. Onkel Rudi, der Haus- und Gartenpolizist, der ein kleines Zimmer hat unter dem Dach.

Das Geräusch der Bürste, wenn er auf dem Treppenabsatz der Stiege sitzt, seine Schuhe putzt und seine schwarzen Stiefel wichst. Dann stehen sie in Reih und Glied vor seiner Tür und das Stiegenhaus riecht nach Leder, Schuhpasta und Schweiß. Das grüne Auge des UKW-Radios mit dem Regler für die Sender, an dem er dreht, bis er die Nachrichten gefunden hat, die am nächsten Tag in den Zeitungen stehen. Das Glucksen in den Lamellen und Rohren der Heizkörper, die nie wirklich warm werden.

Erl sitzt in der Küche und schlürft seine Suppe. Warum darf er schlürfen und wir nicht? Wir schauen Mutter an. Ihr Blick sagt: Er kann nichts dafür… Sie hätte es auch sagen können, denn er ist taub. Taub vom Krieg. Vom Geschützdonner zweier Kriege. Es hat mit seiner Taubheit zu tun, dass er so misstrauisch ist und immer wütend wird, wenn wir lachen, weil er glaubt, dass wir uns über ihn lustig machen. Das tun wir auch, aber nicht immer. Auch dass er kaum spricht, hat vielleicht damit zu tun. Er weiß uns keine einzige Geschichte, er redet auch mit Mutter nichts. Wir schauen Onkel an. Er scheint nichts anstößig zu finden. Es schmeckt ihm. Wie gern würden wir auch so schmatzen. Wenn er fertig ist, nimmt er eine lange Zigarette, die um einen Strohhalm gedreht ist. Die Packung zeigt eine glutrote Sonne und einen Schwarzen mit schweißnacktem Oberkörper. Er steht in einem grünen Wald und lacht.

Das Zimmer, das wir nie ohne Scheu betreten. Schon auf der Treppe schlägt uns der Geruch von Knoblauch entgegen. Ein Bett, ein Stuhl, eine Herdplatte, ein Ofen. Die rußgeschwärzte Decke, die fettigen Tapeten, die sich an ihren Rändern von der Wand gelöst und aufgeworfen haben. Und eine kleine Truhe, deren Schlüssel er immer bei sich trägt; um die er ein großes Geheimnis macht. Hütet er den Schatzplan eines Piraten, ihm anvertraut vor dessen Hinrichtung? Das Datum der nächsten Mobilmachung, einen kodierten Marschbefehl? Wie uns seinen maßlosen Zorn erklären, wenn wir wieder einmal vergessen haben, die Haustüre, die Türen zur Waschküche oder zum Keller abzuschließen. Was fürchtet er? Was sonst außer der geheimnisvollen Truhe kann ihn dazu treiben, jede Nacht die Schlösser aller Türen zu kontrollieren, die aus dem Haus führen. Selbst seine so kärglich eingerichtete Zelle ist immer verschlossen. Einem Feldlager ähnlicher als einer Zelle sein Zimmer: Bett, Tisch, Ofen. Sonst nichts. Doch! Ein Ölportrait. Es hängt an der Wand neben dem Fenster – links.

Die Farbe ist frisch noch, die Erinnerung grün. Ich schließe die Augen und ich sehe es so deutlich vor mir, dass ich versucht bin, mit einem Fingernagel die Stärke der Leinwand zu ertasten, den Auftrag der Farben zu prüfen, das Gewicht des Rahmens. Wer hat es gemalt? Wer in Auftrag gegeben? Öliges Grün der Uniform. Die stahlblauen Augen, die mich durchbohren, als wollten sie mich festnageln. Das kantige Gesicht, wie aus einem Granitblock herausgeschlagen. Die Gefreitenmütze, die Tapferkeitsmedaille um seinen stiernackigen Hals. Onkel Rudi: Eternal Soldier. Stolz auf die Wunden und Narben, die er aus zwei Kriegen nach Hause brachte. Nach Hause? Nein. Er hatte kein Zuhause. Wunden, auf die er stolz gewesen sein soll? Nein. Alles erlogen. Wie sollte einer noch stolz sein auf einen Trommelfellriss, taub gemacht durch Granatwerfer, dicke Bertas, Stalinorgeln; auf Splitter, die unter die Haut drangen, die zu entfernen sich keine Ärzte fanden, auch zwischen den Kriegen nicht und dann, wozu? Ich sehe ihn vor mir: die speckige Schirmmütze mit den heruntergeschlagenen Ohrenklappen im Winter; die strähnigen, verklebten Haare über dem roten Rand des Schweißriemens auf der Stirn, wenn er sie abnimmt; die bis zum Bersten geschwollenen Adern an den Schläfen, die über den Jochbeinknochen gespannte und tomatenrote Gesichtshaut, wenn er in Wut gerät; der Geruch von gewienerten Stiefeln, der sich mit dem von Knoblauch mischt und die Luft des Stiegenhauses schwängert, wenn er – vom Wirtshaus kommend und am Handlauf Halt suchend – die Stiegen zu seinem Zimmer unter dem Dachgestühl hinaufsteigt.
In meiner Vorstellung aber sitzt er wie eh und je am Abend in unserer Küche, den steifen Rücken gegen den wärmenden Ofen gelehnt, auf unser Bitten hin Rauchringe aus seiner Virginia ausstoßend, denen er noch kleinere hinterherjagt und sich an ihnen genauso zu freuen scheint wie wir Kinder. Manchmal zieht er eine große Uhr aus der Brusttasche, die an einer am Revers seiner altmodischen Weste befestigten Kette hängt, lässt den Deckel aufschnappen, betrachtet das weiße Ziffernblatt mit den schwarzen römischen Zahlen, vergleicht die Stellung der Zeiger mit denen der Wanduhr, dreht den mechanischen Handaufzug hin und her, bis er einen Widerstand spürt und steckt sie ein, um sie wenig später gleich wieder hervorzuholen. Die Befriedigung, wenn die Zeiger beider Uhren übereinstimmen; der Schrecken, wenn sie voneinander abweichen. Und immer ist es die Wanduhr in der Küche, die seiner Ansicht nach die Minuten nicht richtig anzeigt und nachjustiert werden muss. Seine Taschenuhr ist das Maß, nach der sich alle Uhren, die vorgeben, Zeit zu messen, unterwerfen müssen.

Ach, Onkel. Auf dem Weg nach Hause komme ich an der Baustelle vorbei, auf der du arbeitest. Du erkennst mich von weitem. Ich sehe dich in deinem blauen Anton mit deinen schweren Schuhen, der viel zu weiten Hose, den schwarzen Hosenträgern über der wind- und wettergegerbten, fast schon pergamentenen Haut, auf einen Spaten gelehnt. Du winkst. Ich betrete die Baustelle, weiche den Pfützen aus, stolpere unter dem gutmütigen Gelächter deiner Arbeitskollegen über einen Ziegel, bringe dir deine Jause.
Nein: Ich radle an der Baustelle vorbei und tue, als würde ich dich nicht sehen. Nur nicht hinschauen, ja nicht winken. Was sollen meine Mitschüler von mir denken? Dass ich einen Onkel habe, der am Bau arbeitet? Der keinen blassen Tau und Schimmer von Latein und Griechisch hat? Wo sie doch fast ausnahmslos Söhne von Ärzten und Rechtsanwälten, und damit was weitaus Besseres sind, und so ein Arbeiter kein Umgang ist, und auch die Kinder von denen zu meiden? Ja, wer es nicht im Kopf hat, muss es eben in den Händen haben. Wie schnell ich gelernt habe, meine Herkunft zu verleugnen; mich zu ducken, um nicht auch zu denen zu gehören, auf die man hintreten kann, über die wir uns lustig machen dürfen, weil sie aus dem Wald kommen, aus dem Bregenzer Wald, oder Kinder aus Arbeiterfamilien oder Kinder einer Geschiedenen sind oder gar Bastarde von Unehelichen, Kinder der Schande. Mutter kann uns die Vokabeln in Griechisch nicht mehr abfragen, weil sie die Buchstaben nicht lesen kann. Wir sind furchtbar stolz darauf. Wir haben die Nase oben. Neben den toten Sprachen haben wir vor allem gelernt, uns unserer Herkunft zu schämen.
Morgen werde ich einen anderen Weg nehmen.

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1 Comment
  • Rainer Hostnig
    Posted at 15:14h, 11 Januar Antworten

    Ich bewundere Deine Fähigkeit, Dich an Details aus unserer Kindheit und Jugend zu erinnern, die bei mir zum grossen Teil in Vergessenheit geraten sind. Ich glaube, ich war damals mit meinen Gedanken immer auf der Flucht in eine andere Welt.

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