Lake’s Escape

Im Radio das Lied einer Frau, die von ihrem Freund verlassen wurde: …verlassen, aber nicht gebrochen/ ich werde überleben/ ich werde nicht aufgeben/ ich bin stärker als alles, was mich niederdrückt. Das Crescendo eines Streicherensembles endet im Falsett einer sich überschlagenden Stimme, als gelte es einen Hamster auf mythische Art zu bestatten: Ich bin bereit, mich zu erheben!

Was für ein Quatsch, sagt Paul, und sucht einen anderen Sender: Der Hochdruckeinfluss nimmt zu, allerdings machen sich Reste von Fronten mit Wolkenfeldern bemerkbar. Während er noch darüber nachdenkt, was Reste von Fronten mit Wolkenfeldern bedeuten, hat er fast schon wieder vergessen, dass China empört über den Ballonabschuss reagiert und fast die Hälfte der Wähler einer rechten Partei sich ungerecht behandelt fühlt.

Hast du gestern den Film auf Netflix gesehen? fragt Paul, der Kommissar, seine Assistentin. Im letzten Drittel zeigt sich in einem Making of, dass das Ausrufezeichen im Titel kein leeres Versprechen war. Noch einmal hat sich der Meister auf eine gefährliche Mission begeben, um nahe und ferne Zivilisationen zu retten. Spätestens ab Sekunde 16 im Trailer, wenn er sich die Nasenhaare schneidet, ist er unwiderstehlich. Findest du nicht auch?

Ihm fehlt die Bereitschaft zu schweigen und das Schweigen als einen Dialog wahrzunehmen, der wahre Kommunikation stiftet, denkt sie, nickt aber, um seine tollpatschigen Versuche, mit ihr über das Dienstliche hinaus in Kontakt zu kommen, nicht abzuwürgen.  Sie wirkt unauffällig, setzt auf Normcore und Beste-Freunde-Optik: Holzfällerhemd, T-Shirt und Hoodie: Sie nimmt sich die Freiheit, nichts Besonderes sein zu müssen.

Fährt er über den Gaudenzdorfer Gürtel, träumt er Fahrten auf staubigen Durchzugsstraßen – eskortiert von helmlosen Bikern, die ihm die von Gewehrkugeln angeschossenen und pockennarbigen Hauswände aus heißen und kalten Kriegen zeigen. Gerastet wird in KFC-Ketten, in denen Serviererinnen mit hochgestecktem Haar immerfort Cola in Papierbecher schütten oder Kaffee nachschenken. Hinter den Leuchtreklamen der Motels, in denen sie übernachten, wartet keine Überraschung. Vielleicht eine mannsgroße Schabe, die über die gekachelten Fliesen des Badezimmers huscht. Die zum Heulen schönen Straßenfluchten, stadtauswärts, das Verdeck öffnend, vorbei am geträumten Malibu Pier, wo er sich mit Palmenblättern einen Sonnenschutz bastelt, während seine Begleiterin auf die Delphine wartet. Und – so hofft er – auch auf ihn.

Stattdessen führt eine Nonne durch die Räume des von Opus Dei angemieteten Motels, vorbei an einem Baggersee, dort, wo die Abendsonne gerade über einen Beckenrand hinabtaucht, um zuerst einer Nacht im Winter Platz zu machen, in welcher ein Schneesturm tobt, gefolgt von einem melancholisch verträumten Herbsttag in G-Moll. Die Häuser, an denen sie vorbeifahren sind ebenso verschlossen wie die Bäuerinnen, die mit mehligen Gesichtern und aufgerissenen Mundhöhlen stumm die Toreinfahrten bewachen und auf Anfragen Schwerhörigkeit mimen. Die einzigartige Natur erleben und dabei einen Rätselfall lösen – diese Möglichkeit gibt es mit Lake’s Escape in verschiedenen Regionen im Burgenland, verspricht die Werbung.

Menschen, die komplexe Verbrechen begehen, haben keine gelben Augen oder ein Kainsmal auf der Stirn, sagte sie, wobei sie mit blutroten Fingernägeln an ihrer Krawatte nestelte, während er sich ein monströses Brett vor den Kopf hielt, das ihn vor unbequemen Einsichten schützen soll. Ihre Fingerknöchel sind weiß, so fest quetscht sie das weiße T-Shirt zusammen, presst es gegen den Mund, schreit und erstickt ihr Schreien: Der Anblick der Leiche ist nur schwer zu ertragen. Werbung ist das keine, sagt Paul trocken.

Die Spurensuche im pannonischen Winter gestaltet sich schwierig. Niemand redet, nicht einmal ihr Vater sagt etwas in ihren Träumen, wo er so selten erscheint wie zu Lebzeiten. Jeder kannte die Tote, aber niemand so gut, um über sie Auskunft geben zu können. Eine Frau, – auf die Leiche angesprochen – klagte über Arthrose in ihren Fingern, mit denen sie einst die Saiten ihrer verkauften Gitarre gezupft oder geschlagen hatte, ihr den Rhythmus von Flamenco zu entlocken, damals, als Paco Lucia noch am Leben war…

Ein Mann mit faulen Zähnen sprach von Tanzabenden in einer kleinen Gruppe. Dort sei es möglich durch Berührungen herauszufinden, wie groß die Nähe sein darf oder die Entfernung sein muss zwischen Mann und Frau und unter seinesgleichen. Die Tote hätte auch dran teilgenommen.

Eine Mutter sagte, dass sie sich Sorgen gemacht hätte ums Älterwerden, aber auch um ihren erwachsenen Sohn, der – wie sie ihr gestanden hätte -, in den Keller geht, um Haschisch zu rauchen…

Sie zu beruhigen, meinte eine andere, die sich als ehemalige Stimme für Durchsagen in einem Möbel Unternehmen vorgestellt hatte: Diese Droge hat mich zwar blöd gemacht; das aber auf einem hohen Niveau.

Paul, der Kommissar, schrieb alles eifrig in seinen Notizblock, während sie alles aufsaugte, wie ein Schwamm. Manches zweifelte sie an, anderes gab ihr zu denken. Jeder und Jede war verdächtig. Nach der Pandemie ist sie froh, wieder unter Leute zu kommen. Die Tote als Anlass, Menschen nach ihren Lebensgewohnheiten zu befragen, das Geflecht der Beziehungen zu erkunden. Mord oder Selbstmord? Der Fall blieb ungelöst. Die Tanzabende hatte sich der Mann eingebildet. Sie waren ihm bis zum Manga Kiss gefolgt, einem Internetcafé, in welchem allen seinen Gästen der gefürchtete Kodokoshi droht, der einsame Tod, den Menschen sterben, die niemanden haben, dem sie abgehen könnten.

Auf dem Heimweg wurde noch ein Ballon mit dem Volumen von drei Überlandbussen über Costa Rica gesichtet. Auf die Frage, wie es jetzt weiter gehen soll, sagte die Landesmutter: Es braucht eine europäische Lösung, und ich bin mir sicher, dass wir beim nächsten Gipfel Lösungsansätze diskutieren werden.
Immer die gleichen Stehsätze,
sagte Paul und drehte das Radio ab, während die Frau an seiner Seite zum Fenster hinaus und dabei ihr Gesicht sah: Ein Gesicht, das sich daran zu erinnern versuchte, wo sie es schon einmal gesehen hat.

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