Schlüsselroman

Ich könnte auf kein Gebetsbuch schwören, dass es sich wirklich so zugetragen hat; auch heilige Eide können gebrochen werden. Sie müssen sich also auf nichts anderes verlassen als auf mein Wort; das gebe ich Ihnen gern. Ich gebe Ihnen mein Wort, und das muss genügen.
Bevor ich beginne, will ich mich bei allen jenen bedanken, ohne deren Anteilnahme und Mitwirken das Tagebuch nie aufgefunden worden und somit der Nachwelt vorenthalten geblieben wäre. Ihre Namen aber öffentlich zu machen, verbat sich, weil niemand von ihnen es wünschte. Außerdem haben alle schon lange vor dem Zeitpunkt der Eintragungen, in welchen einige von ihnen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, ihr Grab und somit die Ruhe gefunden, die manche während ihres Lebens vergeblich gesucht hatten. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch werde ich also weder ihren richtigen Namen verraten, noch sie für Hinterbliebene und Nachfahren erkennbar machen, selbst wenn sie es verdient hätten; auch auf die Gefahr hin, dass es mir diejenigen unter ihnen übel nehmen werden, die in einer fernen Zukunft auf ihre Entbindung warten.
Auch will ich am Rande anführen, dass es sich als Textsorte nicht eigentlich um ein Tagebuch handelt, da es auf die Ich-Form verzichtet und eine Figur einführt, die wie ein Mensch agiert, aber keiner zu sein scheint, da er sich jeder Rollen-, und Geschlechtszuschreibung entzieht. Ein Wesen also, das sich Orlando nennt: nicht Mann, nicht Frau oder beides gleichzeitig.
So viel zum Prolog, der von Mag. Dr. K., Assistent am Lehrstuhl für Germanische Philologie, auf Grund eines grafologischen Gutachtens sehr wohl als authentische Niederschrift eines Autors identifiziert werden kann, von dem seiner Einschätzung nach die Bühnen und Verlagshäuser noch lange profitieren könnten, da es keine Erben gibt, die darauf Anspruch erheben.
Dieser zugegebenermaßen kryptischen Einleitung möchte ich keine Anleitungen nachschicken, die das Lesen des Textes, für den der Autor nicht verantwortlich gemacht werden will, erleichtern helfen sollen, da dies mit beiliegender Ahnentafel, welche die Verwandtschaftsverhältnisse der Protagonisten grafisch ausleuchten, schon geschehen ist. Um eine geografische Verortung und Orientierung zu ermöglichen, wurde eine Karte hinzugefügt, die allerdings als verschollen gilt. Auch hier seien die Namen von Orten und Landschaften bis zur Unkenntlichkeit verändert und nahezu verstümmelt worden, sodass sie, geschätzter Leser, keine Übereinstimmung mit ihnen, vielleicht von Reisen bekannten Ansiedlungen auf terrestrischen Oberflächen finden würden und sich ganz auf ihre Fantasie verlassen müssten. Leider blieben diese Orientierungshilfen bis auf ein Faksimile, das in gutem Erhaltungszustand auf uns gekommen ist, und die geschlossenen Ehen der Protagonisten bekundet, bis heute nicht auffindbar.
Um eine Einordnung des Textes als Fiktion zu vermeiden, ist ihm ein Schlüssel beigegeben worden, der sowohl Zeit wie auch Ort decodieren hilft, wenn man sich seines Algorithmus zu bedienen weiß. Der geneigte Leser wird schnell feststellen, dass es dieses Schlüssels eigentlich nicht bedurft hätte, und die Vorsicht, die der Autor selbst in den Übersetzungen walten ließ, umsonst war. Noch zur Zeit, als das Tagebuch seiner Veröffentlichung harrte, wussten Zeitgenossen, dass sich hinter der Person des Autors, der sich als unbekannter Verfasser zu diesem Schreiben bekannte, jemand verbarg, der es im versteckten Boden einer Truhe aus dem Jahrhundert vor dem Dritten der apokalyptischen Reiter gefunden und als seines ausgegeben hat.
Es beginnt – und der zweizeilige Paarreim lässt vermuten, dass es sich um ein lyrisches Werk handelt –  so:
Buchstabenreigen, Tanz der Silben, die im Schreiben schon vergilben…
Hier endet es auch schon, und es bleibt der Fantasie des Lesers überlassen, sich auszumalen, was für ein großartiges Klagelied ihm vorenthalten bleibt, weil der Autor es mit einer geheimen Tinte geschrieben hat, deren Zusammensetzung bis auf den heutigen Tag von niemandem entschlüsselt worden ist. Manche vermuten gar, dass die Texte so geheim waren, dass sie sich, nachdem sie vom Absender gelesen worden waren, selbst aufgelöst haben.

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