Fremd

Der böllernde Ofen erzeugte in dem überheizten Zimmer eine pflanzenhafte Treibhausschläfrigkeit. A. ließ sich treiben. Das Boot wurde von der Strömung erfasst. Als er die Augen öffnete, befand er sich auf offener See. Der Horizont teilte das Blau des Himmels, das sich im Wasser spiegelte. Ihn überwältigte ein Gefühl der Verlorenheit, wie es ihn schon einmal heimgesucht hat: Wie aus einem anderen Leben blickt er auf diese Zeit, auf diesen Augenblick zurück, der ihn die „Zeit als Larve der Ewigkeit“ entdecken ließ, um Jean Paul zu zitieren, der dieses schöne und gleichzeitig schreckliche Bild vor mehr als einem Jahrhundert in Sprache übersetzt hat.

Fremd vor dem Ich, aus dem er hervorgegangen war, umtost von brüllendem Verkehr und der Umtriebigkeit von Passanten, die in beiden Richtungen – an ihm vorbei – Zielen zustrebten, die nur in Eile zu erreichen schienen, stand er im Schatten einer Mauer im Zentrum einer fremden Stadt, in einem fremden Land, auf einem Kontinent, den ein Meer von seinem trennte. Im Schatten der fugenlos ineinandergefügten Natursteine war er selbst zum Schatten oder von ihm verschluckt worden. Niemand, – das ahnte, nein, das wusste er -, der ihn in diesem Augenblick vermisste; niemand auf der ganzen Welt, der in diesem Augenblick an ihn dachte. Es war, als gäbe es ihn nicht. Als gäbe es ihn nur für sich selbst. Es war, als wäre er für die anderen tot, nicht da, nie auf der Welt gewesen. Darüber war A. so erschrocken, dass er aus dem Schatten trat und einen der eilenden Passanten anhielt, um ihn – da er der Sprache des Landes nicht mächtig war – mit Körpersprache nach der Zeit zu fragen, indem er auf sein Handgelenk deutete. Er wollte nicht wissen, wie spät es ist. Er wollte sich darin bestätigen lassen, dass er lebte; nicht träumte, dass er lebe; er wollte – keinen Beweis scheuend – wissen, dass er unter den noch Lebenden -, noch nicht gestorben war.

Der Mann, den er angesprochen hatte, musste in seinem Alter sein. Sein kahl geschorener Schädel, seine Haltung, die eine unglaubliche Spannung verriet, zum Angriff oder zur Flucht bereit, erinnerten ihn an einen Mönch oder einen Krieger. Er starrte ihn an: verständnislos und gleichzeitig fragend, weder abweisend, noch zuvorkommend freundlich. Das Auffallendste war die schwere Kette mit den protzigen Gliedern und dem fein ziselierten Anhänger, der seinen stiernackigen Hals zierte und einen Mann zeigte, der am Stock ging und einen anderen Mann auf seinem Rücken trug. Noch immer lächelnd, fragt er ihn jetzt in seiner Sprache und das akzentfrei: Du weißt also nicht, wie viel es geschlagen hat. Darauf mustert er ihn so, als würde er ihn wiegen. Ja. A. kam sich vor, als würde er gewogen, wie Ware für gut oder schlecht gefunden: Du brauchst etwas für deinen Kopf. Du musst ihn schützen. Du unterschätzt die Kraft der Sonne.

Während sich A. fragt, ob er sich über ihn lustig macht, schlägt eine Sirene an, und alle, auch der junge Mann rennen los, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her. Im selben Augenblick befindet er sich wieder im Boot, das zu kentern droht. Das Boot aber war das Bett, die Sirene der Signalton seines Handys, das er auf lautlos zu stellen vergessen hatte, aber sein Traum so lebendig und wirklich, dass er sich nur durch Schwimmen ans Ufer retten konnte.

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