Echtzeitdystopie

In dem Zimmer, dessen Beschreibung auf sich warten lässt, sitzen fünf Personen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Herkunft und warten darauf, dass einem jeden von ihnen ein Name gegeben würde und ein Schicksal, mit dem sie sich anfreunden müssen, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt. Bevor das aber geschehen hätte können, verlassen drei von ihnen den Raum, was die zwei Zurückgebliebenen ohne Verwunderung zur Kenntnis nahmen.
Während sie den Raum verlassen, kann durch ein Fenster ein anderes auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ausgemacht werden, das von einem überdimensionierten Flatscreen in wechselnden Farben ausgeleuchtet wird. Mit einem Zoom in die Tiefe des hinter dem Fenster liegenden Raumes auf das Display können wir zu Zeugen einer Szene werden, in welcher eine Frau in High Heels, Blazer und kurzem Rock, der noch vor dem Knie endend die langen Beine betont, zur Hinrichtung vorbereitet wird.
Die auf den Aliasnamen Lisa getaufte Frau verriet mir später, dass sie sich als Avatar verkleidet hatte, um ihre digitale Repräsentation in der virtuellen Welt auch in der Realen sichtbar zu machen. Sie hatte sich für ein kurzes, ihre Beine betonendes Cocktailkleid in blauem Chiffon entschieden. Das hat ihren Freund so überrascht, dass er sie zuerst gar nicht erkannte. Er selbst nämlich gab vor, ein Matrose zu sein. Er hatte eine abwaschbare Schwalbe auf dem Handrücken tätowiert. Gefragt, welche Bedeutung die tätowierte Schwalbe habe, klärte er seine Freundin darüber auf, dass sie Ertrinkende in den Himmel bringe, worauf sie ihn anfauchte: Hör doch endlich auf, so zu tun, als sei das alles hier normal.
Das plötzliche Licht schlitzt die Dunkelheit auf. Es gibt kein Leben außerhalb von Geschichten. Ein müder, haarender Hund trottet die Straße entlang und markiert eine Hauswand. Der Matrose ist nicht in den Hungerstreik getreten, aber hat zu essen vergessen. Nein: Er kauft den Kindern keine neuen Schuhe. Er spart auf gute Reifen. Er denkt an Flucht und macht sich Mut mit YES I CAN!
Aus weiter Ferne sind Schlachtrufe zu hören. Ein vieltausendstimmiger Chor antwortet leidverbissen einer sich überschlagenden und durch die Übertragung mittels Megaphon blechern klingenden Stimme, die so schrill ist, dass ein Reißen der Stimmbänder befürchtet werden muss.
Als wäre Krieg ein Begriff aus der Antike, etwas, das man vom Hörensagen zu kennen glaubt, etwas, von dem man zwischen Buchrücken liest, weit weg in einem Damals, das genauso gut erfunden sein kann, sagt Lisa, die in Wirklichkeit Lisander heißt. Als Avatar kann sie so tun, als wäre sie nicht sterblich.
Er – ein Monarch des Schweigens geworden – denkt: Die angehäuften Jahre haben das Gewicht eines Tauchbleigürtels. Mit ihm versuche ich den Grund zu kartografieren, ohne auf einen je zu stoßen. Immer tiefer zieht er mich nach unten. Kann es sein, dass die Bleigewichte mit den Jahren zunehmen? Bevor sein Schiff ausläuft, wirft er Münzen in das Wasser des Hafens, oder spuckt gegen den Wind. Nie knackt er mit den Knöcheln, aber klopft auf Holz und sieht zu, dass er keinen Schirm aufspannt, solange er sich noch im Haus aufhält. Seine größte Sorge bereiten ihm Spiegel. Er hat Angst, dass ihm einer zerspringen könnte. Ohne es zu wollen, hat er sich eingerichtet zwischen sich selbstsagenden Sätzen und Sprachverlust.
Ein Mann in froschgrüner Uniform mit roten Schulterklappen und einer viel zu großen Schirmmütze bindet der Frau in einem liturgisch anmutenden Prozedere die Hände auf den Rücken, indem er sorgfältig eine um den Hals geführte Schlinge mit der Schnur verknotet, die ihre Hände fesselt. Neben dem Mann, der die Frau verschnürt und ihr nicht einmal bis zu den Schultern reicht, ist noch ein Uniformierter im Raum, der in Habtachtstellung der Zeremonie beiwohnt. Die Frau, die – ihrer Kleidung nach zu schließen – aussieht, als käme sie geradewegs von einem Geschäftstreffen oder einer Konferenz, lässt alles mit versteinertem Gesichtsausdruck über sich ergehen; gleich einer Maske für eine Charakterdarstellung, die weder Zorn, Trauer, Freude, noch Überraschung kennt, obwohl das Festzurren der Hände auf dem Rücken sehr schmerzhaft sein muss.
Eine Einsatzhundertschaft von Polizisten, die mit Schlagstöcken, Schilden und Helmen ausgerüstet sind, errichtet Absperrungen und droht über Lautsprecher mit Festnahme derjenigen, die es wagen sollten, die Straßensperrung zu durchbrechen.
Ein Shaolin Mönch sagt in eine Handykamera, dass weltweit dramatische Veränderungen stattfänden, die sich auf viele Bereiche beziehen. Noch stehe nicht fest, ob es in einem Kampf auf Leben und Tod Licht oder Finsternis sein wird, das den Sieg davonträgt. Es gäbe Vorboten, die noch immer beides möglich scheinen lassen.
Es schaut so aus, als wäre die Frau von der Straße weg verhaftet und ohne Gerichtsverhandlung zum Tod verurteilt worden. Das Zimmer, das nun beschrieben wird, ist kein Zimmer. Es ist ein Raum ohne Zeit, oder ein Raum, in welchem die Zeit stillsteht. Schon immer stillgestanden ist. Was dort geschieht, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Der kleinwüchsige Wärter in der froschgrünen Uniform mit den roten Epauletten bückt sich, um der Frau die Fesseln an den Füßen sowohl in der Höhe des Schienbeins wie auch der Oberschenkel anzubringen. So geschnürt wird die Frau in kleinen Trippelschritten – begleitet von den beiden Wärtern – in den Raum geführt, dessen Beschreibung noch immer auf sich wartet.
Der Mönch sagt, dass alles so aussehe, als würde es nachgestellt worden sein. Zwischen Realität und Fälschung könne kaum mehr unterscheiden werden. Selbst eine technologische Überprüfung mit forensischer Software könne digitale Manipulation nicht mehr nachweisen.
Die Schlachtrufe kommen näher. Die Polizisten schließen die Visiere ihrer Helme und greifen mit einer Hand nach den aus Polykarbonat gefertigten Schutzschilden und mit der anderen halten sie die Teleskopschlagstöcke griffbereit.
Der Präsident, den sie täglich im Fernsehen zeigen, sei schon lange tot. Er würde mit Hilfe von KI virtuell am Leben erhalten, sagt der Mönch. Er muss lauter werden, um die skandierten Hoch- und Nieder mit … Rufe der Demonstranten zu übertönen: Dort, wo er Präsenz zeigen muss, wird er von Schauspielern in lebensechten Masken gedoubelt.
Der Raum hat die Ausmaße eines Smartphones. Finger huschen und wischen über das Display. Geräusche wie von Ratten auf einem Linolboden.
In der letzten Woche haben Sie durchschnittlich 9 Stunden und 30 Minuten pro Tag auf Social- Medellin-Kartellen (Wortschöpfung Armin Thurnher) verbracht. Ihre Gesamtzeit betrug 36 Stunden und 30 Minuten in den letzten 7 Tagen. Sie haben täglich durchschnittlich 25 Beiträge angesehen und keine Nachrichten gesendet.    

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