Kapfenberg

Warum hat er Ludmila von seinem Traum erzählt? Das hätte er unterlassen sollen. Im Traum noch hat er gewusst, dass das schief gehen würde. Ludwig träumt nämlich, dass seine Frau nach Kapfenberg will. KAPFENBERG. Ja, er hat richtig gehört. Sie will nach Kapfenberg.
Was willst du in Kapfenberg? Hab ich sie gefragt.
Das geht dich nichts an! Hat sie mich angefaucht.
Wenn es mich nichts angeht, dann sind wir geschiedene Leute. Dann verlasse ich dich, hab ich gedroht. Weiß auch nicht, warum. Soll sie doch in Gottes Namen nach Kapfenberg fahren. Ich frag sie auch nicht um Erlaubnis, wenn ich mal einen Tapetenwechsel will.
Das war der kurze im Traum geführte Dialog: Eine Frage. Eine patzige Antwort. Eine Drohung. Die Drohung aber hat nichts an ihrem Entschluss geändert. Im Gegenteil: Es scheint sie eher in ihrem Entschluss bestärkt zu haben. Sie zieht den Mantel an, hängt sich ihre Tasche um und lässt die Tür ins Schloss fallen.
Das darf doch alles nicht wahr sein, denkt Ludwig im Schlaf.
Geht nach Kapfenberg und lässt ihn zurück. Ratlos zurück. Was soll er jetzt nur machen? Er muss jetzt gehen, wenn er sein Gesicht nicht verlieren will. Aber wohin? Er hat es ihr angedroht: „Wenn du nach Kapfenberg gehst und mir keinen guten Grund nennen kannst, warum es ausgerechnet Kapfenberg sein muss, wo du hinwillst, dann verlass ich dich.“
Die Frage, ob sie dort einen Geliebten habe, hat er sich verkniffen. Warum eigentlich? Rasend vor Eifersucht findet er im Traum keinen Schlaf. Warum Kapfenberg? Was hat sie dort verloren? Was hat sie dort zu suchen? Wie steh ich denn da, wenn ich meine Drohung nicht wahrmache? Ein Mann, ein Wort. So sagt man doch. Bin ich ein Mann, der zu seinem Wort steht oder einer, der nur redet. Ein Weichei. Einer, dem die Schneid abgekauft worden ist?
Ludwig kommt es vor, als hätte er sich die ganze Nacht im Bett hin und her gewälzt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Das macht ihm wirklich zu schaffen, dass Stunden vergangen sind seit seiner Drohung und er noch immer nicht gegangen ist. Ja wohin denn? In ein Hotel vielleicht? Kenne ich denn niemanden, der mich aufnimmt? Wenigstens für eine Nacht? Lange genug, dass, wenn ich zurückkomme, ich eine Frau vorfinde, die sich grenzenlose Sorgen um mich, ihren Mann, gemacht hat, vielleicht schon alle meine Freunde angerufen und sich immer wieder gefragt hat, warum sie so stur geblieben ist und mir nicht sagen hat wollen, warum sie nach Kapfenberg musste.
Erschlagen wacht Ludwig in seinem Traum auf. Sie ist da, also zurück aus Kapfenberg. Und er ist auch noch da. Noch immer da. Beim Frühstück fragt er Ludmila: Weißt du, dass du in Kapfenberg warst und mich in ein unlösbares Dilemma gestürzt hast? Gedemütigt hast du mich?
Gedemütigt? Ich dich? Im Traum?
Du hast mir in meinem Traum gesagt, dass du nach Kapfenberg gehst, aber hast mir keinen Grund nennen wollen. Da hab ich dir gedroht, dass ich dich verlasse, falls du wirklich gehen solltest. Daraufhin bist du nach Kapfenberg gegangen.
Ja, und? Fragt Ludmila. Wo ist da die Demütigung?
Das fragst du noch? Ich drohe dir mit Trennung und das ist dir vollkommen egal. Und ich verbringe die ganze Nacht damit, mich zu fragen, wo ich hin soll, weil du mich sonst nicht mehr ernst nimmst, wenn du aus Kapfenberg zurück bist und ich noch immer da.
Das hast du geträumt? Du hast geträumt, dass du mich verlässt, wenn ich nach Kapfenberg geh? Da, schau mal einer an. Du kannst ja richtig eifersüchtig sein. Kannst ruhig zugeben, dass du eifersüchtig bist.
Im Traum, Ludmila. Im Traum. Sei froh, dass ich es nur im Traum bin.
Wie viele Zacken aus deiner Krone brichst du dir, wenn du zugibst, dass du auch bei vollem Bewusstsein eifersüchtig sein kannst? Oder willst du sagen, dass ich machen kann, was ich will? Also auch nach Kapfenberg fahren und mich mit einem Freund treffen über Nacht? Nicht in einem deiner Träume. In echt?
Den Traum und die Demütigung noch in den Knochen – hat Ludwig gemeint, dass sie frei sei und überall hinfahren könne, selbst nach Kapfenberg. Das hätte er besser unterlassen. Was hätte es ihn gekostet? Wie viele Zacken wären Ludwig tatsächlich aus der Krone gefallen, wenn er zugeben hätte können, dass er nicht nur in seinen Träumen eifersüchtig sein kann?
Ludmila hat den Tee genommen, den er für sie bereitet hat, ihn in die Spüle geschüttet, hat sich angezogen und ist gegangen. Er hört noch immer die Tür, so wuchtig zugeschlagen, dass das Foto, das sie beide engumschlungen bei einem Kuss zeigt, einem Kuss, der das Foto ausgelöst hat, weil der Apparat so programmiert war -, aus dem Rahmen fiel und das Glas in tausend Stücke; und sie fort wegen Kapfenberg. Und Ludwig – noch immer in seinem Traum gefangen, der ihm jetzt eine neue Wendung schenkt, weil er – ist so schlau, wie man nur in einem Traum sein kann – und ruft ihren Arbeitgeber an, um nach ihrem Verbleib zu fragen.
Weg ist sie. Ohne ein Wort zu sagen, einfach nicht erschienen. Eine ganze Abteilung hab ich zusperren müssen wegen ihr. Gekündigt ist sie. Haben Sie mich verstanden? Gekündigt.
Aber, werfe ich ein, sie ist doch schon in Pension? Wer sind sie überhaupt? Was fällt ihnen ein, so mit mir herumzuschreien?
Frühstück ist fertig, ruft Ludmila.
Erschlagen wacht Ludwig in seinem Traum auf. Sie ist da, also zurück aus Kapfenberg. Und er ist auch noch da. Noch immer da. Beim Frühstück fragt er Ludmila: Weißt du, dass du in Kapfenberg warst und mich in ein unlösbares Dilemma gestürzt hast? Gedemütigt hast du mich?
Gedemütigt? Ich dich?
Du hast mir in meinem Traum gesagt, dass du nach Kapfenberg gehst, aber hast mir keinen Grund nennen wollen. Da hab ich dir gedroht, dass ich dich verlasse, falls du wirklich gehen solltest. Daraufhin bist du nach Kapfenberg gegangen.
Ja, und? Fragt Ludmila. Wo ist da die Demütigung?
Weißt du, dass ich grad ein Déjà-vu hab?
Willst du mir nicht deinen Traum zu Ende erzählen? fragt Ludmila.
Nein, ich weiß, wie das ausgeht. Besser nicht. Übrigens: Was oder wer ist in KAPFENBERG?   

 

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