
17 Feb. Nicht du. Oma soll mich abholen!
Gestern habe ich Richard getroffen. Richard war ein ehemaliger Mitschüler, kommt aus der gleichen Stadt. Gemeinsam sind wir nach dem Schulabschluss aufgebrochen, um in Wien ein Studium zu beginnen und unser Glück zu versuchen. Richards Frau, mit der er 50 Jahre zusammengelebt hat, ist verstorben. Sie war wegen unerträglicher Bauchschmerzen von der Ambulanz abgeholt und ins Spital gebracht worden. Am nächsten Morgen war sie tot. Das ist nun schon fast ein Jahr her.
Sag! Hat die Intensität deiner Trauer in der Zwischenzeit abgenommen? hab ich ihn gefragt. Und seine Antwort war: Ja, ungefähr um 20%. Um ungefähr 20% ist es weniger schlimm. Aber ich finde keinen Sinn mehr im Leben.
Dann hat er mir ein Kärtchen gegeben von der Bestattung Himmelblau.
Sag ihr, du kommst von mir. Sie war es, die sich um alles gekümmert hat. Ich habe mich außerstande gefühlt, an ein wie immer geartetes Ritual des Abschieds zu denken. Drum hat es auch keine Beerdigung gegeben. Das hätte ich nicht tun sollen. Mein Enkel nämlich – mittlerweile 5 Jahre alt – weiß nicht, was mit seiner Oma geschehen ist. Warum sie nicht mehr da ist. Sein Stiefvater ist heillos überfordert. Nicht du, hat er gestern schon wieder zu ihm gesagt – und er sagt es auch zu mir, seinem Opa: Oma soll kommen und mich abholen. Obwohl es schon fast ein Jahr her ist, dass seine Oma tot ist, will er, dass sie ihn abholt vom Kindergarten. Warum kommt sie nicht? fragt er mich. Für ihn ist seine Oma nicht tot.
Mein Freund ist ratlos. Er weiß nicht, wie er das seinem Enkel erklären soll, was es heißt, tot zu sein. Wenn er ihm sagen will, dass seine Oma tot ist, fragt er, warum sie weggegangen ist. Er ist wütend auf sie, weil sie ihn verlassen hat. Nicht einmal in den Träumen kommt sie zu mir, wie es mir Opa versprochen hat. Vielleicht hat sie mich nicht mehr lieb?
Mein Versuch, sagt er, mein hilfloser Versuch, ihn zu trösten, macht alles nur noch schlimmer. Sie ist jetzt ein Stern, hab ich ihm erklärt. Dann hol ich mir eine Leiter und kletter‘ zu ihr, hat er gesagt und ich hab‘ gelacht. Warum lachst du? hat er mich gefragt.
Er hat eine ziemliche Wut auf mich. Dann aber wieder klammert er sich an mich, weil ich ja auch verloren gehen könnte und einfach nicht mehr wiederkommen, ein Stern werden oder ein Engel und im Himmel wohnen. Ich hätte eine Beerdigung ausrichten sollen. Meine Adoptivtochter hat Recht mit ihrer Wut auf mich, weil ich ihr und ihrem Sohn das Ritual einer Beerdigung vorenthalten habe. Das war ziemlich egoistisch von mir. Das weiß ich heute. Wie das nachholen? Das Abschiednehmen.
Geh nicht zu hart mit dir ins Gericht, versuchte ich Richard zu trösten. Was ich meinem Sohn zugemutet habe, ist um Einiges schlimmer. Eigentlich unverzeihlich. Ich hab‘ das mit dem Abschiednehmen genauso verbockt wie du. Mein Sohn muss so alt wie dein Enkel gewesen sein, als sein heißgeliebter Opa an einem Herzinfarkt verstorben ist. Ich hatte angenommen, dass er in einem Zimmer des Spitals aufgebahrt sein würde. Immerhin war es nicht einmal 24 Stunden her, dass er tot war. Als wir im Spital ankamen, wurde ich darüber informiert, dass sich der Leichnam bereits in der Prosektur befinde. Da hätten bei mir alle Alarmglocken schrillen müssen. Ich hätte auf der Stelle umdrehen müssen und sagen: Tut mir leid, aber das kann ich meinem Sohn nicht zumuten. Was aber tue ich? Ich gehe brav mit. Wortlos führt uns der herbeigerufene Angestellte in den Keller. Lass mich versuchen, das mit allen 5 Sinnen zu beschreiben, was uns dort erwartet hat:
Der Raum ist vom Boden bis zur Decke ausgefliest mit weißen Kacheln. An einer Wand Kühlkammern mit Griffen. Irgendwo tropft Wasser in einen Abfluss. Plink. Plink. Plink. Das Kühlaggregat brummt. Sonst Stille. Ein Ort: steril wie ein Labor. Ein saurer Geruch steigt uns in die Nase. Ein Geruch, der an überreife Äpfel erinnert, die zu gären begonnen haben. Unangenehm: Nicht wie Müll, nicht wie Essen, nicht wie Blumen, wenn sie welken.
Es ist kalt. Auch das Licht ist kalt. Mein Sohn sucht meine Hand. Der Angestellte öffnet wortlos eine der Kühlkammern. Es zischt. Rauch schlägt uns entgegen. Nein: Ein Art Nebel, wie er entsteht, wenn man bei Frost draußen den Mund aufmacht. Mit den Zehen voraus wird die in ein weißes Leinen gehüllte Leiche herausgeschoben. Mein Sohn krallt sich an mir fest, möchte von mir hochgenommen werden und nicht mehr hinschauen müssen, wegschauen dürfen. Er zittert. Seine Hand ist heiß. Nichts wie weg hier.
Was habe ich ihm gezeigt? Einen Raum, der nach dem Ende aller Dinge riecht? Dass der Tod kein tröstliches Märchen ist? Sofort stellten sich Schuldgefühle ein. Zu Recht fiel auch die Mutter meines Sohnes über mich her: Was hast du dir dabei gedacht? Wie konntest du ihm das zumuten? Wie kannst du ihn so überfordern? Abschiednehmen? In der Pathologie? Bist du übergeschnappt?
Unlängst hab ich ihn gefragt, ob er sich noch daran erinnern könne. Wie kannst du das fragen? hat er gesagt. Natürlich. An jede Einzelheit. Es war ein Schock. Vielleicht aber ein heilsamer. Es war ehrlich. Eine erste Begegnung mit Wirklichkeit. Danach hat mir keiner mehr kommen können mit Sprüchen wie: Er oder sie ist jetzt im Himmel. Er oder sie ist jetzt ein Stern. Er oder sie ist ein Engel. Er oder sie schläft nur.
Ich kann dir nicht sagen, wie entlastend das für mich war.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ein Kind mit Tod umgeht: Als mein Opa nach einem Schlaganfall tot vom Stuhl gefallen ist, war ich 7 Jahre alt. 2 Jahre älter als dein Enkelsohn. Wahrscheinlich aber, gab Peter zu bedenken, machen 2 Jahre Altersunterschied in der Kindheit viel aus. Ich habe damals geglaubt, dass ich es war, der seinen Tod verschuldet hat. Dass ich sein Mörder bin, was natürlich niemand wissen durfte. Ich sehe ihn noch heute, den am Boden kreiselnden Rasierapparat und meine Großmutter, wie sie neben ihm kniet und seinen Namen weint: Hans. Hans. Hans. Nein. Nicht gehen. Bleib bei mir. Aber es hat alles nichts genützt. Und ich habe mir eingebildet, dass ich es war, der ihn umgebracht hat, weil er mir noch am selben Tag nachgelaufen ist mit hochrotem Gesicht. Ich muss ihn sehr geärgert haben. Wie und warum weiß ich nicht mehr. Jedenfalls stand für mich fest, dass er meinetwegen umgekommen ist. Ich hätte ihn nicht aufregen dürfen, weil er ein schwaches Herz hat und, wenn er sich aufregt, er keine Luft mehr bekommt und ein ganz rotes Gesicht. Und das ist nicht gut. Das war es, was ihn umgebracht hat. Ich bin sein Mörder und niemand darf es wissen.
Bei der Beerdigung durfte ich das Kreuz hinter seinem Sarg tragen. Um mich zu bestrafen für den Mord an meinem Großvater, hatte ich mir eine Buße überlegt. Es war ein weiter Weg vom Haus zum Friedhof. Die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, war, dass ich das Kreuz so tragen muss, dass es den Sarg genau in der Mitte teilt. Eine Aufgabe, die zu erfüllen schier unmöglich war.
Bis in die Träume hinein hat mich sein Tod beschäftigt. Monatelang. Es muss ja einen Grund geben, wenn jemand plötzlich vom Stuhl fällt und tot ist. Für alles gibt es einen Grund. Weil ich es mir als Kind mit 7 Jahren nicht erklären hab können, hab ich mir eingebildet, dass ich es war, der ihn umgebracht hat. Das hab‘ ich ja niemandem sagen dürfen. Das musste ich ganz allein mit mir ausmachen. Ich weiß noch, dass ich krank geworden bin und alle, – meine Eltern und auch die Lehrer – sehr besorgt um mich waren.
Ich muss Richard ein gutes kindertaugliches Buch mitbringen, wenn ich ihn das nächste Mal treffe. Eins der Bücher, das er seinem Enkel vorlesen könnte, heißt: Ente, Tod und Tulpe. Hier eine Kostprobe:
…“Schön, dass du mich endlich bemerkst, sagte der Tod zur Ente… Die Ente erschrak: Und jetzt kommst du mich holen?
Ich bin schon in deiner Nähe, solange du lebst – nur für den Fall.
Für den Fall? fragte die Ente…“
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