02 Nov. 15. Februar
Im Stadtpark Jugendliche. Sie sitzen auf beiden Seiten des Gehwegs und machen das Gehen zum Spießrutenlauf. Ein Mann – Autor von unverkäuflichen Bestsellern – geht geradeaus und versucht, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. In der Tasche sein Tagebuch. Er hat es zu Weihnachten geschenkt bekommen. In der Widmung steht: …Ich hoffe, es kann deine Schreibblockade endlich auflösen, indem du aufschreibst, wie du den Tag verbracht hast.
Er hatte tatsächlich den inneren Kritiker zum Verstummen gebracht und schon etliche Zeilen notiert. Die Jugendlichen haben sich ihm in den Weg gestellt, und seine Angstlust, die er mit den Lesenden teilt, wird plötzlich auf eine Weise befriedigt, wie er es sich nur in Tagträumen hätte vorstellen können.
Er stolpert mit dem Tagebuch in seiner Tasche über einen ausgestreckten Fuß, fällt hin. Das Buch fällt heraus und liegt vor ihm – aufgeschlagen. Einer hebt es auf, der Autor rappelt sich hoch, stürzt auf ihn los, will es ihm entreißen. Der Jugendliche wirft es einem anderen zu. Der Autor dreht sich um, geht auf ihn los. Der lacht und reicht es einem Dritten, der mit den anderen einen Kreis gebildet hat, in dem er nun tanzt, um wieder an sein Buch zu kommen. Dann trifft ihn ein Tritt, der ihm fast das Bewusstsein raubt. Er hört, wie sein Kopf aufklatscht wie ein mit Wasser gefüllter Tonkrug. Er hört, wie sie einander laut die Einträge vorlesen: 13.2.: Gehen. Im Gehen die Stunden abklopfen wie Schuhe auf einer Schwelle.
Schau an. Wen haben wir denn da? Ein Dichter! Ein Trottel, ruft ein anderer. Sie lachen. Jetzt aber verstummen sie, weil die Eintragung genau von dem handelt, was im Augenblick passiert. Der Vorleser liest:
15.2. Drei Jugendliche halten mich auf, bemächtigen sich meiner Tasche, in welcher sie mein Tagebuch finden. Das wird lustig, denken sie…
Der Vorleser lässt das Tagebuch auf den Boden fallen. Sie schauen sich an. Ihre Gesichter zeigen Entsetzen. Jetzt sind sie es, die es wie ein Fausthieb trifft. Auf alles, selbst auf Gegenwehr, waren sie vorbereitet, nur darauf nicht, dass sie schwarz auf weiß lesen, was sie im selben Moment tun. In welchen Film sind sie da geraten? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Sie stürzen davon.
Der Autor kann ihre Bestürzung verstehen. Ihm geht es genauso. Es ist das dritte Mal in Folge, dass seine Tagebucheintragungen Ereignisse vorwegnehmen, von deren Eintreffen er nicht die geringste Ahnung haben konnte. Bis jetzt aber war er es lediglich selbst, der diese Übereinstimmung mit zunehmendem Staunen zur Kenntnis nahm, sie erst als Zufall abtun wollte, jetzt aber nicht nur selbst Opfer einer Drehbuchszene wurde, die er als Skizze vor wenigen Stunden entworfen und erfunden hatte, sondern ungewollt Zeugen fand, die das im Tagebuch festgehaltene Geschehen als Täter – wie soll er es formulieren? – ja, nachinszenierten. Wenn das nicht Angst macht, was dann? Was käme als nächstes?
Das muss ein Ende haben. Alles gut und schön. Die Schreibblockade aufgelöst, aber doch bitte nicht so, dachte der Verfasser dieser Zeilen.
Wo ist der innere Kritiker, wenn man ihn einmal wirklich braucht, schimpfte er. Soll er doch die Konsequenzen meines Schreibhandelns an seinem fiktiven Leib erfahren.
Er sammelt – auf den Knien rutschend – die zerstreut herumliegenden Blätter ein, zerreißt sie in kleine Fetzen. Dann nimmt er das Tagebuch, geht ein Stück und wirft es in den Fluss, der den Stadtpark in zwei Hälften teilt.
Nie wieder auch nur eine Zeile in ein Tagebuch, will er gerade denken, als ihm mit noch größerem Schrecken einfällt, dass auch dieses Vorhaben auf den Seiten, die er eben zerrissen hatte, vorweggenommen war, aber auch die Reue darüber, den Entschluss gefasst zu haben, das mit dem Schreiben ein für allemal zu lassen…
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