03 Nov. Nicht einmal die Zähne
Nachschlag zu Allerseelen
Der Stein pendelt über seinem Kopf.
An einem Faden aufgehängt, schwingt er über Peters Brust, über das vernähte Brustbein, über die Füße. Am Bettende steht ein Mann und sieht zu.
Peter liegt auf dem Rücken. Jede Bewegung schmerzt. Fieber, seit Wochen. Heute Nacht wird wieder operiert.
„Il faut le refaire“, hat er verstanden. Vielleicht kommt es von den Zähnen. Dann verliert er das Bewusstsein.
Kurz ist er aufgewacht. Metallischer Geschmack im Mund, als hätte man ihm eine Münze auf die Zunge gelegt.
Peter fällt wieder in Schlaf.
Über seinem Kopf pendelt der Stein. Er wird langsamer, steht still.
Dann liegt sein Großvater auf einer Bahre. Aus dem Druckverband quillt Blut. Ein glatter Lungendurchschuss. Er spuckt Blut, ringt nach Luft. Sie wollen ihn krepieren lassen. Sie lassen die Todgeweihten liegen. Das weiß er. Es gibt kein Wasser mehr, keine Maultiere, keine Moral. Er zwingt zwei Sanitäter mit vorgehaltener Armeepistole, ihn ins Tal zu tragen. Er fürchtet, dass sie sich über Blicke verständigen und ihn wie Müll über den nächsten Felsen kippen. Gefallen in den Dolomiten, würde es heißen. Für Ehre und Vaterland. 25. Mai 1915. Wenn er es bis zum Verbandplatz schafft, war für ihn der Erste Weltkrieg vorbei, aber seine Kräfte verlassen ihn. Er schließt die Augen. Peter schaut ihm zu, wie er – nur mit einer Unterhose bekleidet – im Schnee seine Gymnastik macht wie jeden Morgen. Er sieht das Loch auf der linken Seite der Brust und darf seinen Finger hineinlegen. Das Loch ist tief. Auch dort, wo das Projektil ausgetreten ist, hat es eine vernarbte Wunde hinterlassen. Der Großvater schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und grätscht dabei die Beine. Wie der Hampelmann, der über Peters Bett hängt. Jetzt wird Peter in wenigen Jahren achtzig sein. Seine Hand tastet mit dem Finger über das Brustbein. Der Draht darunter gibt einen Ton von sich, dünn, metallisch: Die Stimme seines Vaters.
Es war Ende April 1945. Drei Jahre vor deiner Geburt. Einundzwanzig muss ich da gewesen sein. Mit siebzehn Kriegsmatura, dann Gefreiter. Ladeschütze einer Panzerdivision. In der Po-Ebene lag unser Panzer nach einem Luftangriff unter einer eingestürzten Brücke begraben. Der Kommandant, der Richtschütze, der Fahrer und Funker: alle tot. Beide Einstiegsluken nicht mehr zu öffnen. Ich war eingeklemmt. Nein. Eingemauert. Ja, eingemauert in einem Sarg aus Stahl. Beißender Gestank von Benzin und Öl. Geruch von verschmortem Gummi. Hitze, die die Luft aus den Lungen drückte. Stille. Weit weg das gedämpfte Bumm Bumm der Artillerie. Stockfinstere Nacht. Lieber wäre ich bewusstlos geblieben oder auch tot. Kein Wasser. Peter wacht auf. Der Mund ist trocken, er will nach dem Wasserglas greifen. Seine Hand findet nur den Draht im Brustbein. Darunter, tiefer, ein zweites Herz, das nicht seines ist. Es schlägt im Takt fallender Bomben.
Er schließt die Augen. Selbst mit offenen Augen sähe er nichts. Der Vater seines Vaters ist blind. Es ist die zweite Angriffswelle. Skalpell. Das Brustbein wird aufgesägt. Jetzt liegt das Herz frei. Über der Stadt fallen die Bomben. Etwas öffnet die Straßen, etwas zündet die Häuser an. Klemme. Sauger. Die einzelnen Feuer finden zueinander. Kein Wasser kann sie löschen.
Bereit für den Bypass? Die Herz-Lungen-Maschine hat nun die Atmung übernommen.
In den Kellern wird die Luft dünn. Auf der Flucht tastet er in einem unterirdischen Stollen an den Wänden entlang, sucht die Stiege. Sie trampeln über ihn hinweg. Er liegt am Boden, in Embryohaltung, versucht sich zu schützen, verliert das Bewusstsein.
Ein Faschingsdienstag. Zu Tode getrampelt auf der Flucht aus Dresden.
Über ihm, hoch über dem Trümmerfeld, schwingt ein Stein an einem Faden. Peter wacht auf. Öffnet die Augen. Im Zimmerfernseher wird eben von Friedenssicherung gesprochen. Am Ende des Bettes steht er wieder oder noch immer: der Mann mit dem Pendel. Das Pendel stoppt abrupt über seinem Kopf. Peter schließt die Augen.
Er hört den Pendler lachen, und dann sagt er: „Ist doch gar nicht so schlimm, das Sterben. Man gewöhnt sich dran.“
Peter will zurück in den Traum, aber etwas Nasses fährt über seine Stirn. Die Stationsschwester wischt ihm den Schweiß ab. „Vous avez fait des rêves assez confus“, sagt sie. Sie haben ziemlich wirr geträumt. Sie nimmt das Thermometer, schüttelt es, geht.
Die Betäubung lässt nach. Der Schmerz meldet sich zurück. Die Zunge sucht im Mundraum nach den Zähnen, die gestern noch da waren. Nichts. Doch. Blutpfropfen.
Nicht einmal die Zähne haben sie ihm gelassen.
Views: 0
No Comments