04 Nov. Paracusis
Das Abteil ist voll. Dem Mann, der mir direkt gegenübersitzt, gehört das Handy, das plötzlich mit einem schrillen, albernen Entenquaken loslegt. Schlagartig haken sich sämtliche Augenpaare an ihm fest. Hastig und mit fahrigen Fingern nestelt er das Telefon aus dem Seitenfach seines Rucksacks.
Er drückt auf das Display und presst das Gerät ans Ohr: „Ja, du? Ja, bin schon im Zug. Ist was passiert? Wo ich bin? Ich bin im Zug. Hab ich schon gesagt. Du, mir ist das jetzt nicht recht. Können wir das bitte besprechen, wenn ich wieder daheim bin?“
Er duckt sich tiefer in seinen Sitz, presst die Schulter gegen die Wandverkleidung neben der Scheibe, den Kopf eng an die Polsterung der Stütze gedrückt, und versucht angestrengt zu flüstern. Aber in der schläfrigen Stille des Zuges trägt jedes einzelne Wort: „Ja, hast du denn überhaupt kein Vertrauen? Soll ich jemanden bitten, dass er dir das bestätigt, dass ich in einem Zugabteil sitz?“
Er starrt bange auf das Display, horcht noch einmal an der Hörermuschel nach, doch nach einem harten Klack bricht die Leitung ab. Als er aufblickt, streift sein Blick kurz den meinen. Eine stumme Entschuldigung andeutend, zieht er die Schultern hoch – eine verlegene, hilflose Geste, als wolle er sagen: Kann nichts dafür. Tut mir leid.
Nur Sekunden später zerschneidet erneut das Duck-Quack-Rufzeichen die Luft.
Er nimmt panisch ab – und hat in der Hektik den Lautsprecher aktiviert. Durch die gedämpfte Ruhe des Abteils dringt unerbittlich ein herzzerreißendes Schluchzen. Hektisch versucht er, die Freisprechfunktion wegzudrücken, vergreift sich an den seitlichen Tasten und regelt das Signal in seiner Not noch lauter:
„Was tust du mir an? Warum bist du so … so kalt?“, unterbricht sie ihr Schluchzen.
„Was tue ich dir denn an?“, wehrt er mit brüchiger Stimme ab, während er verzweifelt auf das Glas tippt. „Nein! Warum sollte ich mich über dich lustig machen?“
Das Weinen am anderen Ende bricht wieder auf, ungefiltert und unbarmherzig nah. Er ringt sichtbar um Fassung, spürt die Augenpaare, die sich wie Nadeln in seinen Nacken bohren: „Aber Liebes, ich sitz im Zug. Was soll ich sagen? O.k. Ich sag’s jetzt. Ganz laut, damit es alle hören.“ Er holt tief Atem, beinahe trotzig, beinahe verzweifelt, aber auch wütend: „Ich liebe dich!“
Im selben Moment gefriert das Abteil. Eine Frau zwei Reihen weiter erstarrt mitten im Umblättern, das Rascheln ihrer Zeitung stoppt abrupt. Der Mann neben mir starrt mit regloser Miene geradeaus und tippt blind auf seiner Laptop-Tastatur herum, nur um beschäftigt zu wirken. Niemand wagt sich zu rühren. Ich, der ich ihm direkt gegenübersitze, suche krampfhaft mein eigenes Spiegelbild im Fensterglas, blicke auf den Boden, mustere den Boden und die Nähte meiner Schuhe. Ich unternehme alles, um nicht in den Verdacht zu geraten, zugehört zu haben oder mithören zu wollen.
Da schneidet ihre Stimme erneut aus seinem Lautsprecher, trocken und für jeden Einzelnen unüberhörbar:
„Wie du das sagst. So abgebrüht und nur, weil ich’s hören will. Von selber würde dir das nie einfallen. Vielleicht willst du mich einfach nur wütend machen.“
Dann macht es wieder trocken Klack.
Der Mann sitzt da, das stumme Telefon noch immer an die Wange gepresst, als böte ihm das Gehäuse einen letzten Schutz vor der Welt. Er weiß nicht mehr, wohin mit sich. Ein dunkles, unbarmherziges Rot steigt ihm in die Wangen, sein rechtes Ohr glüht förmlich. Langsam senkt er die Hand, stopft das Handy zurück in das Seitenfach des Rucksacks, steht auf und wuchtet ihn in die Gepäckablage über sich. Dann lässt er sich wieder auf seinen Platz fallen und starrt mit leerem Blick an mir vorbei aus dem Fenster.
In der bleiernen Stille, die nun über uns liegt, ist die Scham mit Händen zu greifen. An den abgewandten Gesichtern und den kaum merklichen Blicken lässt sich erahnen, welche Gedanken die Mitreisenden jetzt stumm umtreiben: Eifersucht muss schlimm sein. Warum trennt er sich nicht? Ist das seine Frau oder seine Geliebte?
Niemand atmet laut. Die Schienen klacken gleichmäßig unter dem Waggon. Wir alle hoffen insgeheim, dass der Spuk vorbei ist.
Da setzt von oben ein Geräusch ein. Ein dumpfes, rhythmisches Vibrieren in der Gepäckablage. Kein Klingelton, kein Entenquaken – nur dieses unnachgiebige, leise Summen, das sich über das Metall der Ablage auf den gesamten Rahmen des Abteils überträgt. Einmal. Zweimal. Pause. Und wieder von vorn.
Niemand rührt sich. Keiner sieht nach oben. Der Mann vor mir sitzt vollkommen reglos da, die Hände flach auf die Knie gepresst, die Augen starr ins Leere gerichtet, während das Vibrieren über unseren Köpfen nicht aufhört.
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Ruth Thurnher
Posted at 18:36h, 09 JuniIch kann die Geschichte zu 100 % nachvollziehen. Auch ich hatte auf der Wienfahrt so ein Erlebnis. Eine ältere Frau telefonierte mit ihrem Mann oder Sohn? Man konnte jedoch nur sie hören, nicht den Gesprächspartner. Sie: „Sei nicht so begriffsstutzig. Ich hab dir doch gesagt, wo der Schlüssel liegt“. Sie erklärt anschließen genau den Fundort. Die Person am anderen Ende der Leitung sagt wieder etwas und sie erwidert:“ Wenigstens einmal wöchentlich solltest du dich schon waschen.“
In der Art gingen die Peinlichkeiten weiter. Manche nennen das auch „Fremdschämen“.