Penultimo

Markus weiß, dass beim Erscheinen seines Freundes alle Augen auf ihn gerichtet sein werden, da er ein Riese ist, wie man ihn hier selten sieht. Und so ist es denn auch, als er im Gastgarten auftaucht und – nachdem er Markus ausgemacht hat – auf seinen Tisch zuhält und diejenigen, die mit dem Rücken zueinander sitzen, eine Gasse bilden lässt, als wäre er Moses, der das Meer teilt.
Er begrüßt ihn, indem er ihn umarmt und ihm dabei den Atem abschnürt. Noch im Stehen winkt er den Kellner zu sich und bittet ihn, zwei Schnapsgläser und Limetten zu bringen – jaja, es können auch normale Zitronen sein und Wasser, wenn geht – dann setzt er sich hin und zieht eine kleine Flasche aus seiner Tasche, die er um die Schulter hängen hat.
Die ist von deinem Freund. Ich solle – das hat er mir aufgetragen – penultimo dazu sagen. Du wüsstest schon, was er mir damit sagen wolle. Worauf er – was auch eine Eigenart ist, die ihn auszeichnet – ihn, einen ehemaligen Lehrer, fragt, ob er den Konjunktiv richtig verwendet habe. Er findet es unverzeihlich, wenn mit der Sprache sorglos umgegangen wird, und von niemandem verlangt er Sorgfalt so unnachgiebig wie von Markus, der schon von Berufs wegen darauf achten sollte. Er selbst, ein Nachfahre der Bewohner Feuerlands, der zu Pinochets Zeiten nach Wien kam, hat sie sich so angeeignet, dass niemand auf die Idee käme, ihn für einen Ausländer zu halten.
Der Kellner kommt mit Gläsern, einer Karaffe Wasser, den angeforderten Zitronen und einer Presse: ein Service, den nur erhält, wer in diesem Lokal Stammgast ist. Seine schnellen, eckigen und überschießenden Bewegungen fallen auf. Er ist neu. Auch seine Stimme hat etwas von einer Sprechpuppe, etwas metallisch Klingendes, so irritierend, dass die Gäste einen Augenkontakt meiden. Als könnten sie Zeugen von etwas werden, das jeden Augenblick eintreten könnte oder auch nicht, aber ganz sicher unangenehm wäre.
Während der Riese den Pisco sour zubereitet, will er wissen, was es mit „penultimo“ auf sich habe. Markus will gerade ausholen und von dem argentinischen Sänger erzählen, der sich in einem Lied mit dem Tod duelliert und ihn immer wieder zu einem penultimo, einem vorletzten Schluck Pisco sour, auffordert, bis der Tod – im Trinken ungeübt – einschläft. Da zerschellt das vom Riesen in einem beinahe rituellen Prozedere fertiggestellte Gebräu samt Gläsern und Flasche auf dem betonierten Boden des Gastgartens. Wieder sind alle Blicke auf den Riesen gerichtet, der – ohne Anstalten zu machen, sich nach den Scherben zu bücken – sein Gegenüber darüber aufklärt, dass dies der Polyneuropathie geschuldet sei, einer Nervenerkrankung, die sich als Taubheitsgefühl in Händen und Füßen äußert.
Die Feinabstimmung der Handbewegungen und die Greiffähigkeit haben spürbar nachgelassen, sagt er. Vor wenigen Tagen erst hat mein Ringfinger genäht werden müssen, weil mir beim Abspülen ein Weinglas in der Hand geborsten ist. Bersten – barst – geborsten? Stimmt doch, oder? Wenigstens lässt mich mein Gedächtnis noch nicht im Stich. Obwohl. In letzter Zeit fehlen mir manchmal bestimmte Wörter, die ich umständlich mit anderen umschreiben muss, um mich in Gesprächen verständlich zu machen.
Das kenne ich, sagt Markus. Das sind Wortfindungsstörungen.

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