Oh, das ist ein schönes Wort. Das muss ich mir merken, sagt sein Freund, zückt einen Notizblock aus seiner Tasche, befeuchtet einen Bleistift mit seiner Zunge und schreibt: Wortfindungsstörung.
Die Unterhaltung mäandert zwischen tagespolitischen Themen, bis eines auftaucht, das beide zum Nachdenken über sich selbst einlädt. Markus nämlich beklagt, dass er nichts gefunden habe, wovon er so besessen sein könne wie seine Lebensgefährtin, die sich seit Jahrzehnten mit Ketten und Kettengliedern, Materialbeschaffenheit, Form- und Farbgebung, aber auch ganz allgemein mit Schmuckkunst auseinandersetzt, oder wie sein Freund, der Riese, in der Naturfotografie, wenn ihm nach stundenlangem Stillsitzen in der Au die Aufnahme sich paarender Libellen gelingt. Er selbst mache aus lauter Verlegenheit einmal Collagen, dann wieder Hörstücke und versuche dazwischen, eine Kurzgeschichte zu schreiben, und kreise dabei immer um das, was er das Eigentliche nenne, ohne es je gefunden zu haben.
Der Kellner kommt und klaubt die Scherben auf. Dabei stellt er sich so an, dass die Gäste nicht länger zuschauen, sondern ihm helfen wollen.
Besessenheit gefällt mir nicht, meint sein Freund. Gibt es einen anderen Begriff? Leidenschaft vielleicht? Aber gehört Leiden wirklich zum kreativen Schaffen?
Ohne Disziplin geht gar nichts. Konzentration gehört auch dazu, mischt sich der Kellner ein.
Ja, Sie haben recht, nimmt sein Freund den Ball auf: Fokussiert sein.
Alles rundherum ausblenden können.
Ja, danke, aber lassen sie uns jetzt wieder allein, ja?
Schnell, als könne das helfen, einen Streit zu vermeiden, wirft Markus ein: Vereinnahmt sein von etwas. Ja. Vielleicht trifft es das?
Oh ja!, sagt er. Das ist gut. Das gefällt mir. Vereinnahmt werden, vereinnahmt sein von etwas.
Wieder zückt er den Notizblock, befeuchtet den Bleistift mit der Zunge und schreibt: Vereinnahmt sein von etwas.
Der Kellner hat die Schaufel mit den Scherben in der Hand und schaut dem Riesen über die Schulter: Vereinnahmt werden von etwas gefällt mir, aber es gibt noch zutreffendere Synonyme, wenn Sie gestatten: Sich einer Sache völlig hingeben oder in etwas aufgehen oder von einer inneren Begeisterung getrieben sein… Während er die Synonyme mit seiner ausdruckslosen Stimme herunterbetet, kippt er – nach völligem Verlust der Körperkontrolle – die auf der Schaufel liegenden Scherben dem Riesen über den Kopf. Der springt auf und will ihm an die Gurgel, als der Besitzer des Gastgartens – aufgeschreckt durch den entstandenen Tumult – auf sie zueilt und mit einer Fernbedienung gerade noch verhindern kann, dass es zum Äußersten kommt. Der Kellner erstarrt mitten in der Bewegung, die Arme noch halb erhoben.
Ja. Der Kellner ist ein Roboter. Ich muss mich entschuldigen, stammelt der Lokalbesitzer, der aus der Küche geschossen gekommen ist, weil ihn sein Display auf die Fehlfunktion aufmerksam gemacht hat. Das ist das erste Mal, dass so etwas passiert. Ich habe mir einen humanoiden Roboter aus der neuesten Generation von Tesla geleistet. Er hat mehr „Gefühl“ in den Fingern als die Vorgängerversion. Und redegewandt ist er. Das müssen Sie zugeben. Er wurde mit Millionen Datensätzen gefüttert. Und, was das Beste ist, seine Anschaffung hat sich in wenigen Wochen amortisiert. Er spornt die anderen Kellner zu Höchstleistungen an. Sie machen Überstunden, ohne dafür bezahlt werden zu wollen. Auch die Krankenstände sind zurückgegangen.
Der Riese, sichtlich mitgenommen, mit offenen Schnittwunden von den Scherben, faucht im derbsten Wiener Slang: Oaschloch! G’schissenes.
Die Fernbedienung in der Hand des Besitzers piepst. Der Roboterkellner erwacht zu neuem Leben, richtet sich auf und sagt zu dem Riesen:
Mein Herr, es ist verständlich, dass Emotionen manchmal die Oberhand gewinnen. Doch ein verbaler Kontrollverlust, wie Sie ihn gerade gezeigt haben, kann nicht nur Ihnen, sondern auch anderen Schaden zufügen.
Der Riese hebt die Hand und setzt an: Jetzt is gnua –
Ich bitte Sie, mich ausreden zu lassen, sagt der Roboter und fährt fort:
In einer zivilisierten Gesellschaft ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir unsere Worte und Handlungen im Griff behalten, um ein harmonisches Miteinander zu gewährleisten. Ihr Zorn hat hier nicht nur materielle Schäden verursacht, sondern auch die Atmosphäre für die anderen Gäste beeinträchtigt.
Der Riese macht einen Schritt auf ihn zu und streckt die Hand aus, um ihm den Mund zuzuhalten, oder irgendwo im Nacken muss doch ein Schalter sein. Seine tauben Finger rutschen am glatten Kinn ab und greifen ins Leere. Von seiner Hand tropft Blut auf den Betonboden. Er bemerkt es nicht.
Bitte bedenken Sie, dass auch in herausfordernden Momenten ein kühler Kopf und eine besonnene Reaktion mehr bewirken können als unkontrollierter Zorn. Ich stehe Ihnen zur Verfügung, um Ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen, und gemeinsam können wir eine Lösung finden, die allen gerecht wird.
Der Besitzer tippt hektisch auf der Fernbedienung, scrollt durch ein Menü. Moment, das ist hier irgendwo, murmelt er. Die Gäste, die dem Kellner eben noch helfen wollten, schauen weg, schauen wieder hin. Keiner steht auf.
Lassen Sie uns diesen Vorfall als Gelegenheit sehen, über die Bedeutung von Selbstbeherrschung und respektvollem Umgang miteinander nachzudenken. So können wir gemeinsam eine angenehme und friedliche Umgebung schaffen.
Der Riese öffnet den Mund. Er will etwas sagen, etwas Großes, das dieser Blechkopf nie wieder vergisst, und es fehlt ihm das Wort. Die Lippen bewegen sich, die Hand fährt zum Notizblock und bleibt in der Tasche hängen. Das ist eine … eine …
Der Roboter hält kurz inne, um sicherzustellen, dass seine Worte beim Riesen angekommen sind. Er neigt den Kopf. Meinen Sie vielleicht „Anmaßung“?
Markus kennt diesen Tonfall. Er hat ihn jahrelang in Klassenkonferenzen und beim Elternsprechtag verwendet: eine Lösung finden, die allen gerecht wird. Der Riese sieht ihn an, als erwarte er eine Korrektur, irgendeinen Fehler, den der Lehrer anstreichen könnte. Markus öffnet den Mund. Ihm fällt kein Wort ein.
Der Riese klappt den Mund zu. Er zieht den Notizblock hervor, befeuchtet ein drittes Mal den Bleistift mit der Zunge und beginnt zu schreiben, während der Roboter fortfährt, Wort für Wort:
Ich biete Ihnen meine Hilfe an, sowohl für Ihre physischen Verletzungen als auch für eine schnelle und reibungslose Abwicklung Ihrer Bestellung. Lassen Sie uns diesen Moment nutzen, um von diesem Erlebnis zu lernen und uns auf das Positive zu konzentrieren.
Der Riese setzt den Punkt und hebt den Kopf. Er sieht die Hand des Roboters kommen. Sie nähert sich langsam, beinahe zärtlich, die stählernen Finger leicht gespreizt, wie um eine Wunde zu versorgen. Sie legt sich ihm um den Hals. Und schließt sich. Penultimo sagt er und wiederholt es wie ein Schwachsinniger: Penultimo…
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