28 Mai Von Cucanien nach Kakanien
Draußen wird es langsam dunkel. Eine Lampe, die über den Tag das Licht der Sonne gespeichert hat, leuchtet fahl. Es ist Mai und war heute so heiß, wie ich es für den Sommer fürchte. Ich habe eine CD aufgelegt und dimme die Lautstärke, damit die Nachbarn nicht gestört sind, was bei Carmina Burana von Carl Orff kaum zu bewerkstelligen ist. Ich will zuhören und habe mir den Text im Internet herausgesucht. Es wird in teils lateinischer, teils in mittelhochdeutscher Sprache gesungen. Frenetisch werden Frühling und Amor gefeiert. Ein Abt wird vorgestellt. Er ist der Boss des Würfelspielordens und ein Bruder für Säufer und Spieler in Cucanien:
Ich bin der Abt, der Abt von Cucanien,
meinen Rat halte ich mit den Säufern
geneigt bin ich dem Würfelspielorden,
besucht einer morgens mich in der Schenke,
geht er von mir nach der Vesper entkleidet,
splitternackt ohne Hemd und wird schreien:
Wafna! Wafna!
Vermutlich hat sich aus diesem fiktiven Ort später Kakanien herausgebildet: Eine Abkürzung für die k.u.k. Monarchie. Ein Begriff, über den ich im „Mann ohne Eigenschaften“ von Musil gestolpert bin. Möglicherweise hat er es von Kakophonie abgeleitet, wie Alexander Honold in „Die Stadt und der Krieg. Raum- und Zeitkonstruktion in Robert Musils Roman“ vermutet. Aber bleiben wir beim Mann ohne Eigenschaften und zwar beim Kapitel 8, das Kakanien als einen Ort beschreibt, wo man sein Leben zubringen möchte,… wo es Stil hat, zu verweilen, selbst wenn man fühlt, dass man für seine Person nicht gerade gern dort wäre…
Und auf derselben Seite finde ich folgenden Satz, der diesen Ort als einen definiert, wo es ...für das Glück sehr wenig auf das ankommt, was man will, sondern nur darauf, dass man es erreicht. Außerdem lehrt die Zoologie, dass aus einer Summe von reduzierten Individuen sehr wohl ein geniales Ganzes bestehen kann. Es ist gar nicht sicher, dass es so kommen muss, aber solche Vorstellungen gehören zu den Reiseträumen, in denen sich das Gefühl der rastlosen Bewegung spiegelt, die uns mit sich führt…
Jetzt – nachdem die letzte Strophe des Chors in der Carmina Burana angestimmt wird und die Nacht hereingebrochen ist, ohne, dass ich den Übergang von der Dämmerung in die Dunkelheit wahrgenommen habe – lese ich bei Musil weiter und zitiere noch immer aus Kapitel 8:
Überhaupt, wie vieles Merkwürdige ließe sich über dieses versunkene Kakanien sagen! Es war zum Beispiel kaiserlich-königlich und war kaiserlich und königlich; eines der beiden Zeichen k.k. Oder k.u.k. Trug dort jede Sache und Person, aber es bedurfte trotzdem einer Geheimwissenschaft, um immer sicher unterscheiden zu können, welche Einrichtungen und Menschen k.k. Und welche k.u.k. Zu rufen waren… Es war nach seiner Verfassung liberal, aber es wurde klerikal regiert. Es wurde klerikal regiert, aber man lebte feinsinnig. Vor dem Gesetz waren alle Bürger gleich, aber nicht alle waren eben Bürger…
Somit habe ich – crossmapping betreibend – eine Brücke von der Carmina Burana zu Musil’s Mann ohne Eigenschaften, von Cucanien nach Kakanien geschlagen und wer den Text bis hierher gelesen hat, hat sie mit mir überquert.
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