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Bei den Lafquenche in Missisippi und Huilliches in Tralkao

War das ein Tag. Noch eine solche Woche und ich brauche zwei, nur mich zu erholen. Wie schwierig, anstrengend und gefahrvoll, gleichzeitig aber abenteuerlich und bereichernd es sein kann, mit Umweltschuetzern unterwegs zu sein, haben mir die 16 Stunden heute bewiesen. Reni hat sich einen Pickup ausgeborgt, nicht nur, um mir die Gegend zu zeigen und mir die ersten Interviews mit den Mapuche zu ermoeglichen, sondern auch, um eine Petition unter die Leute zu bringen, die mit dem geplanten Vorhaben Celcos zu tun hat, einen unterirdischen ducto (Abwasserkanal) bis ins naheliegende Meer fuehren zu wollen.

Am fruehen Morgen brechen wir auf nach Tralkao, damit ich mit eigenen Augen sehe, wo die Schwaene nisten. Fuer die Huilliches – Mapuche, die Landwirtschaft betreiben – ein Sanctuario: ein heiliger Ort.
Dort empfaengt uns Franzisco Manquecho Agregan, ein Huilliche, der nicht nur der Sprecher seiner Gemeinde ist, eine Apfelplantage bestellt, als direkt Betroffener gegen la celulosa arauko kaempft , sondern ganz nebenbei, – wie sich in einem Gespraech mit ihm herausstellt -, auch Lieder schreibt und sie mit seiner Gitarre vertont.

Er schenkt mir viel Zeit fuer ein Interview, das ich mit ihm auf einem Hochstand fuehre, von dem aus wir einen Blick ueber die Flusslandschaft haben. „Ich bin hier aufgewachsen“, erzaehlt er, „und wir hatten mit den „Winkas“, wie wir die Gringos auf Mapudungun nennen, seit den Feldzuegen der Inkas und dem Kampf mit den Spaniern immer schon Probleme. Sie rauben uns unser Land, sie nehmen uns das Recht auf Autonomie, auf Ausuebung unserer Braeuche, wir werden verfolgt und diskriminiert, und jetzt verseuchen sie auch noch das Wasser. Ich weiss nicht, ob du dir vorstellen kannst, was das fuer einen Mapuche bedeutet. Wir wollen keinen Reichtum anhaeufen. Wir leben von dem, was uns Erde und Meer schenken. Wir bestellen gemeinsam das Land und wir teilen, was wir haben. Wasser und Erde gehoeren allen.“ Als – wie bestellt – ein Schwaenepaar vorbeizieht, fragt er mich, ob es in Oesterreich auch Schwaene gibt: „Was wuerdet ihr tun“, fragt er weiter, „wenn ploetzlich diese herrlichen Voegel tot vom Himmel fallen oder in den Suempfen liegen und euch klar wird, dass es die Abwaesser einer Papierfrabrik sind, die – ohne, dass die Besitzer zur Verantwortung gezogen wuerden – ungestraft weiter ihren Muell in die Suempfe leiten.“ Ich muss an den wochenlangen Kampf um die Erhaltung der Donauau in Hainburg denken. Die Menschen hier aber fuehren – im Stich gelassen von den Politikern, verleumdet oder totgeschwiegen von den Medien, verfolgt von den gekauften Befuerwortern, zu denen leider auch die Kirche gehoert – diesen Kampf schon 12 Jahre lang.

Franzisco fuehrt uns zu seiner Huette, um uns einen Kaffee zu bereiten, der hier uebrigens schwarz getrunken wird. An der Wand haengt eine Gitarre. Als ich ihn frage, ob er mir denn ein Lied auf der Gitarre zu spielen wuesste, hellt sich sein Gesicht auf. Er holt eine Mappe und zeigt mir die Gedichte, die er geschrieben hat, haengt sich die Gitarre um und hebt an von der Trauer und vom Leid seines Volkes zu singen. Eines handelt vom Sterben der Schwaene und heisst „la verdad“ (die Wahrheit)

„se van, se van, volando se van
buscando otro lugar
se van, se van, llorando se van
por culpa de Celco se van“

Wir sind beeindruckt. Nach dem kurzen Auftritt im Garten seines Hauses, fuehrt er uns in die von ihm und benachbarten Bauern angelegte Apfelbaumplantage, deren Baeume in voller Bluete stehen. Die Bienen summen, die Voegel zwitschern, ein Hund bellt. Aus dem Kamin der Huette dringt Rauch. Auf den saftigen Wiesen weiden Schafe und Kuehe. Eine Idylle wie im Bilderbuch. Hier sich in den Schatten legen und mit der Seele baumeln. Reni aber draengt zum Aufbruch.

Wir wollen ja noch in die Fischerdoerfer Mehuin und Mississipi. Auch hier Schilder, die die Richtung anzeigen, in elcher bei einem Tsunamie zu fliehen ist.

In Mehuin“, erklaert mir Reni, „war die Bevoelkerung in ihrer Mehrheit anfangs gegen den geplanten Abwasserkanal, der die toxische Mischung aus Chlor und anderen Bleichstoffen der Papierfabrik unterirdisch ins Meer kippen soll. Dann aber wurde der lebhafte Widerstand gebrochen.

Celco erkaufte sich bei jedem Einzelnen Zustimmung oder Schweigen. Niemand muss seither wieder hinaus aufs Meer, der bereit war, den monatlichen Geldsegen anzunehmen. Wer sich nicht kaufen liess, wurde und wird von den selben Leuten, mit denen er aufgewachsen ist, verpruegelt und beschimpft und muss taeglich um sein Eigentum und – wie mir Teresa Castro-Garces, die Frau des ehemaligen Chefs des Komitees zur Verteidigung des Meeres Elieab Viguera, bestaetigt -, um sein Leben fuerchten. Sie haben ein Haus auf einem Huegel mit wunderschoenem Blick auf Strand und Meer und das gegenueberliegende Fischerdorf Mississipi, aber aus ihren Berichten zu schliessen, nehme ich nicht an, dass sie diese auch wirklich geniessen koennen. „Mein Mann wurde beinahe umgebracht.

Die Leute sagen: Wir seien Terroristen. Vom Ausland bezahlt. Selbst der Priester hat sich kaufen lassen und die Leute, mit denen wir aufgewachsen sind, gegen uns aufgebracht.

Aber wir bleiben hier. Schau, da draussen, bei den Felsen, dort soll das Dioxin bei einer Tiefe von nur 13 Metern ins Meer geleitet werden. Wenn das geschieht, ist unsere kleine Bucht kaputt und das Meer, das viele Familien hier versorgt, wird verseucht sein. Wie koennen Menschen das zulassen?“, fragt sie hilflos und warnt mich, ja nicht Spanisch zu sprechen, wenn ich jetzt gehe und angesprochen werden sollte.

Tatsaechlich stehen Maenner auf der anderen Strassenseite, als ich die Treppen hinunter steige. Sie lassen mich aber unbehelligt. So aber sollte es nicht bleiben. Als wir mit dem Pickup auf dem Weg zum anderen Ufer sind und uns Leuten naehern, die ihre Stative aufgebaut haben und beim
Vermessen sind, werden wir mit Steinen beworfen. Da Reni um das ausgeborgte Auto fuerchtet, erstattet sie Anzeige bei den Carabinieris und bittet sie, das Auto vor dem Gebaeude abstellen zu duerfen.

Wir finden einen Faehrmann, der uns uebersetzt. Aus der Ferne schon ist die Schutzhuette der Fischer erkennbar. Parolen wie „No al ducto“ oder „Unsere Wuerde laesst sich nicht kaufen!“ beweisen Mut bei soviel Gewalt, die hier ausgeuebt zu werden scheint. Nach anfaenglicher Scheu – ich werde als Journalist aus Europa vorgestellt – ist das Eis bald gebrochen. Das verdanke ich dem Umstand, dass ich nicht weiss, wie der mir angebotene Tee zu trinken ist. Es loest allgemeine Heiterkeit aus, als ich den Tee aus der Tasse trinken will und mit dem duennen strohhalmartigen Aluminiumrohr, das an seinem Ende sich zu einem Sieb erweitert, den dicken Sud umruehre, der von einer Frau, die am Herd sitzt, fuer alle immer wieder aufgegossen wird. Bald entwickelt sich ein lebhaftes Gespraech. Jeder will seinen Unmut los werden. Alle sind sie traurig, dass es Celco gelungen ist, die kleine Gemeinde aufzuspalten und die Leute gegeneinander aufzuhetzen.

Eine Frau beklagt sich, dass sie ihre Tochter sogar aus der Schule nehmen musste, weil sie dort als „Tochter von Terroristen“ beschimpft und taeglich schikaniert wurde. Auch in der Nacht muessen sie sich abloesen, damit ihre Boote nicht beschaedigt werden. Das seit 12 Jahren.

Sie haben sich in Fahrt geredet, als ein Junge hereinstuerzt: „Draussen sind 2 grosse Schiffe“. Weil kein grosses Schiff in Kuestennaehe vor Anker gehen darf, weil es ihre Fischgruende sind, laden uns die Fischer ein, mit ihnen hinaus zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Es ist ein Schiff aus Valparaiso. Die Besatzung will gegen Geld an Land gebracht werden, da heute das alles entscheidende Match Chile gegen Argentinien stattfindet und sie keinen Fernsehe an Bord haben.

Die Fischer aber wollen Benzin. Das Tauschgeschaeft kommt nicht zustande. Sie tun mir leid.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Reni aber raet mir noch zu bleiben, um Boris Hualme Millanao zu interviewen, der das, was die Fischer so aus dem Bauch erzaehlt haben, in einen groesseren Zusammenhang stellen kann. Nach dem Anschlag auf Eliab, dem Mann von Teresa, ist er nun Vorstand des Komitees zur Verteidigung des Meeres.

Leider geht mir mitten im Interview unbemerkt die Batterie aus. Nach einer herzlichen Verabschiedung werden wir am anderen Ufer schon von der Carabinieri erwartet.

Todmuede kommen wir nach Valdivia. Mittlerweile ist es halb zwoelf. In den Strassen wird frenetisch hupend und Fahnen schwingend der Sieg Chiles ueber Argentinien gefeiert. Chile hat sich fuer die Weltmeisterschaft qualifiziert. Da aber eine Gefaehrtin aus der Wohngemeinschaft Geburtstag hat und mein bretterhartes Bett im Wohnzimmer steht, kann ich in keinen Schlafsack kriechen, sondern „darf“ – herzlichst eingeladen – noch bis in den fruehen Morgen hinein mitfeiern.

So bleiben mir 5 Stunden. Reni will mich aufwecken und zum Terminal bringen, damit ich mich nicht mit meinem Rucksack hinschleppen muss. Es waren aufregende und intensive Tage in Valdivia. Reni sei gedankt.

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