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Ein dalmatinischer Grusz aus Puerto Porvenir

Da ich oft tagelang von dem lebe, was die Abbildung zeigt (auch das Rauchen habe ich mir nicht – wie vorgehabt – nehmen lassen ), goenne ich mir ein kleines Hotel mit Internetanschluss – uebrigens nicht teurer als das, in welchem ich in Punta Arenas untergebracht war. 

Diese Seite widme ich Christiane Angermayer, der Direktorin meiner ehemaligen Schule, die davon traeumt, einmal Tierra del fuego zu bereisen. Vielleicht gelingt es mir, dir mit meinen Berichten soviel Lust auf einen Besuch dieser groessten aller Inseln der beiden Amerika zu machen, dass du noch diese Woche einen Flug nach Ushuaia buchst, um von dort aus „the uttermost part of the earth“ mit seiner spektakulaeren und einzigartigen Flora und Fauna, den unzaehligen Inseln und Archipelen mit ihren fast unwirklich schoenen Landschaften und den liebenswuerdigen Menschen selbst zu erkunden.

Auch Puerto Porvenir koennte dir gefallen. Es liegt so abgeschieden und still, dass die

Wendung „dort, wo sich Fuchs und Henne (aber auch die Kroaten der  mittlerweile dritten Generation) gute Nacht sagen“ nirgends angebrachter scheint als hier. Ja, du hast richtig gelesen. Hier leben neben Chiloten (Bewohner der Insel Chiloe) in der Mehrheit Kroaten, die der Goldrausch vor dem ersten Weltkrieg von den Kuesten Dalmatiens hierher verschlagen hat.

Nicht nur Strassennamen, auch die kroatische Fahne, die auf den Waenden der Lokale haengt, aber auch auf Pickups aufgeklebt ist, halten die Erinnerung an Herkunft und Vergangenheit Porvenirs, das uebersetzt soviel wie Zukunft heisst, wach. Ein nostalgischer, magischer Ort, wenn man sich auf ihn einlaesst.

Als ich auf der Reise durch Argentinien nach Punta Arenas von aelteren Damen, die auf dem Weg nach Rio Gallegos waren, gefragt wurde, was denn das Ziel meiner Reise sei, waren sie erstaunt: „Porvenir? Ushuaia? Tierra del Fuego? Warum um alles in der Welt nach Tierra del Fuego?“ Und an die anderen Mitreisenden gerichtet: „Der Name ist es, der die Touristen anzieht. Dabei finden sie dort nichts, was es hier nicht auch zu sehen gibt.“ „Das mag schon so sein“, dachte ich mir, „Ende der Welt, Ushuaia, Kap Horn, Feuerland, Magellanstrasse, Drake“ sind und waren Namen, die mir als Jugendlicher schon Abenteuer versprachen und Reisefieber weckten.

In der kleinen Bucht finde ich neben einer ueberlebensgrossen aus Holz geschnitzten Statue eines Eingeborenen ein erst vor knapp 20 Jahren errichtetes Denkmal fuer die aus Jugoslawien stammenden Pioniere.

Wer mehr ueber die Geschichte der Feuerinsel wissen will, muss unbedingt das Buch „El ultimo confin de la tierra (the uttermost part of the earth“ von Lucas Bridges kaufen, das vom Zusammentreffen der beiden Kulturen mit allen seinen Folgen fuer die Ureinwohner und die Region erzaehlt. Bridgets hat sein schriftstellerisches und politisches Schaffen ganz dem Kampf zur Erhaltung von Sprache, Kultur und Fortbestehen der Yámana und Selknam und der anderen Staemme gewidmet.

Die Architektur ist typisch fuer diese Region und auch diese erinnert mit den anfangs nur einstoeckigen Haeusern mit Vordach und symmetrisch zwischen der Eingangstuer angebrachten Fenstern an ihre mediterrane Herkunft.

Selbst bei den wenigen Murales, die ich finde, fehlt die Aggression der Graffittisprueher. Man hat schnell gesehen, was zu sehen ist, aber die Luft ist frisch, die Strassen sind leer, es gibt keine Ampeln und auch keinen Verkehr. Da mir gerade ein Reim gelungen ist, mehr davon:

Liebe Christiane!
Hab Muscheln gesammelt fuer dich am Strand
und pflueckte auch einen Loewenzahn
damit dir vertraut scheint das Feuerland.
Wenn nach der Strasse von Magellan
uebrwaeltigt von Inselruhe und muede
vom vielen Schauen und Sehen
du dich fragst am Ende der Welt,
wie ich es hier tue:
„Wann komm ich an?
Wie weit muss ich gehen?“
Dann warst du da!
auf ein Wiedersehen!

Man fuehlt sich nicht nur am Ende der Welt, sondern mit den kleinen Tante Emma-Laeden sowie der Abwesenheit von Motorgeraeuschen – auch in ein anderes, laengst vergangenes Jahrhundert versetzt. Man moechte laenger bleiben und sich hier ausruhen. Apropos ausruhen. Natuerlich muss ich den Friedhof besuchen.

Zwischen rundgeschnittenen Zypressen kleine Mausoleen, von denen eines wie ein muselmanisches Bauwerk anmutet, Graeber wie Kinderbetten eingezaeunt, das Foto eines feschen Hidalgos mit breitem Sombrero, das Grab von vier Jugendlichen, die wie die Grabaufschrift aufklaert, 1973 – wenige Tage nach dem Putsch – „fuer ihre Ideale gestorben und umgebracht worden sind“, aber ganz am Ende des Friedhofs das Grab eines Kindes: Mit den Plastikblumen und den Spielzeugen das anruehrendste aller Graeber. Auch hier erinnern die Namen an die Herkunft der Verstorbenen.

 Hier ist Endstation. Hier wissen sogar die Hunde nichts anderes zu tun, als schon in der Morgensonne auf den Strassen zu schlafen. Die Luft ist vom Meersalz geschwaengert, Voegel zwitschern, in der Ferne Hundebellen, das Meer, in dem die fruehe Sonne ihr erstes Bad nimmt: Eine fast beunruhigende Stille.
Auch am Nachmittag unternehme ich eine lange Wanderung und durchstreife die Gegend, bis die Sonne untergeht.

Doch ist hier noch nicht das Ende der Reise. Señor Doberti wird mich in seinem Pickup mitnehmen und mir die Pampa und die Huetten der Goldsucher zeigen und alles, was sonst noch auf dem Cordon Baquedano zu sehen sein wird. Vielleicht kann dich die naechste Seite, die ich erst noch aufschlagen muss, von der Notwendigkeit ueberzeugen, dass du deinen Traum nicht mehr laenger aufschieben darfst. Was du mit deinen Augen auf Feuerland entdecken wirst, koennen weder meine Fotos noch Bildbaende ersetzen. Aber das weisst du ja selbst.

Einen lieben Gruss aus den dalmatinischen Anden oder dem patagonischen Dalmatien von Puerto Porvenir.

2 Comments
  • Ingrid Dogan
    Posted at 13:01h, 31 Oktober Antworten

    Lieber Helmut,

    ich bin beeindruckt und fasziniert von deinen Eindrücken und Erlebnissen – die Bilder machen mich sprachlos.

    Hab noch eine schöne Zeit.
    Un abrazo fuerte
    Ingrid

  • chb
    Posted at 14:54h, 27 Oktober Antworten

    es ist einfach schön deinen berichten zu folgen. es reisst mich aus dem alltagsstress und läßt mich verweilen. allerdings verliere ich mich in der fülle von eindrücken und ruckzuck ists schon wieder spät geworden.
    morgen hab ich wieder mal einen workshop um lehrerInnen das bloggen zu zeigen. dein blog wird wieder mal zum beispiel herhalten müssen.
    ich freu mich auf ein wiedersehen.

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