" />

Im Cordon Baquedano

Mauricio Doberti, den ich auf der Faehre kennen gelernt habe, laedt mich zu einer Ausfahrt auf den Cordon Baquedano ein.  Er will mir seine Insel zeigen. Es war also nicht – wie in Valdivia gefuerchtet – das letzte Mal, dass ich das Land aus der Perspektive eines Einheimischen erkunden darf.

Mauricio ist Ingeniero forestal, was mich wundert, da ich auf der Feuerinsel keinen Wald vermutet habe.  Aber es gibt ihn noch dort, wo die Grossgrundbesitzer ihn nicht fuer die Schafzuchthaltung roden liessen. Das Holz dieser Waelder sind eine Haupteinnahmequelle Feuerlands. 

„Es sind nur wenige Familien, die sich hier eine Flaeche so gross wie Oesterreich teilen. Es waren schottische Matrosen“, meint Mauricio, in welchem ich einen nicht nur in der Geschichte bewanderten, sondern mit Flora und Fauna der Insel vertrauten Fuehrer gefunden habe, „die als erste erkannten, wie gut sich die andine Tundra  hier fuer Schafzucht eignet. Hier gibt es Millionen von Schafen“, fuehrt er stolz aus, „die nicht wie in industriellen Mastfabriken gehalten werden. Schau.

Es gibt zwar Zaeune, die nur die wildlebenden Guanacos ueberspringen koennen, – uebrigens duerfen sie hier nicht gejagt werden – , aber sie leben frei und weiden das Gras, das sie finden. Darum wird ihr Fleisch weit ueber Chile hinaus geschaetzt. Es wird nicht wie bei der Massentierhaltung ueblich mit Antibiotika, Hormonen und Östrusblockern behandelt.“

Es ist das erstemal, dass ich die scheuen Guanacos aus der Naehe sehe, aber ich ziehe es vor, sie vom Auto aus zu fotografieren.

Als ich vor wenigen Minuten ausstieg, um die Landschaft aufzunehmen, die mich mit ihren gruenen Huegeln und Buchten tatsaechlich an Schottland erinnert, haette der Wind, der hier mit 120 km/h toben kann, mir fast die Autotuer aus der Hand gerissen. „Der Wind ist der König Patagoniens. Das Klima ist rau. Um Weihnachten herum haben wir bis auf 2 Stunden Tag und müssen der Mitternachtssonne wegen die Zimmer abdunkeln, um Schlaf zu finden!“, klärt mich Mauricio auf. Genau hier in dieser unwirtlichen und windumtosten Gegend hat vor nicht einem Jahrhundert der Goldrausch Tausende nach Feuerland gelockt.

„Die Natur hat gnaedigerweise ueber die grossen Erdbewegungen, die hier stattgefunden haben, wieder Gras wachsen lassen. Im Sommer, wenn der Permafrostboden fuer kurze Zeit auftaut“, erzaehlt Mauricio, „kommen noch immer Privatleute herauf und versuchen ihr Glueck.“ Ich wuerde es hier kaum ein paar Tage aushalten“, denke ich mir im Stillen.
Die Landschaft ist urtuemlich. Bis auf Schafe, Wildgaense und Guanacos nichts als Tundra und Wind. In der Ferne die nach Darwin beannte Cordillera, der ebendort seine Evolutionstheorie begruendet hat. Keine Menschenseele. Da und dort eine Huette, in welcher die Schafhirten monatelang ausharren muessen. Was fuer ein Leben. Eben hat sich ein Regenbogen aufgeschirmt und spannt sich in der Ferne wie ein magisches Tor von einem Ende der Steppe bis zum andern.

Mauricio klappt seinen Laptop auf und erkaert mir mit Googleearth, wo genau wir uns gerade befinden. „Wenn du willst, zeige ich dir einen See mit Flamingos“, schlaegt Mauricio vor. Und ob ich Lust habe. Zum Muedesein habe ich spaeter immer noch Zeit.

Ich frage ihn, warum er sich nicht gegen die „capa de ozon“ schuetze, weil ich in Puerto Porvenir die Station gesehe habe, die vor der radioaktiven Strahlung warnt.

„Ach das Ozonloch“, antwortet er lachend. „Ich kenne hier niemand, der an Krebs gestorben waere und ich kenne viele Schafhirten, Bauern und Fischer, die das ganze Jahr ueber bei jedem Wetter draussen sind. Meiner Meinung nach verdient die Pharmaindustrie an dieser Hysterie. Sie verdient sich eine goldene Nase mit Sonnenschutzcremen. Sie kosten ueber 10.000 Pesos (20$). Wer kann sich das schon leisten? In ein paar Jahren, – glaube mir -, werden es genau diese Sonnenschutzcremen sein, die Krebs verursacht haben.“

Mauricio hat einen chilenischen und italienischen Pass. „Mein Urgrossvater kam von der italienischen Kueste nach Punta Arenas, wo er bis zur Fertigstellung des Panamakanals eine kleine Werft betrieb.

Mein Grossvater hat sich auf einer der Puerto Williams vorgelagerten Insel – wirklich am Ende der Welt – eine kleine Farm gekauft, die heute noch betrieben wird. Meine Grossmutter hat 1925 den Genozid an der Urbevoelkerung noch selbst erlebt. Heute werden die letzten Ueberlebenden wie im Zoo vorgefuert“, meint er bitter. Er selbst kann kein Italienisch und will sein geliebtes Feuerland auch nicht – sei es
fuer wenige Wochen – verlassen.

Auf die am Sonntag stattfindenden Wahlen angesprochen, – es ist mein letztes Interview – holt er aus: „Ich war ein engagierter Anhaenger der Unidad Popular unter Allende und wollte sogar nach Nicaragua, um dort Seite an Seite mit den Sandinisten gegen somoza zu kaempfen. Dann kam der Putsch und zerstoerte die Traeume einer ganzen Generation, die auch ihre Kinder – heute erwachsen – traumatisiert zurueckliess. Der Uebergang zur Demokratie hat kaum stattgefunden. Ja, es gibt keine Ausgangssperre mehr, keine Konzentrationslager, und die gefuerchtete DINA arbeitet vermutlich verdeckt, aber ein wirklicher cambio hat nicht stattgefunden. Politik und Wirtschaft arbeiten sich in die Haende. Ausgeliefert dem internationalen Kapital, das die natuerlichen Ressourcen Chiles auspluendert, enttaeuscht von den Versprechungen der Politiker, hat sich die Mehrheit der Menschen in Chile zurueckgezogen und will mit Politik nichts mehr zu tun haben. Die Gesellschaft ist atomisiert. Es gibt lediglich zwei Parteien, zwischen denen gewaehlt werden kann. Piñeras, dem die LAN Chile gehoert, einer der reichsten Maenner des Landes, will bei den naechsten Praesidentschaftswahlen Bachelet abloesen. Die Rechte wird gewinnen, wirst sehen.“

Nach diesem Diskurs ueber die Politik, wie ich ihn von Intellektuellen hier schon oft gehoert habe, fuehrt mich Mauricio an einen See, an dessen Ufer Flamingos zu sehen sein sollen. Leider sind sie ausgeflogen. „Vielleicht ist es noch zu kalt“, meint er.
170 km im Landesinneren und am suedlichsten Punkt meiner Reise angelangt, kehren wir ueber die Bahia inutil zurueck nach Puerto Porvenir. Ueber 5 Stunden mit ihm unterwegs, – Zeit, die er mir gewidmet hat -, frage ich ihn, was ich ihm schulde. „Nichts“, sagt er, „Es war mir ein Vergnuegen dir einen kleinen Teil der Insel zu zeigen. Es gaebe noch soviel mehr zu sehen. Schade, dass du schon wieder zurueck musst. Vielleicht das naechste Mal.“

Er gibt mir seine Adresse und Telefonnummer, wuenscht mir noch eine gute Heimreise und biegt um die naechste Ecke. Was habe und hatte ich doch fuer ein Glueck.

Im Gedenken an all die Menschen, die mir diese Reise unvergesslich gemacht, aber auch an die, die mich ueber meinen Blog virtuell begleitet haben, unternehme ich einen langen Spaziergang in wuerziger Luft und lass die Stationen noch einmal Revue passieren.

Wenn das Wetter haelt, geht es morgen wieder zurueck ueber die Magellanstrasse nach Punta Arenas. Dort muss ich erst noch den preis- und zeitmaessig guenstigsten Weg zurueck nach Santiago checken.

1 Comment
  • Gerhard
    Posted at 22:08h, 01 November Antworten

    Lieber Helmut,
    bin zwar nicht wie du ans Ende der Welt, aber ans Ende deines Blogs gekommen. Es war eine interessante, eindrucksvolle Blogreise. Und sie hat mir Lust auf eine und Respekt vor einer Weltreise gemacht.
    Gratuliere und danke!

    Zu denken gegeben haben mir deine Anmerkungen, als du einmal die Memory Card vergessen hast.

    Ich wünsche mir einen Abend, einen Erzähl-, Bilder- und Gesprächsabend mit H. H., ab sofort jubiliado Hostnig.

    Liebe Grüße
    Gerhard

Post A Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.