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Bei Oma Lore in Pucon

Heute Nacht wurde die Uhr auf Sommerzeit umgestellt. Dem auf das Dach trommelnden Regen und dem mir vertrauten Klima verdanke ich einen Tiefschlaf von 14 Stunden.

„Gruess Gott, tritt ein! Bring Glueck herein!“ Oma Lore, die Mutter von Maria, feiert ihren Geburtstag im Kreis ihrer aus grossen Entfernungen angereisten Familie. Von den 5 Clowns, die die Windraeder antreiben sollen, arbeitet nur einer, und dieser ist eine Frau.

Darauf macht mich Maria aufmerksam. Sie meint wohl sich selbst. Sie hat ihren Sohn allein gross gezogen und muss hart arbeiten, um ihm die bestmoegliche Ausbildung zu ermoeglichen. Eine solche ist hier nur in teuren Privatschulen zu haben. Auch ihre Mutter kann sich nicht einfach zurueckziehen und ihren Lebensabend frei von Geldsorgen geniessen. Wenn ich mich jetzt mit Rucksack in entgegengesetzter Richtung des Fluchtweges (Der Vulkan Villarica ist ziemlich aktiv) die Hauptstrasse von Pucon entlang schleppe, komme ich irgendwann in eine Gasse, in der schon von Weitem ein Schild gruesst: „Kuchen casera“ (Kuchen hausgemacht) Dort wohnt Oma Lore, die Mutter von Maria-Luisa.

Sie erinnert mich an meine Grossmutter. Als kaeme sie aus einer anderen Zeit und haette sich in diesem Jahrhundert verirrt. Hier ist die Uhr stehen geblieben. Sie versteht deutsch – wie alle aus ihrer Familie – , obwohl sie schon in Chile geboren und aufgewachsen ist.  Sie weiss aus Erzaehlungen, wie Ihre Urgrosseltern 1850 mit anderen Kolonisten  in den Zeiten der Depression – die sich, wie wir eben feststellen, zyklisch wiederholt – mit einem Schiff von Hamburg nach Puerto Montt und Valdivia kamen, mit nichts als der Hoffnung, auf einem kleinen Flecken Erde ihr Auskommen zu finden. Von der Regierung bekamen sie ein Stueck Land, um es zu bebauen und ein Ochsengespann, das ihr Vater sofort gegen eine milchspendende Kuh fuer die Kinder tauschte sowie gegen ein Pferd, das die Lasten tragen sollte.  So entstanden die kleinen deutschen Sprachinseln von Santiago bis weit hinunter nach Chiloe. Auch wenn manche schon in der fuenften Generation hier leben, besuchen die Kinder weiterhin deutsche Schulen und pflegen so ueber die Sprache die Braeuche und Kutur ihrer Vorfahren. „Lange Zeit blieben sie unter sich“, erzaehlt mir Oma Lore, „und manche, die sich mit den Einheimischen einliessen, wurden von der Gemeinschaft ausgeschlossen.“ Selbst heute noch wird es nicht gerne gesehen, wenn ihre Kinder einen Chilenen oder eine Chilenin heiraten. Davon weiss auch Reni, die Schwester von Maria ein Lied zu singen.

Oma Lore hat mehr als die Haelfte ihres Lebens auf dem Land verbracht. Damals noch ohne elektrisches Licht und fast ohne Verbindung zur Aussenwelt. Heute lebt sie in Pucon. Da ihre Witwenpension nicht fuers Leben reicht (116.000 Pesos/ 100 $ bei europaeischen Preisen), vermietet sie das Gartenhaeuschen und verkauft Kuchen und Marmelade.

Nach einem reichhaltigen Fruehstueck nehmen Maria, ihre Schwester Reni und ich einen Bus in die Berge nach Curarrehue. Hier in diesem  verschlafenen Nest fuehrt ein Pass nach Argentinien.  Auch ein Mapuchezentrum gibt es, in welchem audiovisuelles Material und Ausstellungsobjekte ueber das Leben der indigenen Bevoelkerung informiert. Ein Lehrer gibt in seiner Freizeit gerade Musikunterricht. Nachdem die Kinder unsere Gegenwart wahrgenommen und ihre Floeten, Gitarren und Geigen gestimmt haben, wird uns ein kleines Konzert geboten.

Das Restaurant mit typischer Mapuchekueche hat leider geschlossen.

Draussen stehen Rehues. Wieder in Paaren. Renny schlaegt einen Spaziergang zum Fluss vor, bevor wir uns wieder auf den Weg zurueck nach Pucon machen. Weiden und Bambusstauden saeumen die Ufer. Irritierend heimelig und gleichzeitig unvertraut Flora und Fauna. Die wellblechgedeckten Holzhaeuser erinnern mich an Norwegen.

Pukon. Zu dieser Jahreszeit ein ebenso verschlafen wirkender Kurort wie Schigebiete im Sommer bei uns in den Alpen oder Gabicce Mare im Winter. Dass hier zur Hochsaison der Teufel los sein muss, davon zeugen die vielen Hotels und Ferienhaeuser. „Sodom, Gomorrha und Pucon“, sagt man in Chile. Rafting, Bergsteigen, Schifahren, Baden, Reiten, Biking, Trekking Tours auf den Vulkan: Kaum eine Sportart, die hier nicht ausgeuebt werden kann.  In der Nacht erleuchtet der feuerspuckende Vulkan den Himmel ueber den Discos und Bars. Leider ist er jetzt wegen der tiefhaengenden Wolken nicht zu sehen. Pucon | das ist nicht zu uebersehen | ist ein touristisches Zentrum. Die hier angesiedelten Mapuche allerdings wurden hinauf an den kaum mehr bebaubaren Rand der weissen Kordiliiere verbannt. Die am Fuss der Berge lebenden Mapuche heissen Pehuenche. Che heisst Mann. Pehuen Berg. Mapu auf Mapudungun Erde. Dann gibt es noch die an Fluss/ oder Meeresufern lebenden Lafkenche, die ich in Valdivia anzutreffen hoffe. Sie leben von der Algenernte, der cachayuyo, fischen und Muscheln. Von ihnen hoffe ich in Valdivia mehr zu erfahren.

Am naechsten Morgen endlich zeigt sich Pukon in seiner ganzen Pracht. Erst jetzt verstehe ich, welchen landschaftlichen Reiz dieser Ort auf seine Besucher ausuebt. Ein Badesee am Fusse eines aktiven Vulkans. La Cordilliera blanca, die wie eine hoch aufgerichtete Mauer Chile von Argentinien trennt. Wo sonst kann man baden und schifahren… Viel Gruen. Viel unberuehrte Natur. Hotels, Bars, Diskotheken.

Nachschlag. Falls in Oesterreich demnaechst wieder gewaehlt werden sollte, hier ein Beispiel fuer Wahlwerbung, die Sinn macht, weil sie sich selbst ad absurdum fuehrt: Hier werben an die 20 Parteien mit ihren Plakaten in Abstaenden von wenigen Metern mit Programmen, die sich moeglicherweise in den Gesichtszuegen der Kandidaten spiegeln. Ich wuesste nicht, wodurch sie sich sonst noch unterscheiden.

1 Comment
  • Alexwebmaster
    Posted at 10:40h, 03 März Antworten

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