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Santiago mit Ema

Wie anders ist es, wenn man eine Stadt von jemandem gezeigt bekommt, der in ihr lebt. So lerne ich nicht nur die touristischen Sehenswuerdigkeiten, sondern ein Santiago kennen, das mich weit vom Zentrum in die Viertel bringt, in denen sich nur noch die Einheimischen treffen, um zB. einen „terramoto“ zu trinken, ein „Erdbeben“ von Getraenk, das es nur in einem einzigen Lokal Santiagos gibt. Mehr eine Spelunke. Ich habe noch nichts Vergleichbares gesehen. Eine tumultartige, aber friedliche Stimmung. Alle Tische besetzt. Dabei ist erst Vormittag. Wieselflinke Kellner. Gitarrespielende Gaeste. Graffittiwaende. Truebe Deckenbeleuchtung. Allein wuerde ich mich da nicht hineintrauen.

Fruehling ist und die Cafes bieten sonnengeschuetzte Sitzplaetze auf den Strassen. Die weissen Gipfel der Kordilliere in Sichtweite. Ein Flohmarkt. Ein Museum fuer zeitgenoessische Kunst.

Vorbei an einer Pastelleria, wo Koeche fuer mich fuer ein Foto posieren. Gleich daneben die Redaktion einer politischen Satirezeitschrift „el clinic“, die sich ueber die derzeit wahlwerbenden Parteien und ihre Spitzenkandidaten lustig macht:
„Wenn ihnen das Schulwesen etwas bedeutet, dann waehlen sie ja nicht die auf den Werbeplakaten dargestellten Kandidaten.“ 

Gleich daneben die ehemalige Endstation „Mapocho“, eines Zuges, der von der Grenze in Arica bis Santiago gefuehrt hat. Heute ein Ort grosser Veranstaltungen, aber auch Kontemplation, da auch die Nationalbibliothek dort untergebracht ist: 
Wie der Markt vom gleichen Architekten entworfen, nach dessen Plaenen der Eiffelturm gebaut wurde. Eine wunderschoene, am Boden mit Marmorfliesen ausgestattete, Stahl- und Glaskonstruktion, die mit den blautoenenden Butzenscheiben an eine Kirche erinnert.

Auf zum naheliegenden Markt. Hier herrscht reges Treiben. auch hier bietet sich keine Gelegenheit zum Sitzen, dafuer umso mehr zum Schauen: Obst, Gemuese und vor allem Fische und Muscheln. Meine Sprache reicht nicht, all das zu benennen und zu beschreiben, was ich mit meinen Sinnen aufnehme. Leider.


Morgen in Valparaiso muss ich Fisch essen. Das darf ich mir nicht entgehen lassen.


Berittene Polizei. Das Museum del arte. Von den Erdbeben ziemlich zugerichtet. Ein Prachtbau der letzten Jahrhundertwende.

Die Betonmauern des braunfliessenden und von Industrieabwaessern kontaminierten Mapocho transportieren politische Botschaften: „Hoch Fidel, auf dass er noch einmal 80 Jahre lebe“. Eine ueberdimensionale Werbetafel will klar machen: „Gott ist groesser als jedes deiner Probleme“.   

Ich moechte den Friedhof sehen, die Stadt der Toten, die mich damals so beeindruckt hat. wir nehmen ein Taxi. Die Entfernungen sind zu gross. Ausserdem habe ich vergessen mich mit meiner Kappe zu schuetzen. Hier geht fast niemand ohne Kopfbedeckung. Sogar im Sommer zeigt man wenig Haut.
Haette ich meine letzten Dollars doch nur nicht an der Grenze gewechselt und noch ein bisschen zugewartet. Der Bankencrash verursacht einen nicht unbetraechtlichen Waehrungssturz fuer den chilenischen Peso. Verglichen mit Bolivien ist alles hier unglaublich teuer, manches teurer als in Europa. Ema arbeitet in einem Buero. 10 Stunden taeglich fuer umgerechnet 180 $. Auch hier macht man sich Sorgen, wie man in der Pension mit noch viel weniger ueberleben koennen soll.

Der Friedhof von Santiago erzaehlt nicht nur – wie in allen Metropolen der Welt – die Geschichte des Landes, sondern verraet auch etwas ueber seine Kultur. Hier finde ich Mausoleen und Grabdenkmaeler in allen Stilen aller Kulturepochen von Pyramiden bis zu griechischen Tempelanlagen, afrikanischen Rundbauten umsaeumt von Palmen und ueberall bluehen die Baeume, sodass wir – der Pollen wegen – niesend und hustend durch die Gassen der Totenstadt stolpern. Manch Lebender wuerde sich gluecklich schaetzen, er haette ein Haus, wie es hier die toten haben. Manche Graeber datieren bis in die Kolonialzeit zurueck.

Draussen erwarten uns Mahnmale fuer die Verschwundenen und eine uerberdimensional grosse Marmorwand mit den Namen der tausenden von Toten, die die Militaerdiktatur unter General Pinochet von 1973 bis 1990 gefordert hat. Nach einer Volksbefragung 1988 wurde er bei einer Wahlbeteiligung von ueber 80% mit lediglich 54% der Stimmen abgewaehlt.
 

Jetzt habe ich aber genug. Entweder ist es die UV-Strahlung oder der staendige Wechsel von kalt und heiss, dass ich ploetzlich so muede bin und nur noch schlafen will. „la tercera edad, das dritte Lebensalter“, meint Ema schadenfroh, „das hat dich eingeholt. Nicht die Strahlung und nicht das Klima“. Wird schon so sein.

Morgen Valparaiso. Das darf ich nicht missen.

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