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Überquerung der Magellanstraße to „uttermost part of world“

Nachdem das Wetter gestern eine Ueberfahrt nach Porvenir, der chilenischen Hauptstadt der Tierra del Fuego, nicht erlaubt hat und ich bis 16 Uhr herumgestreunt bin, ohne mich irgendwo einzuquartieren, um rechtzeitig am Hafen zu sein, wenn die Faehre uebersetzt, hoffte ich, heute nicht noch einen Tag in Punta Arenas verbringen zu muessen, obwohl es einige gut geheizte Cafes mit heimeliger Wohnzimmeratmosphaere gibt.

Fast haette ich mein Vorhaben von Neuem aufschieben muessen, da ich von der Rezeption nicht geweckt worden bin. Mittlerweile habe ich aber auch ohne Uhr und Handy ein ziemlich gut entwickeltes Zeitgefuehl. Mir wird als Geste der Wiedergutmachung – obwohl es fuer Hotelgaeste noch zu frueh ist, ein kleines Fruehstueck bereitet, und dann lass ich mich in einem Collectivo, – das sind Taxis, die Passagiere auf dem Weg auflesen -, zum Hafen bringen. Den Rucksack habe ich im Hotel gelassen. Was brauche ich mehr als eine Zahnbuerste, Fotoapparat, Videokamaera und mein digitales Aufnahmegeraet, mit dem ich die unterschiedlichsten Geraeusche, aber auch Interviews mit Menschen der Strasse aufgenommen habe.

Das Wetter ist freundlich. Einer Ueberquerung der Magellanstrasse wird heute also nichts mehr im Wege stehen. Ich traue meinen Augen nicht, als ich sehe, dass neben Privatautos auch noch ein tonnenschwerer Sattelschlepper auf der Faehre Platz finden wollen. Es gibt nur wenige Passagen, um die von Fernando Magellan 1520 bei seiner Weltumsegelung entdeckte Meeresstrasse zu ueberqueren. Nur die nach Francis Drake beannte Meeresenge zwischen Antarktis und Kap Horn ist der Eisberge und gefuerchteten Stuerme wegen, aber auch, weil lange Zeit verlaessliche Seekaren fehlten,  noch gefaehrlicher als die Strasse von Magellan. Sie ist 560 km lang, am Punte delgada trennen nur 2 km das Festland von der groessten Insel der beiden Amerika, eber es sind 130 km bis dorthin und da mir die Zeit nicht reicht, um auch noch das in Argentinien gelegene Ushuaia zu sehen, waehle ich die 40 km breite Passage zwischen Punta Arenas und Porvenir, um endlich ans Ziel meiner Reise, the uttermost part of world (Autor: Lukas Bridgets), nicht ans Ende, aber fast ans Ende der Welt zu gelangen.

Dass die Meeresstrasse von den Seglern aufgrund der Wetterverhaeltnisse, der Untiefen und der Enge wegen schwierigen Manoevrierbarkeit – gefuerchtet war, beweist die Tatsache, dass in 30 Jahren – zu einer Zeit – als die Schiffsflotten auf dampfbetriebene Turbinen umruesteten und den Wind als Mittel der Fortbewegung abzuloesen begann – die Magellanstrasse zum Grab von 40 Schiffen wurde. Am Kap Horn waren es bis 1914 8 Schiffe jaehrlich, bevor der Panamakanal eine neue Passage moeglich und damit auch die Pazifikhaefen von Valparaiso bis Cerral ueberfluessig gemacht hat. Falls die Polkappen weiter schmelzen, wird bald auch die Nordwestpassage im Norden Kanadas diesen Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik abloesen.

Ein kleiner Muttergottesschrein mit fast abgebrannten Kerzen und das an die Kabinenwand gepinnte Abbild der heiligen Ursula, Patronin der Matrosen, erinnern daran, dass sie auch heute noch gefuerchtet wird. Wie in den Flugzeugen werden die Passagiere auf Monitoren darueber informiert, was zu unternehmen ist, falls die Faehre sinken sollte. Die unter den Sitzen versteckten, aber ziemlich verstaubten Lifejackets sehen zwar nicht sehr vertrauenserweckend aus, duerften aber noch nie benutzt worden sein.

Ueberraschenderweise wird ein Film gezeigt, der die grausame Geschichte der Ausrottung der indigenen Bevoelkerung, der Ona oder  Selknam, der Yámanas oder Yaganes oder der Halakwoolip, die man auch Alacalufes nennt, erzaehlt: Jaeger und Fischer, die vor ungefaehr 8000 Jahren, als die heutige Insel vom Festland noch nicht getrennt war, eingewandert sind.  Genetische Analysen ergaben, dass die Ureinwohner der beiden Amerika ueber die Beringstrasse im Norden, als sie noch eine Landbruecke war, aber auch von den Inseln Polynesiens bis hinunter in den entferntesten Sueden gelangten.

Nicht nur die Grossgrundbesitzer, die das Land fuer die Schafhaltung beanspruchten, jagten die Eingeborenen, auch die Kirche beteiligte sich durch mit Bakterien verseuchter Kleidung an der Ausrottung der indigenen Staemme. Das ist keine 90 Jahre her und beschließt das nicht sehr ruhmreiche Kapitel der Kolonisierung im 20. Jahrhundert. 1843 wurde – um den Englaendern und Hollaendern zuvorzukommen – von Praesident Bulnes, nach dem auch ein Fort benannt ist – eine Expedition  mit dem Ziel ausgeruestet, die noch weissen Flecken der suedlichen Landkarte in die Farben der chilenischen Fahne zu tauchen.

Nach diesem Ausflug in die Geschichte will ich die stickige Kabine gegen die frische Meeresluft tauschen. Mit Ohrenschuetzern und andiner Muetze in viele Schichten gepackt, friere ich noch immer. Ich muss mich festhalten, da mich der Wind fast von Deck fegt. Die Faehre taucht in tiefe Wellen. Die Gischt spritzt bis zu den Kabinen hoch und schaukelt die „Melinka“ gefaehrlich von einer Seite zur andern. Ich muss mich auf die Stiegen retten, um nicht vollkommen nass zu werden.

Von Ferne sehe ich das Ufer der grande isla del tierra del fuego auftauchen: Das Ziel und das Ende meiner Reise. Auf der Faehre lerne ich einen Italo-Chilenen namens Mauricio Doberti kennen, der mir anbietet, mich bis hinein in den „cordon buquedano“ zu bringen, einer Bergkette, wo 1895 bis 1910 der antarktische Goldrausch stattgefunden hat. Was habe ich doch fuer ein Glueck. Es gibt naemlich nur noch Busse, die mich zu den Fischerdoerfern entlang der Bahia Inutil bis zum Lago Fagnano fuehren koennten, falls das stimmt. Weiter werde ich nicht kommen. Ich bin – ein bisschen durchnaesst und frierend, aber gleucklich am Ende meiner Reise angelangt. Nein. Señor Doberti will mich in seinem Pickup tatsaechlich noch ein Stueckchen weiter in den Sueden mitnehmen. Vorher will ich aber Porvenir beschreiben – ein verschlafenes 6000 Seelendorf am gegenueberliegenden Ufer von Punta Arenas.

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