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Bregenz: Damals

Sind es Wolken? Ist es Nebel? Ist das Blau dazwischen der Himmel? Ein See? Wo ist oben, wo unten? Auf einer Wiese liege ich im Schatten eines Baumes. Die Sonne funkelt durch die Blätter. Ich zähle die Blüten. Die Jahre, wo sind sie? Ich schließe die Augen. Gerade noch war ich ein Kind, das träumte, ein Mann zu sein. Ein Mann bin ich jetzt, der vom Kind träumt, das er war. Die Wiese? Deck eines Schiffes, das tanzt auf tosender See. Der Baum? Die Rinde geschält, ohne Ast, ohne Krone. Mast jetzt, der Segel trägt, die Schatten nun spenden anstelle der Blätter. Und nicht mehr zähle ich Jahre, mit denen ich feilsche als wären sie Geld oder Pfand in den Fäusten von Kindern. Wieviel Zeit bleibt noch bis zur flachen Hand des Greises, der loszulassen das Leben ihn lehren soll. Ist es ein Traum, der mich träumt? Mich und das Messer? Die Klinge, die Schneide, auf der ich tanze? Sie stürzt vom Himmel, sie stürzt in die See. Ein Blitz wie blauer Stahl, der den Baum spaltet. Den Mast. Die Wurzel. Das Schiff. Ich springe auf. Noch einmal davongekommen.

Wenige Gehminuten vom Funkenbühel entfernt, einer auf einem Felsen gebauten Wüstenrotsiedlung in Riedenburg, wo wir Kinder in ländlicher  Gegend am Stadtrand von Bregenz aufgewachsen sind -, fließt die Bregenzer Ach. Sie kommt aus dem Bregenzer Wald, und wenn sie so braun wie eben jetzt daher kommt, dann – so der Spruch damals, der gut auch das Verhältnis der Bregenzer zu denen aus dem Wald gespiegelt hat – „wil d’Wälder d’Fieß gwäsche hond“ (weil die Wälder die Füße drin gewaschen haben).

Hier bei der Achbrücke höre ich die Signalglocke der rotweißrotbemalten Schranken, die mit einem beweglichen Gitter versehen waren, das man aufheben und unter das man durchkriechen konnte, wenn man nicht solange auf den so angekündigten Zug warten wollte. Und das wollten wir nie. Es war schließlich Sommer, es war heiß und wir wollten nichts  wie ins Wasser. In richtiges, fließendes, kaltes und der Strudel wegen gefährliches Wasser, nicht in das warme Pipiwasser vom See. Schließlich waren wir harte Burschen, und die Nachbarmädchen, die sich auf den glattgeschliffenen Felsen aalten, warteten schon – nahmen wir zumindest an. Sie mussten ja so tun, als würden sie uns keines Blickes würdigen. Das waren sie sich und ihrem Geschlecht schuldig. Damals zumindest. Wie das heute ist, weiß ich nicht.

In den Strudel zu tauchen, der dich der starken Strömung wegen erst wieder knapp unter der Achbrücke ausspie, galt als Mutprobe. Da war kein König, der sein Gefolge herausgefordert hätte, und es war auch kein goldener Becher versprochen, noch eine schöne Maid dem, der da springe, man(n) tat es, um den anderen, vor allem den Mädchen zu zeigen, dass man ein ganzer Kerl ist, kein Schlappschwanz, kein Weichei, würde man heute sagen. Jeden Sommer forderte dieser Abschnitt mindestens ein Todesopfer,  so wahr ich hier stehe. Ich sprang nie.

Ich lasse den Zug an mir vorüberdonnern, ein seit Kindertagen vertrautes Geräusch, das jetzt meine Erinnerungen wachgerufen hat. Übrigens waren die Güterzüge meine ersten Mathelehrer:  4 x alle Finger und noch 3.

Da wir schon bei Erinnerungen sind: Eine Tafel und der Straßenname machen Passanten darauf aufmerksam, dass wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs  zwei mutige Bregenzer die Sprengung der Achbrücke verhindern wollten. Sie wurden 3 Jahre vor meiner Geburt hingerichtet.

Auch in Vorarlberg, das mit Tirol den höchsten Anteil an Parteigängern der NSDAP aufwies, gab es Widerstand. An diesen will die Stadt anlässlich des Bodenseekirchentages 2002 durch einen Gedenkpfad erinnern.

Ich habe Auszüge aus dieser  Geschichte aus der PDF-Datei herauskopiert:

„Der 20-jährige Leutnant Anton Renz aus Bregenz versuchte kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Sprengung der Lauteracher Achbrücke durch die Nationalsozialisten zu verhindern und wurde
deswegen von der SS erschossen.
Anton Renz (geb. am 18.5.1924) aus Bregenz-Vorkloster wurde im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zur deutschen Wehrmacht eingezogen, wo er als Pionierleutnant seinen Dienst versah. Gegen Ende
des Krieges war er mit seinem Tiroler Freund Helmut Falch von Deutschland nach Bregenz geflohen, um sich bis zum Ende des Krieges im Keller seines Elternhauses versteckt zu halten. Am 1. Mai 1945 beabsichtigten durchziehende deutsche Truppen die Sprengung der Achbrücke zwischen Bregenz und Lauterach, um das Vorrücken der französischen Truppen zu behindern. Um diese angesichts des nahen Kriegsendes auch militärisch sinnlose Zerstörungstat zu verhindern, veranlassten Anton Renz und
Helmut Falch in Offiziersuniform die wachhabenden Soldaten der Pioniertruppe die bereits angebrachten Sprengladungen zu entschärfen. Allerdings erfuhr eine SS-Einheit von diesem Vorgang und nahm Renz und Falch bei der Brücke fest. Erneut wurde Befehl zur Sprengung gegeben, die kurz darauf vollzogen wurde, sodass bis zum 24. November 1945 diese so wichtige Verbindungsstelle zwischen Bregenz und Lauterach unpassierbar blieb.

Anton Renz und Helmut Falch verbrachte man in das Stabsquartier der SS, das Gasthaus „Zum Kreuz“ in Lauterach, wo sie nach kurzem Verhör gegen 10.30 Uhr standrechtlich erschossen wurden.
Die Leichen der beiden Männer warf man in eine Jauchengrube. Am 8. Mai 1945, jenem Tag, an dem die Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft trat, wurden Anton Renz und Helmut Falch auf dem Friedhof Bregenz-Vorkloster beigesetzt. „

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