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In den Schleienlöchern

Karwoche ist und heute ein sonniger Frühlingstag, der zu kleinen Ausflügen ins Freie lockt. Der Föhn zoomt die noch immer schneebedeckten Voralpenhänge in eine Nähe, wie sie sonst nur mit optischen Vergrößerungsbehelfen möglich ist.

Schweizer Berge vom funkenbühel ausMeine Mutter will, dass wir zu einer Zilli fahren, die in einem Altersheim im Bregenzer Wald wohnt. Sie ist auch Jahrgang 1923, sagt sie, war eine Schulkollegin von mir  und hat uns viel Gutes getan. Auch ich will die Frau kennen lernen, die jahrelang dafür gesorgt hat, dass das Brot nicht bezahlt werden musste, das auf unseren Tisch kam. Es war nach der  Beatzungszeit in den Jahren des Wiederaufbau’s, und meine Mutter hat die Nächte in Heim– und Akkordarbeit mit dem Aufnähen von Sohlen auf Filzpantofffeln und dem Einbordeln von Knopflöchern zugebracht, damit wir Kinder keinen Mangel leiden müssen.

Wer der Wohltäter  war, blieb lange Jahre  ein gut gehütetes Wissen der Bäckerin.  Da meine Mutter gelaubt hat, dass für diesen karitativen Akt nur die Kirche zuständig sein könne, musste  ich mich als Ministrant rekrutieren lassen. Erst als die Bäckerin vor etlichen Jahren in Pension ging, lüftete sie das Geheimnis auf immer dringlicheres Nachfragen meiner Mutter. So erfuhr ich, dass ich jahrelang bei Beerdigungen, Messen und Maiandachten den Weihrauchkessel geschwungen hatte, ohne dass je ein Tauschgeschäft zustande gekommen war. Ich habe mich allerdings um diese Zeit nie betrogen gefühlt, da sie mir immerhin die Erkenntnis beschert hat, dass der Leib Christi nur aus Weizenmehl und Wasser besteht.

Kurzum:  Zu besagter Frau waren wir heute unterwegs, auch für mich Gelegenheit mich endlich bei der richtigen Stelle zu bedanken.  Es war ein  mich bewegendes Zusammentreffen zweier Frauen, die sich gegenseitig nach ihrem Befinden erkundigten, Krankheitsgeschichten austauschten und ihre Gebrechen aufzählten, wobei keine von beiden sich lumpen ließ, aber die jeweils andere auch nicht übertrumpfen wollte. Da meine Mutter schwerhörig ist, dolmetschte ich, so gut es eben ging. Zilli hatte mit dem vorletzten Kind nach sechs Geburten ihre Sehkraft eingebüßt, meine Mutter schwangerschaftsbedingt die linken Backenzähne. “ Das eine nimmt, das andere bringt’s“, hat Zilli gemeint, aber das Siebte habe  ihre Augen auch nicht wieder besser gemacht. Diese Bilanz schien mir nicht sehr ausgeglichen. Doch bevor sich bei mir als Vertreter der männlichen und daher nicht gebärfähigen Spezies ein schlechtes Gewissen einstellen konnte, gings ans Abschied nehmen. Im Wissen darum, dass sie sich wohl nie wieder sehen würden, umarmten sie sich, – tapfer gegen die Tränen ankämpfend -, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Ich weiß nicht, was alles mir gleichzeitig in diesem Augenblick durch den Kopf schoss: Draußen die Vorboten eines Frühlings, der den Winter besiegt hatte, und hier in diesem kleinen Zimmer im Altersheim zwei Frauen, die diesen Winter noch einmal überlebt und sich durch ein ganzes Leben gekämpft und um andere gesorgt haben.

Weil ein so schöner Tag ist, und alle Tage gezählt sind, wie ich eben wieder einmal sehr anschaulich erfahren habe, machen wir einen kleinen Abstecher zum See.

Zwischen Dornbirner – und Lustenauer Ach, zwei parallel zum Alpenrhein verlaufende Kanäle oder Durchstiche, die nach langem diplomatischem Tauziehen zwischen den Bodensegemeinden und der Schweiz erst nach verheerenden Überschwemmungen Anfang des 20igsten Jahrhunderts in Angriff genommen worden sind, liegen die Schleienlöcher.  Heute ein Naturschutzgebiet mitten im Rheindelta mit einzigartiger Flora und Fauna, das zu langen Spaziergängen einlädt. Im moorhaltigen Wasser der von Erlen, Ulmen und Schilfgürteln eingefassten Teiche tummelt sich der Schlei (slei: indogermanisch für schleimig/glitschig), ein lichtscheuer Fisch, der wegen seines nussartigen Geschmackes als Speisefisch sehr geschätzt ist.

Wer sich einmal in diese Gegend verirren sollte, wird mir recht geben, wenn ich behaupte, dass auch das  Vorarlberger Unterland mit landschaftlichen Reizen nicht gerade geizt.

Anschließend gingen wir in den Mehrerauer Klosterkeller. Es war ein schöner Tag, der sich dazu noch mit einem sonnenuntergang verabschiedet hat, wie man ihn immer wieder am Bodensee erleben kann.

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