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Tod oder tot

Wenn nämlich der Tod kommt, habe ich begonnen und dann eine lange wirkungsvolle Pause gemacht, um die SchülerInnen aufzuwecken, bist du noch nicht tot, weil er ja erst kommt. Erst wenn er gegangen ist, darfst du Tod mit hartem t schreiben, aber bitte kleingeschrieben, weil es ja eine Eigenschaft ist und auf „wie“ antwortet. Zb.: Der Mann lag tot auf der Straße. Wie lag er auf der Straße? Wie tot. Nein: Nur tot. Du darfst das Fragefürwort nicht in die Antwort hinein nehmen. Wenn er wie der Tod da läge, wäre er noch nicht tot. Wenn man aber tot ist, hat man dann noch Eigenschaften? Nein, die hat man dann gehabt. Das hat aber nichts mehr mit Grammatik zu tun. Aber ein Toter kann schön sein?, fragt Asya. Beim Begräbnis vom Bürgermeister haben Sie auch gesagt, das war eine schöne Leich.  Du warst beim Begräbnis? Nein, das war im Fernsehen. Ja, das stimmt schon. Auch der Tod kann schön sein. Bitte, was soll am Tod schön sein?, fragen Serkan und Asya gleichzeitig. Jetzt sind auch die anderen aufgewacht. Natürlich Tod kann sein schön, beteiligt sich nun auch Daniel. Meine Großmutter hat schöne Tod g’habt. Zuerst nicht mehr wissen, wie heißen, und dann einfach schlaft ein. Ich will ihn nicht ausbessern. Kommt ja selten genug vor, dass er sich zu Wort meldet. Irgendwie scheint mir die Stunde zu entgleiten.

Was kann man mit Eigenschaftswörtern machen? Woran erkennt man sie, Serkan?, frage ich jetzt, um wieder auf die Grammatik zurück zu kommen. Den hätte ich jetzt allerdings nicht fragen dürfen, denn er schaut mich an, als wäre ich gerade einem UFO entstiegen. Ich helfe ihm. Versuch einmal tot zu steigern. Noch immer schaut er mich an, als könnte er es einfach nicht fassen, dass man ihm eine so blöde und peinliche Frage stellen kann. Da rettet mich Anita: Tot, toterer, am tötesten. Das habe ich erwartet. Gut, höre ich mich sagen, weil ich niemand entmutigen will. Aber mach’s mal mit froh und versuch’s dann noch mal. Siehst du, es geht ja, sage ich. Jetzt bist du selber drauf gekommen, wie man ein Eigenschaftswort steigert. Aber glaubst du wirklich, dass man toter sein kann als man schon ist, wenn man tot ist. Schwarz kann man auch nicht steigern. Es gibt nichts Schwärzeres als schwarz. Jetzt haben Sie’s aber doch gesteigert. Ja, aber nur, weil ich euch zeigen wollte, wie absurd das ist. So absurd wie der Overkill! Wisst ihr, was Overkill bedeutet? Das weiß doch jeder hier, meint Hakan genervt. Er sitzt ganz hinten und beteiligt sich selten am Unterricht. Du bist nicht jeder für mich, schmeichle ich ihm. Erklär’s du mir! Während er ausholt, weiß ich, dass ich wenigstens einen kleinen Teil der Klasse für das Thema gewonnen habe, obwohl es mit Grammatik wenig zu tun hat. Aber kann nicht alles, selbst der trockenste Stoff Anlass zu metaphysischen oder zumindest interessanten sprachfilosofischen Betrachtungen und – wie gerade dieses Beispiel zeigt – sogar zu zeitgeschichtlichen Überlegungen bieten? Fächerübergreifend, wie es in der Unterrichtssprache heißt, mittlerweile auch vom Bildungsministerium erwünscht? Du hast absolut recht. Woher hast du dieses Wort? Das steht ja nicht jeden Tag in der Zeitung. Das habe ich von einem Spiel. „Natürlich. Von einem Spiel. Von einem Computerspiel, nehme ich an“, frage ich ihn, der jetzt nicht mehr weiß, ob er mir nicht schon zu viel verraten hat. Ich werde ihm seine Killerspiele jetzt nicht madig machen, und ihn mit bohrenden Fragen löchern, mit welchen Waffen er Gegner wie oft auslöschen kann. Ich weiß ja, dass mit diesen Spielzeugen auch in der realen Welt gedroht wird, und das von Erwachsenen, die sich was darauf einbilden, unserem Planeten mit ihnen gleich 45 Mal den Garaus machen zu können. Tot ist tot, sage ich, und weder die Erde noch einen Feind schert es, wie oft sie getötet wurden. Aber wie ist das mit den Komapatienten? Die Klasse ist aufgewacht und wir verbringen den Rest der Stunde mit Totem und Tödlichem und Todbringendem, bis auch der letzte nicht mehr weiß, was man jetzt wie schreibt.

Die Ergebnisse einer Hausübung jedenfalls zum Thema Mitlaute am Beispiel von Tod und tot lässt mich die Haare raufen. Die Hefte austeilend, mahne ich die Klasse: Jetzt haben wir eine ganze Stunde damit verbracht, dass es einen Unterschied macht, ob man tot  oder nur so gut wie tot ist. Und du, Hakan, schreibst noch immer – wie war der Satz nun wieder? – ach ja: Ich musste ihn töden. Erstens muss niemand einen andern töden, und außerdem, wie das klingt: töden! Stell dir eine Szene im Kino vor. Da ist einer mit der Pistole in der Hand und bedroht einen andern, der keine hat, indem er sagt: Ich muss dich jetzt töden! Da kann der andere doch nur noch lachen. Töden. „Aber, Herr Lehrer, verteidigt sich Hakan, „genauso hab ich’s gehört. Der Alte im Fernsehen. Kennen sie den? Der ist ein Kommissar…..“ Ich geb’s auf: „Du hast recht. Eigentlich nicht wichtig, ob Tod oder tot. Es kommt ja letztendlich aufs Selbe hinaus. Schreibt es, wie ihr wollt, aber sagt ja nicht, der Deutschlehrer hat das gesagt. Heute nehmen wir uns den Konjunktiv vor, einverstanden? Würden wir immer dasselbe machen, wäre das todlangweilig, um euch noch einen Beispielsatz zu geben. Ich müsste mich ja tot ärgern. Wie schreibt man das jetzt? Mit hartem oder weichem d/t?, fragt Anita. Mit hartem natürlich, beeile ich mich zu sagen. Aber sie sind ja noch nicht tot. Weil man’s ja nur so sagt. Ihr habt euch ja auch nicht tot gearbeitet, oder? Lassen wir das.

Ins Klassenbuch hab ich dann im Feld „Deutsch“ eingetragen: D oder T: Tod oder tot?

3 Comments
  • San-Day
    Posted at 18:01h, 04 Juli Antworten

    Danke. Du siehst mich noch immer schmunzeln.

    • Helmut Hostnig
      Posted at 22:36h, 04 Juli Antworten

      Liebe San_Day. Es gibt wohl niemand, der mein Blog so fleißig nach Lesbarem durchforstet. Hut ab und Danke. Spornt an!

      • San-Day
        Posted at 08:22h, 05 Juli Antworten

        Bis jetzt habe ich auch immer wieder kleine und große Schätze für mich, hier entdecken dürfen. Daher Dank an Dich.

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