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Elterntrost

Eine alleinerziehende Mutter kommt von der Arbeit nach Hause. Sie sehnt sich nach Ruhe, Abschalten, Ausspannnen. Sie betritt die Wohnung und weiß nicht, ob sie in einen Schreikrampf ausbrechen oder einen Wutanfall bekommen soll. Die Schranktüren sind weit aufgerissen, Schuhe und Kleidung liegen verstreut auf dem Flur, in der Küche stapeln sich dreckiges Geschirr, Coladosen und eine leere Flasche Rum, sie tritt auf Popcorn, auf zerbrochenes Glas: eine Spur der Verwüstung in allen Räumen der sonst gepflegten Altbauwohnung. Sie hat sich für den Schreikrampf entschieden und brüllt:  „Jaaaaaaan!“ Ein 1.80 großer Mensch taucht im Türrahmen auf, barfuß, mit roter Hitze im pickeligen Gesicht,  nackt bis auf ein Handtuch mit einer lachenden Sonne drauf. „Was schreist du so rum?“, fragt er, der noch vor nicht allzulanger Zeit das „Janchen“ und Mamas Liebling war, mittlerweile aber schon bald 16. Während die Mutter die herumliegenden Kleidungsstücke aufklaubt, und sie wütend ihrem Sohn entgegenschleudert, der sie mit einem „Reg dich ab!“ in die Stimmung kalter Wut hinein katapultiert hat, huscht eine zerzauste Blondine an ihr vorbei – auch sie bis auf ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Zwillinge“ auf Busenhöhe – nackt: die 14 jährige Tochter eines befreundeten Arztes, die das Bad sucht, und für Jan noch vor einer Woche eine „dumme, eingebildete Tussi“ gewesen ist.

…“Ich konnte Eltern beobachten“, schreibt der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace auf Seite 1505 in seinem Roman ‚Unendlicher Spaß‘ kleingedruckt unter Anmerkungen und Errata, „meist arrivierte, gebildete, begabte, funktionstüchtige und weiße Eltern, die sich geduldig, liebevoll, hilfsbereit und teilnahmsvoll um das Leben ihrer Kinder kümmerten, nie mit Komplimenten geizten, sich mit konstruktiver Kritik indes zurückhielten, rhetorisch versiert ihre bedingungslose Liebe zu ihren Kindern und ihre Anerkennung von deren Tun und Treiben kundtaten, also bis aufs i-Tüpfelchen jeder erdenklichen Definition guter Eltern entsprachen; ich sah ein untadeliges Elternteil nach dem anderen, das Kinder aufzog, die (a) emotional zurückgeblieben, (b) von tödlicher Egozentrik, (c) chronisch depressiv oder (d) Borderline-Psychotiker waren, die sich (e) vor narzisstischen Selbsthass verzehrten, (f) neurotisch getrieben/ süchtig waren, (g) diverse psychosomatische Defizite mitbrachten oder (h) eine beliebige Kombination von (a) bis (g).“

Er fragt: „Warum ist das so?“ Gibt aber keine Antwort. Gibt es überhaupt eine? Wer kennt nicht Eltern, die sich fragen, was sie falsch gemacht haben? Eltern, die ihre Kinder „mit unerträglicher Toleranz“ gequält haben, eine Formulierung, über die ich  neulich mit Stutzen und  Staunen in der „Zeit“ gestolpert bin. Eltern, die aus ihren Wohnungen ausziehen, weil ihr Sohn noch mit 27 das „Hotel Mama“ nicht aufgeben will. Eltern von SchulabrecherInnen. Eltern, die von ihren Herzallerliebsten bestohlen werden, verrzweifelte Eltern, die zu Familientherapeuten gehen, nächtelang Ratgeberbücher lesen, verzweifelte Eltern, und immer verzweifeltere LehrerInnen.

Macht es überhaupt Sinn, Erziehungsziele zu definieren? Einmal autoritär, dann laissez-faire und wieder zurück? Wird nicht immer wieder genau das Gegenteil der angestrebten Ziele erreicht? Kann überhaupt von einer Erziehungswissenschaft die Rede sein? Was für empirisch gesichert erscheinende Daten werden da erhoben? Pubertät bleibt Pubertät. Da müssen wir alle durch.  Und ist es nicht tröstlich zu wissen, dass die Klagen über die Jugend schon aus Keilschriften hervorgeht, älter als 2000 Jahre?

„Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos.
Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern.
Das Ende der Welt ist nahe.“
(Keilschrifttext aus Ur um 2000 v. Chr.)

Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes,
wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt.
Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“
(Aristoteles)

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus.
Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor
älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll.
Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten.
Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die
Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Sokrates (470 – 399 v. Chr.)“ mehr davon?

Oder doch nicht: Neil Postman hat sein Buch „Das Verschwinden der Kindheit getitelt“.  Der Spiegel dieser Woche schreibt vom Verschwinden der Pubertät, titelt aber trotzdem „Hilfe! Pubertät. Ein kleiner Ratgeber zum Großwerden.“ Also was nun? Eines steht auch ohne Ratgeber und erzeihungswissenschaftlich erhobenen Daten fest: Der Zustand ist vorübergehend. Übrigens habe ich in meiner Zeit als Lehrer mit meinen Kids zu diesem Thema eine Radiosendung gemacht. Vielleicht wollt ihr hineinhören.

Es reißt mich hin
es reißt mich her
wenn ich kein kind mehr bin
was bin ich dann?
und wer? (H.H.)

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