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Auf dem Weg nach Lubbock-Texas

Der Taxifahrer wirkt verschlafen. Kein Wunder: Es ist erst 5 Uhr. Schlaftrunken höre auch ich den letzten Nachrichten zu, die ich auf österreichischem Boden hören werde, und atme mit allen Wienern über die Frohbotschaft auf, dass die übervollen Gefängnisse bald entlastet sein werden. Gefangene nämlich, die nur noch ein Jahr abzusitzen haben, können eine Fußfessel beantragen. An der Bushaltestelle frage ich den Chauffeur, wann ungefähr wir am Flughafen ankommen werden. „In 40 Minuten“ seine Antwort. In 38 bei Rückenwind. Er lacht und ist gut gelaunt, hat drei Söhne. Der Jüngste ist drei Monate. „Mehr Mut zum Wiener Blut“ lese ich im Vorbeifahren. Die ersten Menschen, denen ich heute begegnet bin, sind keine gebürtigen Wiener. Wie die wenigsten. Der Taxifaher ein Iraner, der Chauffeur ein Serbe. Möge es so bleiben.

Beim Checkin ergattere ich mir eine Gratiszeitung. Sie titelt: Jeder vierte Asylwerber ist Illegaler. Auf Seite 3 die Innenministerin Fekter. Die Falten um den Mund mit den fleischlosen Lippen erinnern an eine Comicfigur aus Ice age. Sie zeigt nicht nur Zähne, sondern blickt überdies noch drein, als wäre sie eben aufgetaut worden. „Ich werde die Asylwelle aus dem Balkan stoppen“, sagt sie gerade. „Alle Asylwerber werde ich zunächst einmal eine Woche hinter Schloss und Riegel stecken lassen.“ Gedachter Nachsatz: Die sollen wissen, dass sie hier nicht im Schlaraffenland, sondern in Österreich gelandet sind. Endlich bietet sich eine Gelegenheit, das auf einer Demo gegen die Asylpolitik geschossene Foto unterzubringen.

Die Schlange am Londoner Flughafen, die vor dem Schalter nach Dallas ansteht, könnte bunter nicht sein. Inder mit Turbanen, vermutlich Sikhs, begleitet von ihren Frauen in farbenprächtigen Saris und geschmückt an Füßen und Händen mit filigran geschmiedeten Reifen aus Silber und Gold; einige Schwarze, die sehr verdrossen dreinschauen, fast so, als würden sie dorthin nicht aufbrechen wollen, wofür sie das Ticket gekauft haben; auch sie tragen schwere Ketten und noch größere Ringe aus Gold; ein weißes Ehepaar, das von einer zierlichen Thaifrau in der Uniform einer Flughafenbediensteten mit dem Rollstuhl die unendlich langen und antiseptisch wirkenden gateways entlang gefahren wird: Beide so dick, dass sie ohne diese Dienstleistung ihren Flug nicht in time erreichen würden. Ein jugendlicher Ami, dessen T-shirt auf dem Rücken die Aufschrift ziert: Taliban Hunting Club. Eine Nonne, von der ich noch nicht weiß, dass sie meine Sitznachbarin sein wird. Sie spricht französisch und gehört einem den Dominikanern verwandten Orden an, der erst vor 25 Jahren gegründet wurde. Sie wird den“ Idioten“ von Dostojewski lesen und mir erklären, dass sie sich der Philosophie und dem Spiritualismus eines Aristoteles verschrieben hat. Eine bunte Belegschaft also, die mit mir den Shuttlebus besteigt, um nach Dallas zu fliegen.

Als wir Platz genommen haben – ich eingepfercht zwischen einem maulfaulen Geschäftsmann und der Nonne mit den feingliedrigen Händen -, lässt sie sich von mir in Unkenntnis der zu erwartenden Landessprache die Botschaft des Kapitäns übersetzen:  Er teilt uns mit, dass es wohl zu einer Verzögerung kommen wird, da die Navigationsinstrumente ausgefallen seien. „Das fängt ja gut an“, denke ich. Aber es sollte noch schlimmer kommen. 100 Meilen vor Dallas muss der Pilot etliche Schleifen fliegen, da ein Sandsturm aufgekommen ist. Statt 10 Stunden sind wir also 12 unterwegs, bis wir endlich landen. All flights due to wether conditions delayed, der Flughafen hat alle Flüge gecancelt. Auch der Skylink außer Betrieb, ein führerloser Zug, der die Reisenden zu den weit auseinander liegenden Gates bringt. Von D21 zum Checkinschalter B12. Von dort zurück nach D18. Von D18 wieder nach B16. Niemand weiß warum. Erschöpft vom vielen Laufen und mit Blasen an den Füßen lasse ich mich auf einen Stuhl fallen. Kaum sitze ich, ist das Gate schon wieder gewechselt worden. Das alles ohne Vorankündigung. Ich halte mich an eine ältere Frau, die mit einem I-Pod die Bewegungen unserer Flugnummer verfolgt. Auch sie will mit Tausenden anderen, die hier gestrandet sind und auf connection flights warten, nach Lubbock, das wie Labek ausgesprochen wird. In einem Kentucky fried chicken, wo ich mich mit einer Babyportion Spareribs stärke, das noch immer bigger ist als das größte Wienerschnitzel und mit einem honigartigen Sirup übergossen gewöhnungsbedürftig süß schmeckt, erbarmt sich eine Kellnerin meiner und borgt mir ihr Handy, da zu allem Überdruss meine Visacard nicht akzeptiert wird.

Endlich kann ich meinen Freund verständigen, der mittlerweile schon zweimal aufgebrochen ist, um mich abzuholen. Sieben Stunden später – mittlerweile ist es Mitternacht – endlich takeoff for flight number 3223 to Lubbock oder Labek. Eigentlich hätte ich noch am selben Tag ankommen sollen, da wir irgendwo auf dem Weg über Neufundland in the central time zone geraten sind und die Uhren um 7 Stunden zurückgestellt werden konnten.

Unter mir der Großraum Dallas mit Fort-Worth-Arlington, gebadet im Licht seiner  1,2 Millionen Haushalte. Auch dieser Flug braucht der Wetterbedingungen wegen länger als erwartet. Nach29 Stunden am Ziel in Lubbock, das hier niemand kennt, wenn es nicht wie Labek gesprochen wird.

4 Comments
  • Ingrid
    Posted at 13:57h, 04 September Antworten

    Hi, Helmut,

    es stimmt also wirklich, dass es schwierig geworden ist, in die USA einzureisen …….

    Na, dann good luck!
    Ingrid

    • Helmut Hostnig
      Posted at 01:39h, 05 September Antworten

      Nein, liebe Ingrid, das Einreiseprozedere zwar ermüdend nach langem Flug, aber problemlos. Schön, dass du mir folgst. Einen schönen Schulbeginn am Montag,
      howdy, Helmut

  • Erny
    Posted at 13:12h, 04 September Antworten

    Hallo Helmut !
    Ich bin schneller wieder in Grenoble gelandet als du, auf jeden Fall komfortabler und ohne Stress – per Auto durch Italien.
    Deine ersten Eindrücke der „neuen Welt“ nicht gerade die besten , wir warten gerspannt auf die Weiteren und hoffen, es wird eine reiche, interessante Reise.
    Bonne chance,
    ERNY

    • Helmut Hostnig
      Posted at 01:44h, 05 September Antworten

      Liebe Erny
      Möchte so gut wie ich es eben kann die Abziehbilder, die ich von Amerika im Kopf habe, vermeiden. Leider fand ich sie bis jetzt nur bestätigt. Aber ich habe ja vor, 6 Wochen auszuharren. Vielleicht wird mein Bild dann etwas durchwachsener.
      Schön, dass du mir folgst. Das Feedback gibt mir Auftrieb, den Aufwand weiterhin zu betreiben.
      Liebe Grüße über den Teich nach Grenoble
      Howdy, Helmut

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