Daily life in Highlandpark, Lubbock

Heute habe ich im Highland Park einen Polizeieinsatz erlebt, wie ich ihn aus Filmen kenne. Während Paul, der einen Universalschlüssel hat, und nicht will, dass die Türen eingetreten werden,  aufsperrt, – einem schusswilligen Bewohner also seinen Körper als Zielscheibe darbietend -, warteten die mit Schussweste ausgerüsteten Cops auf beiden Seiten der Tür, durch die sie dann – sich gegenseitig sichernd – mit gezogenem Revolver hinein stürmten, irgendwas Texanisches bellend, um gleich darauf wieder mit 3 an Handschellen gefesselten Jugendlichen heraus zu kommen. Ich scheine hier in gefährlicher Gesellschaft zu leben. 

Aber nicht nur hier. Auch in Ramonas bescheidenem Haus wurde in der Nacht eingebrochen und der Kühlschrank hinausgetragen. Wo die Air-condition war, gähnt ein großes Loch. Paul wird’s schon wieder richten. Was ihn hier hält, ist die Hoffnung auf eine Green Card. Die nächste Ikea-Filiale ist in Dallas, etwa 5 Stunden von hier. Möbeltischler und Restaurateure sehr gefragt und gesucht. Falls es ihm gelingen sollte, hier ein Geschäft zu eröffnen und Gewinne zu erzielen, zahlt er 30 % Steuern. In Österreich – so seine bittere Erfahrung – werden die unselbstständig Gewerbetreibenden durch das exorbitant hohe und fast undurchschaubare Steuersystem in den Konkurs getrieben. „Zwei offene Rechnungen von zahlungsunwilligen Kunden, und du kannst den Betrieb zusperren“, weiß er.

Auf dem Küchentisch liegt eine Rechnung vom Krankenhaus. Eine Visite von 5 Minuten und ein Bluttest 758 $. Sie hat keine Versicherung. Die wenigsten haben eine und wünschen keine Versicherungspflicht, wie sie Obama einführen will und in europäischen Ländern schon seit Jahrzehnten zwar der steigenden Kosten wegen immer noch viel diskutiert, aber geregelt ist. Da Texas ein von Republikanern dominierter  Bundesstaat ist, wird jede Einmischung des Staates als Gefährdung der individuellen Freiheit angesehen und strikt abgelehnt. „Der Staat – so O-Ton vieler von mir interviewten Menschen hier – „soll sich um die Straßen kümmern: That’s it.“

Wenn ich alle Interviews resümiere, ist nicht nur die Ablehnung Obamas etwas, worin alle übereinstimmen, sondern vor allem, dass nothing else but money rules oder, um es mit den Worten von Kyle zu wiederholen: „God is on our money, but it’s not him, we worship, it’s the money itself.“Das wird nur von Horst Jung, dem Immoblienbroker, nicht bedauert.

Ununterbrochen heulen hier die Polizeisirenen und in das in einer Lautstärke, die den brandenden Verkehr an Dezibel um das Zigfache übersteigt. Die Kriminalitätsrate dürfte ziemlich hoch sein, obwohl wir von der mexikanischen Grenze hier weit entfernt sind.

Ein 2007 erlassenes Gesetz erlaubt es, dass jeder im US-Bundesstaat Texas zu seinem eigenen Schutz seine Waffe einsetzen darf, wenn er sich bedroht fühlt. Kommt der andere dabei um, muss man nicht mit Strafen rechnen. Es darf nur nicht abgedrückt werden, wenn man den Angreifer provoziert hat und nur bei frischer Tat. Trotzdem: Fast eine Lizenz zum Töten würde ich meinen. Auch in dem Lokal, in welchem ich des öfteren mit Paul frühstücken gehe, sitzen Männer in Zivil, die ganz offen ihre um den Gürtel geschnallten Revolver zeigen. Yeah, „its a free country and we are mavericks, free men“, höre ich oft hier. Früher, fand ich im Reiseführer, war maverick die Bezeichnung für Rinder ohne Brandzeichen. Hat es nicht auch einmal eine Zigarettenmarke gleichen Namens auch in Österreich gegeben? Auf die persönlichen Beleidigungen des Präsidenten in full public anspielend (OneBigAssMakesAmerica), kontert Dave, den ich an einer Bar kennen gelernt habe: „Maybe its foolish, but this is a free country and there is freedom of speech“.

Während ich das – unter der Hitze stöhnend – schreibe, macht sich ein Mann gerade daran, die drei Flaggen zu entfernen, die er jeden Morgen vor Arbeitsbeginn, – es ist ein Reifenladen -, in den Rasen gerammt hat. Feierabend. Freitag. In Europa tiefe Nacht.

Noch schnell einkaufen. Das geht 24 hours. Wer sich nicht an der Kassa bedienen lassen will, wo beinahe jedes einzelne Lebensmittel in einen Nylonsack gepackt wird – übrigens gibt es hier keine Mülltrennung -, kann einen Automaten belästigen. Der liest den barcode ein, berechnet den Preis und wünscht dir – nachdem du bezahlt hast – einen schönen Abend. 

Zeit für ein Howdy im Chances Are, einer vielgepriesenen  Western Bar. An der Tür wird geprüft, ob man keine Waffe hat. Mein Outfit erregt Misstrauen. Wo sind die Wranglers, wo ist die fette Gürtschnalle aus Silber? Wo sind die Boots, und vor allem, wo ist der Texashut?

3 Comments
  • Erny
    Posted at 06:21h, 13 September Antworten

    Hallo Helmut,
    Ich trinke meinen Frühstückscafé in meiner ruhigen Gasse „der Schönen Schneider“, irgendein Nachbar hört eine CD mit dem Coran … alles ist still und friedlich.
    Es fällt schwer, sich dieses Leben dort vorzustellen.
    Ja, du wärst ein toller Reisejournalist, wie Ingrid meint.
    Halte gut durch und berichte uns weiter !
    Erny

  • Ingrid
    Posted at 14:47h, 12 September Antworten

    Lieber Helmut,

    ich lese alle deine reports von diesem ziemlich eigenartigen Teil der Erde – ich finde sie toll, vielleicht wäre Reisejournalist eine Option für dich. (???)

    Da ich mich noch in den Schulanfangs-Chaos-über-mich-hereinstürzenden-Dingen befinde, kann ich dir keine Einzelkommentare schicken.

    But – go on – I think it`s great what you are doing.
    Take care.
    Ingrid

    • Helmut Hostnig
      Posted at 18:07h, 12 September Antworten

      Liebe Ingrid
      Thanks for following me, Ingrid.
      Write you soon.
      Howdy

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