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San Antonio: tex-mex-anisches Venedig?

160 miles: Mesquitesträucher, Kakteen, Buschlandschaft, Windräder und die wenig einladenden Tore aus Schmiedeisen, die mit den Brandzeichen anzeigen, welchem royalty of beef die Ranch gehört. Vor Brackettville sehe ich ein Schild: Seminole Cementery. Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt habe, aber, was ich vorfinde, ist, wie sich herausstellt, ein Friedhof wie jeder andere. Kunstblumen statt Grabsteine, ein gepflegter Rasen, wenn Namen, dann ohne Geburts- und Sterbedatum, und das US-Sternenbanner natürlich. Die Gegend dürfte sich für Gefängnisse besonders gut eignen. Ein Detention-Center nach dem anderen. Am Wegrand Schilder, die davor warnen, Autostopper mitzunehmen. In diesem Dschungel aus Mesquite kämen Ausbrecher ohnehin nicht weit.
In Brackettville selbst mache ich einen Abstecher in eine clubähnliche Anlage, die früher ein Fort war. Schöne gut erhaltene Sandsteinhäuser mit Holzveranden, Pferdekoppeln, und auch hier gepflegtester Rasen. Hier scheinen die Betuchten zu wohnen.
Die Einfahrt nach San Antonio wie in jede Stadt alptraumhaft. Ohne Navi, das mich zu einem Motel 6 in der Rittimon Rd. lotst, könnte ich nur auf gut Glück nach diesen billigen, aber komfortablen Unterkünften Ausschau halten. Keine Chance anzuhalten und jemanden zu fragen. Im Fließverkehr halte ich auf die Innenstadt zu, deren Skyline sich wie eine Kulisse über den Highways auftürmt. Von weitem wie eine Landmark the tower life building. „Right turn, left turn, 5 miles, 4 miles.“ Ein Zeichendschungel und Krieg um Aufmerksamkeit. Je höher, desto sichtbarer: Exxon, Dennys, Mc Donald, Holiday Inn, H-E-B …. Endlich. Das Motel 6 direkt an der Interstate. Das verspricht eine ruhige Nacht zu werden.
Leider gibt es keine Karte, mit deren Hilfe ich mich orientieren könnte, und die Auskunft so verwirrend, dass ich aufgebe. Ich werde ihn schon finden den legendären Riverwalk. Wieder hat das Navi seine Orientierung verloren und ich mit ihm. Irre auf den Highways herum. Wären die Gebäude der Innenstadt niedriger gebaut, hätte ich wohl aufgegeben. Schon jetzt mache ich mir Sorgen, wie ich wieder zum Motel zurück finden soll. Im Zentrum nur wenige Parkplätze, aber so teuer wie in den Tiefgaragen Wiens. Aber die Mühe lohnt sich. „Remember the Alamo!“ Das war ein Ruf nach Rache für die erlittene Niederlage der 188 Soldaten, die das Fort gegen die mexikanischen Truppen des Generals Santa Ana bis auf den letzten Mann verteidigt haben, gleichzeitig aber auch die Geburtsstunde von Tejas, ein Indianerstamm, der diesem Bundesstaat den Namen gab.

Woher weiß ich das alles? Ganz einfach aus allen Quellen, deren ich habhaft werde. Mit Wifi kein Problem. Wikipedia knows it all. Ich zitiere, vergleiche, garniere mit meinen Eindrücken und serviere verbale TEX-MEX-Kost zum Mitreisen. Hoffe, sie ist genießbar.

Alamo ist, so scheint es, eine Pilgerstätte für alle aufrechten Texaner, wenn man die von Bussen ausgespienen Menschenmassen betrachtet, die andächtig dem Vortrag eines Ranchers in der Uniform von damals lauschen. Fast wie Schönbrunn und der Kult um Sissi, nur martialischer. Visitar Alamo for to remember. Das ist Spanglish. 55% der Einwohner haben mexikanischen Ursprung und verdingen sich für wenig Lohn in Dienstleistungsbetrieben, als muchachas in Haushalten, als Landarbeiter auf den Ranches. Beide Seiten scheinen von der Situation zu profitieren: Mexiko reduziert sein Heer an Arbeitslosen und Gringoland gewinnt billige Arbeitskräfte. Doch genug davon.

Der Riverwalk ist tatsächlich ein städtebauliches Projekt, um das man San Antonio nur beneiden kann. Während der vorvorvorletzten Rezession in den 30igern wurde es als Arbeitsbeschaffungs-programm verwirklicht. Unter dem Straßenniveau gelegen kann man autofrei am regulierten Fluss entlang flanieren oder sich unter die anderen mischen, die den Riverwalk nicht zu Fuss, sondern auf einem der überfüllten Barkassen befahren wollen. Ein Restaurant nach dem anderen will zum Essen der einfallsreichen Tex-Mex-cuisine verführen, Bars laden zu einer Margerita ein, Mariachibands klimpern und umwerben die Gäste wie bei uns die Geiger der Sinti und Roma in den Heurigenlokalen. Paare lustwandeln, die Frauen lutschen Eis am Stil eingehängt bei Männern in Ausgehuniformen (the commitment which is greater than themselves), Souvenirläden, tropisches Gewächs, klimatisierte Malls, durch die der so gezähmte San Anonio River sich schlängelt. Fast ein texanisches Venedig. Es fehlen die Gondeln, und es fehlt die 1000 jährige Geschichte. Es hat zu regnen begonnen und zwar heftig.

Ich flüchte in ein englisches Pub, wo KellnerInnen in Kilts den Kunden in der Hoffnung auf gutes Trinkgeld sehr aufmerksam bedienen. Ich bestelle Nachos. Auf der Karte hat es ganz anders ausgesehen. Jetzt sitze ich vor einem Berg aus Chips, die man in alle möglichen Saucen tunken kann, die der Schärfe wegen zu unterscheiden schwer fällt. Das kann doch niemand essen, denke ich. Hier wird man dazu verleitet ein Vielfraß zu werden. Ganz sicher Firmenpolitik der Ketten, die ja von uns ihren Konsumenten leben und sich nullkommajosef darum scheren, ob uns das gut tut. Sicherlich schneidet da auch die pharmazeutische und medizinische Industrie mit. Tabletten gegen Völlegefühle, kosmetische Eingriffe wie Fettabsaugungen, Magen- Darmkrebsbehandlungen. Darüber gibt es sicherlich Statistiken. Aber – wie Tim Dean, den ich im Big Bend interviewed habe, sagen würde, – „the structures of big business are fashistoid“.

Den Missiontrail lasse ich aus, aber den Mercado, der von meinem Guide als der größte mexikanische Markt auf amerikansichem Boden gepriesen wird, will ich sehen. Was für eine Enttäuschung. Alle Stereotypen, die über Mexiko in Umlauf sind, werden hier bedient. Machos mit gezwirbelten Schnurrbärten und Panchovilla-Attidüde. Verkaufsstände in zuckersüßen Farben mit Vihuelas in allen Farben (Gitarren), Sombreros, Fächern, Halstüchern und mexikanischen Trachten. Sogar Frida Kalo, die revolutionäre Malerin, wird vermarktet. Da hätte ich mir lieber die spanisch-maurischen Missionskirchen angeschaut, die zur Bekehrung der Indianer errichtet worden sind. Aber jetzt breche ich nach Laredo auf, der mexikanischisten Stadt von Texas und versuche einen Grenzübertritt nach Nuevo Laredo, ihrer Schwester.

Danke fürs Lesen und Mitreisen.

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