Naschmarkt oder Brunnenmarkt?

Naschmarkt oder Brunnenmarkt? Wer das Tor zum Balkan sucht, einen multikulturellen Straßenmarkt mit Dorfplatzidylle, findet ihn eher am jüngst sanierten Brunnenmarkt zwischen Thalia- und Ottakringerstraße, der auch mit seiner Besucherzahl dem trendigen Naschmarkt den Rang abgelaufen hat. Dort scheint es keine Berührungsängste zwischen der einheimischen Bevölkerung sowie den Bauern aus Wiens Umgebung mit den türkisch- oder griechischstämmigen Standbesitzern zu geben. Die Schlacht um Wien ist geschlagen, die grünen und roten Luftballone haben sich im 27-prozentigen Blau des Herbsthimmels aufgelöst, und H.C. Strache versichert auf großflächigen Plakaten, dass er an uns glaubt: Das Wiener Herz aber, mit dem Blut aus dem Balkan versorgt und aufgefrischt, pocht nirgends hörbarer als um den Yppenplatz. Eine Frau vor mir führt ihre 4 Spaniels an einer sich immer wieder verknotenden Leine spazieren, da jeder in eine andere Richtung will, und ich höre sie schimpfen: „Wennst net parierst, kumst auf’n Grill, und du, du kumst auf’n Spieß. Ich mach Kebap aus dir, host ghört?“ Die so angesprochenen 2 Parteien verstehen die Drohung und verheddern sich erst recht in den Leinen.

Es ist Mittag, die Stände werden abgeräumt und 4 Sträuße von Chrysanthemen sind jetzt um einen Euro zu haben. Ein LKW, auf dessen Ladefläche das Logo prangt: Gemüsekaiser: Vater & Sohn, setzt gerade an rückwärts zu fahren und übersieht einen Mann – vermutlich der Vater (Kaiser?) -, der mit dem Rücken zum Fahrzeug stehend sich gerade eine Zigarette angezündet hat. Kaiser und Thronerbe – Vater & Sohn – geraten darüber in heftigen Streit. „Host kane Aug’n im Kopf? Wülst mi umbringa, Deppata?“ Jetzt kommt die Müllabfuhr. Die wird in Naturalien bezahlt, wie es scheint. Ganze Säcke voll mit nicht verkauftem Gemüse und Obst verstauen sie auf dem Rücksitz, klopfen dem Mann aus Anatolien zum Abschied auf die Schulter, dass er fast in die Knie geht.

Noch einen Kaffee draußen auf Sitzen mit Polstern, die vom Kellner liebevoll aufgeschüttelt werden, am Nachmittag eines Altweibersommers am Brunnenmarkt in Wien. „Soll’s a Frühstück werd’n?“, fragt er. Ich bin wieder daheim.

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1 Comment
  • Ingrid
    Posted at 14:57h, 21 Oktober Antworten

    Helmut, wie immer, ein tolles Stimmungsbild, wunderschöne Fotos – magst nicht mal bei Ö1 in der Feature-Redaktion anfragen?

    Da muss ich mal wieder hin – und zwar mit dir.
    LG Ingrid

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