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Fährmann Mahaf

Ich habe mich schon durch viele Bücher gelesen, wissen sie? Was soll ich auch anderes tun auf den Standplätzen. Mich mit den anderen Fahrern unterhalten? Mir anhören, wie das Geschäft eingebrochen ist mit der Krise, der Konkurrenz mit den Mietwagen oder privaten Anbietern von Mitfahrgelegenheiten, dem Stau dort und dem Stau da, und wie man mit nur zwei Fuhren in 8 Stunden überleben soll? Oder mir vielleicht den dämlichen Funk anhören, um vielleicht noch schneller wie meine Kollegen einen Fahrgast zu heuern, der sich ums nächste Eck chauffieren lassen will? Mann, ich kann ihnen sagen, da ist ein Buch genau das Richtige. Eben hab ich gelesen, wie jemand auf einem Stuhl nach hinten kippt, und das in Zeitlupe. Wohin darf’s sein? Nach B also, sagt er, und schaltet den Taximeter ein. Ein Stuhl, müssen sie wissen, in den seit Generationen Bohrwürmer ihre Gänge und Tunnels gegraben und hinein gefressen haben, bis es zu dem Knacks kam, den ein anderer Autor – den Namen weiß ich jetzt nicht mehr, aber ich schreib mir die besten Sätze immer in ein Heft, müssen sie wissen –,  wo war ich? Beim Knacks, sag ich und denk mir noch, dass ich da einen ganz besonderen Taxilenker geraten bin und es eine kurzweilige Fahrt zu werden verspricht. Danke, sagt er, ich hab den Faden wieder. Er beschreibt also, woher das Holz stammt, aus dem der Stuhl gedrechselt worden war, und holt weit aus bis zu den Wäldern, die die Phönizier gerodet haben, um aus dem gleichen Holz ihre Schiffe zu bauen, bis es eben zu diesem Knacks kommt, den der andere Autor, mir ist der Name noch immer nicht eingefallen -, in den Gesichtern von Abschiednehmenden auf Bahnhöfen wieder fand, und jetzt halten sie sich fest – ich zitiere wörtlich: „Als Leere nämlich in den Augen derer, die ebenso gut Abschied nehmen wie in Gedanken Wurzel ziehen könnten.“ Das sagt er mit geschossenen Augen. So wie man es tut, wenn man sich an etwas besser erinnern will. Ich bin instinktiv auf die nicht vorhandene Bremse gestiegen und hätte beinah einen Wadenkrampf bekommen, so fest habe ich den rechten Fuß auf die Matte gestemmt. Wahrscheinlich, um sich besser konzentrieren zu können oder aber die Wirkung einzuschätzen, den dieser Satz auf mich machen würde, hat er den Wagen aus dem Verkehr genommen, ist an den Rand gefahren und hat sich zu mir umgedreht.

Befriedigt über sein Erinnerungsvermögen oder aber über die Wirkung, die sein blindes Fahren bei mir ausgelöst hat, auch wenn er sie auf den von ihm zitierten Satz zurückführen wollte, reiht er sich wieder in den Fließverkehr ein, rast mit Vollgas über eine Kreuzung, deren Ampel auf Rot stand, und meint nach einer kleinen Pause, in der ich als sein Fahrgast erste Anzeichen einer Beunruhigung erkennen lasse, indem ich das Navi suche, aus dem ich ablesen will, wie viel Kilometer oder wie viel Zeit mich noch von meinem mir angestrebten Ziel trennen: Ich habe kein Navi. Als könnte er Gedanken lesen. Völlig unbeeindruckt von meiner aufkommenden Nervosität, hält er mir nun einen Vortrag über die Unsinnigkeit einer digitalen Fernsteuerung per Satellit, die seine Ortskenntnis und sein Orientierungsvermögen infrage stelle und ihn regelrecht beleidige. Wofür zum Kuckuck habe ich mich wochenlang mit dem Stadtplan und seinem Umland herum geschlagen, mir die Namen und Plätze eingeprägt, darüber hinaus mir auch noch die Geschichte ihrer Herkunft angeeignet, nur um diesen Schein zu machen, der mich nun berechtigt, Personen von A nach B zu führen? Mittlerweile gibt es ja sogar schon Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass ein Ort gar nicht real existiert, wenn ihn das Navi nicht findet. Aber wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, beim Wurzel ziehen, sagt er, ohne abzuwarten, ob ich vielleicht noch immer bereit bin, seinen Gedanken zu folgen. Wissen sie, ich habe mich bei diesem Satz gefragt, ob ich dazu auch imstande wäre, ich meine beim Abschied im Kopf eine Wurzel ziehen, muss aber zugeben, dass ich das gar nicht könnte. Sie vielleicht? Das hat mich schon in der Schule überfordert. Es hat zu den vielen sinnlosen Fertigkeiten gezählt, die einem bei der Matura als Vorbereitung auf den Ernst des Lebens abverlangt worden sind. Können sie Wurzel ziehen? Alle an mich gerichteten Fragen scheinen rhetorischer Natur, da er meine Antworten darauf  gar nicht erst abwarten will. Ich kenne den Vorgang des Wurzelziehens nur in seiner passiven Form, erklärt er. Muss nur mit der Zunge über den Gaumen fahren, um dort eine andere Leere festzustellen, die auch durch einen hörbaren Knacks hervorgerufen worden ist. Haben sie noch alle ihre Zähne?

Wenn es anfänglich der Sprunghaftigkeit seiner durchaus originellen Gedanken wegen eine kurzweilige Fahrt zu werden versprach, ich mich noch über sein Bühnendeutsch wunderte, begannen mich seine Ausführungen aber allmählich zu langweilen. In der Hoffnung, ihn in seinem Redefluss ein bisschen aufzuhalten, aber auch um zu erfahren, wie lange ich diesem Taxilenker noch ausgeliefert sein würde, – der Plastikausweis, der über dem Rückspiegel angebracht ist, zeigt einen Schwarzen, der sich Dr. Abimbola Mahaf nennt – unterbreche ich ihn mitten in seinen Überlegungen über Knacks und Leere, indem ich schüchtern frage, wie weit es noch bis zu dem von mir angestrebten Ziel sei. Eine Frage, die von ihm nicht nur geflissentlich überhört, sondern mit einer Gegenfrage beantwortet wurde, die dem Gespräch, nein dem Monolog eine völlig neue Wendung zu geben drohte. Diesmal nämlich schien die an den Fahrgast gestellte Frage ernst gemeint, denn er versicherte sich das erste Mal im Rückspiegel, ob ich sie auch richtig verstanden habe. Er sagte nämlich: Haben sie nicht auch manchmal das Gefühl, dass sie nicht das von ihnen gewünschte Leben führen, sondern dass es genau umgekehrt ist, dass nämlich wir vom Leben geführt und an der Hand genommen werden? Und wohin führt es uns?

Mittlerweile waren wir an der Peripherie der Stadt angelangt. Es musste so sein, da die Lichter spärlicher wurden, die Häuser nicht mehr so dicht standen, und es kaum noch andere Verkehrsteilnehmer gab. Die Taxiuhr – noch eine von den alten, die bei jedem gefahrenen Kilometer mit einem Klicken daran erinnern will, dass man einen zu zahlenden Dienst in Anspruch genommen hat, zeigte schon eine beträchtliche Summe, und ich begann mich ernsthaft zu fragen, wo wir denn eigentlich waren, und noch banger, ob der Mann mit dem Personen-beförderungsschein nicht nur den wirklich kürzesten Weg zum Fahrziel gewählt hat, sondern ob er ihn trotz behaupteter Ortskundeprüfung überhaupt kennt. Wieder – als hätte er meine Ängste erraten – reagierte er sofort, stellte kurzerhand den Taxameter ab und meinte: Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich weiß, es ist eigentlich nur meine Aufgabe, einen Fahrgast von A nach B zu bringen, aber ich sehe meine Aufgabe auch darin, Gäste, die meine Dienste in Anspruch nehmen, noch mit einer Zusatzleistung zu verwöhnen. Ich frage sie nämlich, ob B wirklich ihr Ziel sei. In den meisten Fällen stellt sich nämlich heraus, fuhr er fort, während er plötzlich so scharf bremste, dass ich trotz der Sicherheitsgurte gegen die Kopfstütze prallte, dass B, – dabei drehte er sich um, und prüfte mich mit einem seltsamen Blick -, dass B, wiederholte er, indem er den Buchstaben fast ausspuckte, ein Ort ist, den man nur aus Gewohnheit oder sagen wir besser Verlegenheit aufsucht, ein beliebiger Ort, an den es einen hin verschlagen hat. Ich weiß nicht, wo ihr B ist, sagte er, indem er sich umdrehte, einen Gang einlegte und wieder Fahrt aufnahm, aber ich nehme an, sie glauben, es sei ihr Zuhause. Was zu viel ist, ist zu viel. Länger wollte ich mir diesen gestelzten Schwachsinn nicht mehr anhören. Ich fingerte nach meiner Geldbörse, zog drei Scheine heraus, warf sie ihm auf den Beifahrersitz und befahl ihm, unverzüglich stehen zu bleiben. Ich wollte eigentlich nur, sagte ich mit großer Beherrschung, dass sie den ersten Teil ihrer Aufgabe erfüllen und mich nach B bringen. Auf die Zusatzleistung, mit der sie mich verwöhnen wollen, verzichte ich gern. Was B für mich für ein Ort ist, geht sie nichts an, und jetzt lassen sie mich aussteigen.

Der Fahrer aber machte keine Anstalten, meiner Aufforderung Folge zu leisten. Im Gegenteil. Er beschleunigte das Tempo und raste nun durch die Nacht. Die weißen Wegmarkierungen, die die Straße teilten, verjüngten sich bis zu einem weit in der Ferne liegenden Fluchtpunkt. Gleichzeitig, – um mir zu signalisieren, dass es zwecklos war, mich aus dem fahrenden Auto stürzen zu wollen, rastete mit einem satten Klicken die Türschlosssicherung ein. Wissen sie, sagte er, und das keineswegs gereizt, sondern wie ein Vertreter, der die Vorzüge von Autozubehör sachkundig anpreist: An dem einen Ende der gezähnten Stange sitzt ein zwölf Millimeter starker Stahlbolzen, der beim Zuschließen der Tür in den festen Karosserieteil geschoben wird. Tür und Karosserie sind somit durch den Stahlstab tresorfest verbunden, so dass sich die Tür nur mit einem Schneidbrenner aufsprengen lässt. Ich habe es kommen sehen, sagte er, diesmal wie ein Arzt, der mit einer Diagnose nicht mehr zurück hält, weil er annimmt, dass sie den Patienten nicht umhaut, sondern seine ganze ihm noch verbliebene Widerstandskraft mobilisieren wird: Vergessen sie A, vergessen sie für einen Augenblick auch B. Es sind keine Orte. Es sind Zeiten. Vergessen sie, woher sie kommen und wohin sie wollten. Es ist unwichtig. Sich an die die Vergangenheit zu klammern ist ebenso unsinnig, wie ständig an die Zukunft zu denken. Lassen sie endlich los, begreifen sie diesen zugegebenermaßen erzwungenen Aufenthalt mit mir in diesem Auto nicht als Geiselnahme. Versuchen sie diese Fahrt zwischen einem zufälligen A und einem noch zufälligeren B zu genießen. Lehnen sie sich entspannt zurück. Sie erwarten nichts mehr. Sie sind angekommen, auch wenn sie sich dagegen jetzt noch sträuben wollen.

Niemand wird mir das glauben wollen, dachte ich, als ich allmählich müde und immer müder wurde und zu träumen begann, während ich wie in Trance auf die Wegmarkierungen glotzte, die sich in der Schwärze des Asphalts hinter dem Kegel des Scheinwerferlichts verloren, und ich mich vom Singsang einer mir fremden Sprache in den Schlaf schaukeln ließ, obwohl ich eigentlich entsetzt, empört, ja alle Zustände jeglicher Synonyme für Durcheinander, Wut und Aufgebrachtsein durchleben hätte müssen.

Als ich wieder aufwachte, – das Fahrzeug war zum Stillstand gekommen – und ich brauchte eine Ewigkeit, um festzustellen, dass ich ans Ziel gebracht worden war, der Fahrpreis niedriger ausfiel, als ich befürchtet, und der Lenker sich für das Trinkgeld bedankt hatte, mir die Tür aufhielt, sich wieder in den Wagen setzte und davon fuhr, erschrak ich, denn ich wusste nicht mehr, wo ich war, obwohl der Schlüssel in das Schloss zu passen schien, was neben der von zwei Löwen geflankten Einfahrt, das ich auf dem Prospekt gesehen hatte,  mir schon Gewissheit geben hätte müssen, dass es das gebuchte Hotel war. Ein Folgetonhorn weckte mich viel zu früh an diesem Morgen und ich ahnte, dass ich mich im Wachwerden an eine gestern dunkel erfahrene Neuigkeit erinnern würde, von deren Kenntnis mich nur der Schlaf zeitweilig erlöst hatte.

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