Zeitenwende: Ein Neujahrsmärchen

Zeitenwende

Ich habe es aus der Zeitung erfahren und wollte es zuerst nicht glauben. Ein Foto von ihm war in der ersten Zeitung im neuen Jahr. Farlimas. Ja, so hieß er, mein Chauffeur in der Nacht zwischen den beiden Jahren. Es war nicht viele Stunden her, dass ich sein Fahrgast war.

„Sie können mir glauben oder auch nicht. So war es sintemalen!“ Der Taxifahrer war Ausländer, sprach aber fließend meine Sprache und das so ohne Fehler, dass jeder Satz druckfertig aus seinem Munde zu kommen schien. In seiner seltsamen Uniform und mit seiner Sprache, die vor allem ausgestorbene Wörter liebte, schien er nicht in diese Zeit zu passen. Mein Interesse jedenfalls war geweckt. Ich hatte eben lange mit ihm um den Preis verhandelt. Er nämlich sollte mich in die verbotene Stadt bringen. Nach etlichen Überfällen auf Fremde, deren Leichen grotesk geschminkt und in die Soutane eines unbekannten Ordens gekleidet zum Hohn der Polizei vor die Stufen des Präsidiums geworfen worden waren, verstand ich gut, dass nicht mehr viele und wenn, nur gegen Bares in vielfacher Höhe des für eine solche Strecke üblichen Preises, bereit waren, sich in diese Stadt zu wagen. Außerdem ging heute das alte Jahr zu Ende. Ich wäre zu jeder noch so hohen Summe bereit gewesen. Warum ich unbedingt dorthin musste? Na, ich wohnte dort. Ich war dort aufgewachsen. Die verbotene Stadt war meine Heimat und ich ihr verlorener Sohn.
Als das Taxi nach Vorzeigen meines Passes nicht nur durch gewunken wurde, sondern der Beamte an der Grenze sogar die Hacken zusammen geschlagen hatte, war mein Fahrer so beeindruckt, dass es ihm für einen Augenblick die Sprache verschlug. Immer wieder schaute er in den Rückspiegel, und sein Blick verriet, dass er neugierig geworden war, es ihm aber seine angeborene Höflichkeit verbot, seinen Fahrgast nach seinem sozialen Status auszuhorchen. Ich ließ ihn unaufgeklärt und bat ihn, mir die Geschichte zu erzählen, die er zu erzählen begonnen hatte, nachdem der Preis ausverhandelt war und ich mich in das geschmeidige Leder im Rücksitz seiner Limousine fallen gelassen hatte.
„Sie können mir glauben oder auch nicht. So war es!“, zitierte ich ihn, damit er den einmal gesponnenen Faden wieder aufnähme.
„Wissen sie, würden sie mir diese Geschichte erzählen, würde ich ihnen auch nicht glauben. Aber da ich selbst in ihr mitgespielt habe, muss es wenigstens ich tun.“, sagte er, während ich mich von der im grellen Scheinwerferlicht ausgeleuchteten Mittellinie der Fahrbahn und auch von seiner Stimme in Trance versetzen ließ. „Übrigens: Mein Name ist Farlimas.“ Dabei machte er zwischen den Silben eine Pause und schaute mich bedeutungsvoll an. „Far- li- mas!“ Das sagte er so, als müsse jetzt etwas bei mir läuten, der Name aber sagte mir gar nichts.

„Wo ich herkomme“, fuhr er fort, „werden die Könige vom Volk gewählt. Der König also ist immer einer von uns. Er regiert eine bestimmte Zeit und zwar bis zu seinem Opfertod. Der Zeitpunkt wird von den Priestern durch Beobachtungen der Gestirne festgelegt. Mag sein, dass sie das primitiv finden, unaufgeklärt und weit zurück hinter der Zeit, aber bedenken sie nur einen Augenblick, bevor sie die Bräuche und Sitten meiner Heimat als rückständig verurteilen, wie schnell Macht süchtig werden lässt und anderswo aus Revolutionären Tyrannen macht, die noch einbalsamiert und aufgebahrt in marmornen Hallen ihren Kotau fordern, während ihre Söhne und Töchter die Gesetze biegen, um ewige Nachfolge anzutreten.“ Wieder versicherte er sich durch einen Blick im Rückspiegel, dass ich ihm zuhörte und seinen vorgebrachten Argumenten folgte. „Wieder so ein altes Wort: Kotau. Wer sagt das heute noch?“, dachte ich, als unsere Blicke sich trafen, was ihm sichtlich peinlich zu sein schien.

Während das Fahrzeug sich auf bläulich schimmerndem Asphalt durch die Nacht fraß und der Fahrgast seiner Stimme lauschte, beschäftigte ihn die Frage, woher Farlimas so gut seine Sprache beherrschte, aber auch seine Gedanken vorwegzunehmen in der Lage war. Auch wenn er sich als ein Bote aus einer anderen längst vergangenen Welt darzustellen bemühte, er musste zugeben, dass er dies sehr glaubwürdig tat, hatte ihn die Geschichte zu beschäftigen begonnen. Aus großer Ferne noch sah er die Lichter der verbotenen Stadt und hoffte, dass er ihr Ende noch hören würde, bevor er angekommen war.

Als könne er seine Gedanken erraten, fuhr Farlimas fort: „Wieder wurde ein König gewählt. Er hieß FarrokhzAd, was in unserer Sprache glücklich geboren bedeutet. Er hatte eine Schwester. Sie hieß Elmira und war eine Priesterin, die keusch leben und das Feuer hüten musste. Eine Wuchtbrumme, wenn sie wissen, was ich meine.“  Dabei ließ er für kurze Zeit das Lenkrad los, um die ausladenden Formen der Dame zu beschreiben, die er Elmira nannte. Selbst jetzt, wo ich dieses Wort niederschreibe – Wuchtbrumme – meldet sich die Rechtschreibprüfung und unterstreicht es wellenförmig rot.
„Passen sie lieber auf!“, wollte ich ihn gerade mahnen, nachdem er das Fahrzeug wieder unter Kontrolle hatte, aber er war so verstrickt in seiner Geschichte, dass er den Tempuswechsel von Vergangenheit zur Gegenwart gar nicht bemerkte.
„Auch sie muss sterben, wenn der König stirbt!“, führte er unbeirrt aus. „So verlangt es die Ordnung, und Ordnung muss sein, da werden sie mir doch zustimmen, oder?
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Der König hatte einen Freund aus Jugendtagen. Er wählte ihn als Gefährten für das Leben, das ihm nun bevorstand, aber auch als Genossen seines Todes, wenn die Priester das Opfer verlangten. Dieser Freund war so gut im Erzählen von Geschichten, dass alle seine Zuhörer alles vergaßen, was immer es war, das sie bedrückte. Seine Erzählkunst wirkte auf sie wie Opium, das aus dem Schlafmohn Myanmars gewonnen wurde und bekanntlich seine Wirkung nie verfehlte. Es war, als würde eine Ohnmacht sie umfangen. Auch Elmira hörte ihm zu und entbrannte in Liebe zu ihm. Sie können sich vorstellen, wie das ausging.“
„Nicht gut!“, hörte ich mich murmeln. „Sicher nicht gut! Ließ der Freund sich auf sie ein?“, fragte ich meinen Chauffeur, der in ein brütendes Schweigen zu versinken drohte.

In letzter Sekunde einem Lastwagen ausweichend, der ihm noch nachhupte, als er schon außer Sichtweite war, nahm er den Faden wieder auf, indem er hörbar aufseufzte: „Natürlich lässt er sich auf Elmira ein. Die beiden werden ein unzertrennliches Paar. Das erzürnte  verständlicherweise die Priester, da es gegen die Vorschrift war und sie die ungeschriebenen Gesetze der Ordnung verletzten, nach denen Jahrhunderte gelebt worden war. FarrokhzAd riet den beiden zur Flucht. Doch Elmira hatte eine andere Idee. Eine viel bessere: Wenn alle durch deine Stimme, durch deine Geschichten in tiefen Schlaf geschaukelt werden, der König, du und ich die einzig Wachen sind, warum es nicht mit den Priestern versuchen? Sie sollen dir zuhören, sagte sie. Sie werden ebenso verzaubert sein und vergessen, die Sterne zu beobachten, um die Zeit des Opfers zu bestimmen.“
„Und weiter!“, drängte ich ihn, nachdem er eine längere Pause gemacht hatte und so tat, als wäre die Geschichte hier zu Ende.
„Es kam, wie es kommen musste. Die Priester waren verzaubert und vergaßen auf ihre Aufgabe, aber irgendwann wurde er leichtsinnig. Eines schönen Tages  verlangten die Priester, dass der Geschichtenerzähler getötet würde, weil er die große Ordnung gestört habe. Die Götter, meinten sie, sollen vor dem gesamten Volk darüber entscheiden. Was?“, fragte Farlimas ihn ohne jede Überleitung, „Wenn wir heute wieder vor einer Wende stünden? Ich meine nicht den Jahreswechsel. Ich meine eine neue Ordnung in der Welt, in welcher nicht mehr einer der Herr wäre, sondern alle Völker mit gleichem Recht nebeneinander stehen?“

„Warum erzählen sie mir nicht die Geschichte fertig?“, fragte ich ihn fast ein wenig zu unbeherrscht. Wir waren zwar angekommen und das Neue Jahr wurde eben mit ohrenbetäubendem Krach begrüßt, aber ich wollte nichts anderes als das Ende der Geschichte hören. Mittlerweile hatte ich einen Verdacht und dieser Verdacht wurde bestätigt, als er ausholte, das Ende zu erzählen.

„Also gut“, sagte Farlimas nach einer Pause. „Das Volk hatte sich versammelt. Ich erzählte die ganze Nacht durch. Ich erzählte Geschichten um Geschichten. Von manchen wusste ich gar nicht, dass es sie gab. Ich schöpfte in jener Nacht – wie es mir schien – aus einer unversieglichen Quelle. Die Götter jedenfalls hatten entschieden. Am Morgen sah das Volk die Priester tot am Boden liegen. Nun wurde das Gesetz abgeschafft und kein König mehr getötet. Ja, ich war glücklich mit Elmira, und FarrokhzAd vergaß nie, wer ihn gewählt hatte. Doch, wie sie sicherlich auch wissen, mein Herr, kein Glück auf dieser Erde währt ewig. Bald kamen sie, unsere Feinde, bis an die Zähne bewaffnet fielen sie über uns her, die wir schutzlos waren. Sie zerstörten alles. FarrokhzAd wurde mit der Garotte erwürgt und dann verbrannt. Ich konnte fliehen. Elmira aber …“ und während sein Körper von einem Weinkrampf geschüttelt wurde, wiederholte er stockend: „Elmira aber…“
Noch während ich mich fragte, wie ich ihn trösten könnte, deutete er mir, dass er schon klar käme und versuchte sogar ein allerdings verunglücktes Lächeln, als ich ihm ein gutes neues Jahr wünschte und wir uns verabschiedeten.
Ich hätte ihn einladen, ihn mitnehmen sollen. Aber wer kann schon in die Zukunft schauen?

„Am Neujahrstag wurde wieder eine mit Lippenstift geschminkte Leiche gefunden. Sie lag – wie alle anderen Opfer vor ihm – in die Soutane eines unbekannten Ordens gekleidet auf den obersten Stufen des Präsidiums. Der Präfekt – noch ein bisschen verkatert von der langen Neujahrsfeier – war über sie gestolpert. Aus seinen Papieren ging hervor, dass er Farlimas hieß. Ein Illegaler, der eben aus der verbotenen Stadt gekommen war. Er war – wie aus Polizeikreisen vermutet – möglicherweise das Opfer eines Geheimbundes, der die alte Ordnung wieder herstellen wollte.“
So stand es am Morgen des Neujahrstages in der einzigen Zeitung, die gedruckt wurde, auf Seite 2. Sie war gratis und lag überall auf. Auf der Titelseite aber sah er den neuen König.  Vom Balkon aus schaut er hinunter auf Zehntausend in einen blauen Mantel gehüllt mit Knöpfen auf beiden Seiten. Stiernackig, mondgesichtig: Der Nachfolger der Sonne und weise Führer…
Das große Herz seines Vaters hatte zu schlagen aufgehört. Sogar die Natur habe mitgetrauert, ließen die Nachrichten wissen: Eis sei gebrochen, eine Leuchtschrift am Himmel erschienen,
sogar die Eulen hätten geweint. Von Weinkrämpfen geschüttelt warf sich gemeines Volk vor den Konvoi aus 30 schwarzen Mercedes älteren Baujahres, gefolgt von einem Pulk weißer Volkswagen fabriksneu aus China, und ein Soldat meinte betrübt: „Der Schnee fällt so endlos wie die Tränen.“
Ob es hunderttausend oder eine Million waren, die dem Hungertod zum Opfer fielen während seiner Regentschaft, darüber werden Experten streiten in kommenden Reichen. Aber heute gibt es getrockneten Fisch für alle, so hatte der Vater noch auf dem Totenbett angeordnet.
Seine Schwester hütet das Feuer. Sie besitzt das einzige Fastfoodlokal der verbotenen Stadt. Wenn das nicht hoffen lässt?
Der König ist tot. Es lebe der König!

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