Be a traveller not a tourist

Wer hier in der Peripherie wohnt und im Zentrum arbeitet, ist nicht zu beneiden. Pendler verlieren zwischen drei und vier Stunden täglich für Hin- und Rückfahrt von und zum Arbeitsplatz. Da herrscht ein Gedränge und Geschiebe; in den unterirdischen Gängen der Tubes ist es stickig und heiß, und es braucht Übung und  Orientierungssinn, um sich  in diesem System zurecht zu finden. So ein Angestellter, der schon um Fünf auf sein muss, damit er rechtzeitig in die Arbeit kommt, ist ja schon körperlich fertig, bevor er begonnen hat.

London ist großflächig und in 6 Zonen eingeteilt. Also ist man gut beraten ein one-two-fife-day-ticket um 8.50 Pounds zu lösen, wenn man nicht für jede einzelne Strecke zahlen will. Mit einem Auto ins Zentrum zu wollen, kostet einen guten Stundenlohn und noch einmal einen für jede Stunde in einem Parkhaus. Ein guter Stundenlohn, sagt Helen, eine Freundin von Jupi, liegt derzeit bei ca 25 Pounds.  Das kann sich nicht jeder leisten und trotzdem gibt es in der Stadt permanenten Stau.

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Es wird sicher viele gute und nachvollziehbare Gründe geben, warum man unbedingt in LONDON leben und arbeiten will. Helen zB.  ist eine Deutsche mit Wurzeln in Eritrea und wie Jupi vor 7 Jahren in diese Stadt gekommen. Lange Zeit von der Hand in den Mund lebend, sich tagsüber als Kellnerin und abends als Tänzerin verdingend, steht sie jetzt als Model unter Vertrag einer Agentur und wirbt schon im Fernsehen. Nebenbei unterrichtet sie Tanz in Schulen, da sie ihre Karriere als Tänzerin wegen einer Knöchelverletzung aufgeben hat müssen. „In dieser Stadt ist alles möglich“, sagt sie.

Ich wage mich heute das erste Mal allein hinein in die Stadt, in die man förmlich hinein gezogen und von den Menschenströmen mitgerissen, durch Schleusen gestoßen wird und durch gekachelte Gänge taumelt, bis man – wie ich zB. jetzt bei einer Station wie Kings Cross wieder ausgespuckt wird. Die Bahnhöfe sind mit ihren überdachten filigranen Stahlkonstruktionen sehenswert, aber sicherlich keine Orte, wo man sich vom Stress dieser Art von Personenbeförderung erholen will.
Ich will Prudence treffen am Mount Pleasent Market  in der Ferrington Road, die ich auf meiner Reise nach Feuerland am Titicacasee vor drei Jahren kennen gelernt hatte. Dorthin war ich jetzt zwei Stunden unterwegs – streng die Aufforderung einer Werbung befolgend: Be a traveller, not a tourist! Ein bisschen Sonne und schon sitzt alles draußen: Ein Straßenmarkt, der um die Mittagszeit mit Mahlzeiten aus der Küche aller Erteile lockt. Prudence arbeitet bei Amnesty International und weiß traurige Geschichten darüber zu erzählen, wie Beamte mit denen umgehen, die es gerade geschafft haben, ihre Haut zu retten, nicht aber zu Papieren zu kommen, die ihren Aufenthalt legitimieren. Sie hat zwei Söhne, von denen einer nun heiraten will und überlegt, sich ein Hausboot zu mieten, da das Wohnen in London sehr teuer geworden ist und die Mieten  mit der Olympiade, die jetzt in zwei Wochen stattfindet,  noch einmal angezogen haben.

Auf dem Rückweg verirre ich mich in die Ausstellung eines kanadischen Fotografen namens Edward Burtynsky, der seit mehr als 20 Jahren die Auswirkungen der Produktion und Distribution von Öl auf  jeden von uns in so lichtstarken und detailreichen Fotos festhält, dass man sie weniger als Fotos sondern vielmehr als überaus naturalistisch gemalte, beinahe apokalyptische oder danteske Szenarien anschaut. Er hat die Ölfelder Aserbeidschans ebenso bereist und festgehalten wie die Zerlegung der Containerschiffe in Bangladesh, mit denen das Öl transportiert worden ist.

Morgen nach Brighton. Freu mich schon

1 Comment
  • Erny MENEZ
    Posted at 08:14h, 16 Juni Antworten

    Hallo Helmut,
    Du gibst uns einen sehr interessanten Bericht über „dein“ England, Land das ich so schlecht kenne, obwohl ich so nahe daran lebe.
    Auch die Fotos schätze ich sehr und entdecke Vieles.
    Danke und liebe Gruesse aus Grenoble !
    ERNY

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