Cambridge: spooky location

Heute war ich mit Simret in Cambridge. Ich kenne sie von einem Grundtvig-Studienaufenthalt in Andalusien. Mutter ist aus India  und Vater aus Jamaica.  Eine Mischung aus Marsalla und Chili. Sie ist erst vor kurzem aus Burmingham nach London gezogen, da sie in der Filmszene Fuß fassen will, was dort nicht möglich sei. Derzeit arbeitet sie an einem kommerziellen Horrorfilm, ein Projekt, für das sie immerhin 300.000 £ aufstellen muss, damit es nach Fertigstellung weltweit  in die richtigen Vertriebskanäle kommt. Schon aus diesem Grund hat sie gleich zugesagt, weil angeblich Teile von Harry Potter in Cambridge gedreht worden sein sollen und sie immer auf der Suche nach spooky Locations ist. Ein Ort, der nach den Römern von Sachsen, Wikingern und Normannen besetzt worden ist, ein Ort aber auch, in welchem Geistesgrößen wie Isaak Newton oder Darwin studierten und mit ihrem Denken Weltbilder ins Wanken brachten, ist schon auf Grund seiner  Geschichte eine location, die das Attribut „spooky“ verdient.
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Ich wollte mich ein bisschen auf diesen short trip vorbereiten, brachte aber binnen kurzem alles durcheinander, was bei 31 sehenswürdigen Colleges mit ihren noch bekannteren Chapels, verzeihlich ist. Selbst jetzt, nachdem ich einen Teil davon gesehen und fotografiert habe, was beinahe dasselbe ist, (denn mir scheint, ich habe etwas erst gesehen, nachdem ich es fotografiert habe), obwohl das, was ich gesehen habe, weder dasselbe noch das Gleiche gewesen sein muss, was ich fotografiert habe.  Diese Unterscheidung macht erst wirklich Sinn, wenn zwei Paar Augen etwas sehen und fotografieren. Meistens wird dasselbe nämlich fälschlicherweise anstelle von das Gleiche gebraucht, wenn es nämlich um identische Dinge geht, die aber in mehreren Exemplaren existieren: Nun die Zwiebelfischfrage: Wenn ich also mit Simret im selben punt, jenem kiellosen mit einer Stange bewegten Boot sitze, und von einem Guide die Cam hinauf und hinunter gerudert werde, und wir von diesem punt aus nun beide dasselbe Motiv wie zB. King’s College Chapel sehen und auch noch ein Foto machen, tun wir das aus der gleichen oder derselben Perspektive, und ist der wiedergegebene Ausschnitt des satten Grüns mit dem großartigen Bauwerk im spätgotischen Stil  derselbe oder der Gleiche? Ein grammatikalisches Problem, das Sir Francis Bacon, Isaak Newton oder Darwin, vielleicht sogar und mehr noch einen Lord Byron, die allesamt einmal hier zur Schule gegangen sind, zu tiefsinnigen Erläuterungen inspiriert  hättenund sicherlich einen von ihnen eine Lösung hätte finden lassen . Am ehesten aber Ludwig Wittgenstein, den Cambridge als eine der Persönlichkeiten anführt, die hier gelebt, studiert oder gewirkt haben.
Heute beherbergen diese altehrwürdigen Mauern 18.000 StudentInnen, die im Schnitt 9000 £ Studiengebühren im Jahr zahlen. Eine geradezu lächerliche Summe, meint unser guide, weil manche dieser Studies das Geld haben, über 20.000 £ an einem Abend auszugeben. Aber auch hier brannte die Uni und wurdenim Kampf gegen die als zu hoch erachteten Studiengebühren die Hörsäle besetzt. Unser guide jedenfalls hat das Studium hingeschmissen, sich ein Boot für 3000 £ gekauft und versucht nun mit einem Freund, der auf der Straße die Kunden keilt, davon zu leben, Touristen wie uns eben, die College Back zu rudern, wie man den 1,5 km langen Teil der regulierten Cam entlang der  Collegehinterhöfe  nennt. Hartes Brot, da es ziemlich oft regnet. Das tut es aber heute – gottseisgedankt-  nicht. Spooky jedenfalls scheinen hier nur die Preise. Der Guide klärte uns nämlich darüber auf, dass Harry Potter in Oxford und auf schottischen Castl’s gedreht worden ist, nicht aber in Cambridge. Was für eine Enttäuschung für Simret, die moosbewachsene Abflusslöcher fotografiert und dunkle Hauseingänge und Spinnwebbehangenes.

Die im Stil der venezianischen Seufzerbrücke gebaute bridge of sighs hat Glas zwischen den filigranen Sandsteinstreben, damit die Collegestudies in der Nacht nicht ausreißen konnten. Ein unterhaltsames Detail, wenn man bedenkt, was die Stadt heute alles unternimmt, ihre Kostgänger auch in der Nacht bei Laune zu halten.

Im hinteren Teil einer Kirche finden wir mitten zwischen Kräutern mossbewachsene Steine eines uralten Friedhofes, und dort auf einer Bank einen Mann, der sich uns als homeless vorstellt. Er hat eine ziemliche Fahne, besteht aber darauf von uns beiden ein Foto machen zu wollen, was ihm aber nicht gelingt, da die Feinmotorik versagt.  Irgendwann kippt er zwischen die Grabsteine. Das war nun auch Simret spooky enough.

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