Bei den Mädels im Blumenthal

Gestern haben wir die „Mädels“ besucht, wie ein ehemaliger Schüler sie liebevoll nennt. Er ist nicht etwa Zuhälter. Weit gefehlt: Er ist Imker geworden und hat sich in einem 130-Seelendorf in Niederösterreich ein bescheiden eingerichtetes Häuschen mit Grund gekauft. Dort ziehen seine Frau und er auf Hochbeeten allerlei Kräuter und Nutzpflanzen, aus denen Liköre gebraut und Heilsalben hergestellt werden. Nach Besichtigung des Gartens, der in Hanglage auch einen Weinkeller hat, gab es Kostproben aus seinem Sortiment an Honig und Honigmischungen, von denen uns der mit Kren am besten gemundet hat. Dann brachen wir zu „seinen Mädels“ auf. Auf dem Weg zu ihnen gab’s ein paar Anweisungen, wie man sich im Falle von Bienenstichen verhalten soll. Hier ein guter Rat für alle, die das nicht gewusst haben:

Auf keinen Fall davonrennen, schwarze Kleidung meiden, da es sich bei schwarz für die Mädels nur um einen Bären handeln kann, wie sie instinktgeleitet wissen, und nie auf die Stelle drauf klatschen, an der man gestochen worden ist, sondern mit dem Fingernagel leicht darüber streichen, weil sonst das ganze Gift mit dem Stachel ins Fleisch geht. Übrigens stimmt das nicht, dass drei Hornissen genügen, einen Menschen zu töten, wie mir noch mein Opa erklärt hat, als ich ein Kind war; ein Aberglaube, der sich hartnäckig bis heute gehalten hat. Hornissen sind friedliebend, meint Harald, und kündigen ihren Angriff mit einem Kreisflug über dem Kopf an. Ob Hornissen oder Bienen; bei Allergikern genügt ein Stich.

Die 5 Stöcke, die er derzeit betreut, liegen am Waldrand vor einem abwärtsfallenden Rapsfeld mit weitem Blick bis hinein in die ungarische Tiefebene. Ein idealer Ort für Bienen, da die Stöcke im Hochsommer durch die schattenspendenden Bäume nicht der Gluthitze ausgesetzt sind und die Mädels freie Flugbahn sowohl auf die Blüten der Akazien im Rücken als auch des Rapses vor sich haben. Wir stülpen uns die weißen Kostüme der Imker über, in denen wir wie Astronauten ausschauen, und Harald öffnet den Stock. Da wir auf ein Rauch entwickelndes Feuer verzichtet haben, wird meine schwarze Kamera gleich angegriffen. Ich halte trotzdem tapfer auf das Gewusel drauf, bis es mir zu viel wird und von einer ganzen Traube seiner Mädels angegriffen – den Ratschlag vergessend – auf die Wiese renne. Auch meine Socken sind schwarz. Ein heftiger Stich und ich habe Bekanntschaft mit den Mädels gemacht. Als er den zweiten Stock aufmacht, werden auch die anderen, ja selbst der Imker von ihnen gestochen. Da seine Frau uns erklärt hat, dass das Gift der Biene eine kortisonhaltige Essenz enthalte, die ihre faltige Stirn nach einem Stich wieder geglättet hätte, und Apipunktur sogar als kosmetischer Eingriff Botox ersetzen könne, wünschte ich mir, sie hätte mir in die Schläfe gestochen, um meine Krähenfüße zu entsorgen. Den Rest des Nachmittags genossen wir die Märzsonne und die unterhaltsamen und wissenswerten Vorträge unserer Gastgeber über Vorratshaltung, Tauschhandel, Solidarökonomie, gesunde Ernährung, Agrarsubventionen und seinen Plänen einer teilautonomen Existenzsicherung. Übrigens müssen Imker, die unter 30 Tonnen Honig produzieren, keine Mehrwertsteuer leisten, da ihre Arbeit als dem Wohl der Allgemeinheit dienend angesehen wird.

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