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Das "eigentliche" Wien

In der Stadt, in der man lebt, so tun, als wäre man ein Fremder, der sie zum ersten Mal bereist, ist kaum möglich. Wieder in dieses Staunen und die Neugier zurück zu finden, mit der ich sonst in mir fremden Städten unterwegs bin, gelingt dort, wo man zu Hause ist, in Ansätzen nur dann, wenn ich mich, was selten genug vorkommt, einem Besuch als Führer anbiete und versuche, meine Heimatstadt mit dessen Augen zu sehen. Ich nehme also die Kamera auf die Ausflüge mit und zücke den Apparat immer dann, wenn er ein Foto macht. Dabei stelle ich überrascht fest, wie schön Wien ist, und ich, der ich nichts zu seiner Schönheit beigetragen habe, trotzdem stolz bin, ihm seine mit so viel Geschichte aufgeladenen Sehenswürdigkeiten zeigen zu dürfen, und das in der stillen Hoffnung, von meiner BesucherIn dafür beneidet zu werden, hier in dieser Stadt seit 50 Jahren daheim zu sein. Ich sage daheim, obwohl ich hier weder geboren noch aufgewachsen bin und als Zugereister nie ein Wiener sein, und von den Einheimischen auch nie als einer von ihnen angenommen sein werde.  Weder gelingt es mir,, wie „mit oana schwoarzen Tint’n“ und im raunzigen und je nach Bezirk eingefärbtem Idiom zu sprechen, weil schon das Meidlinger „L“ eine – gaumentechnisch – unüberbrückbare  Hürde darstellt, noch habe ich diesen Anspruch. Es tröstet mich zu wissen, dass es wohl allen Zugereisten hier so geht und so ging. Robert Gilbert, ein Berliner Text- und Schlagerdichter („Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist…“), schrieb einst:
„Zu dera Mundart, glaubt’s es mir,
g’hört halt a eigner Mund;
du bleibst a fremder G‘scherter hier…
Drum steh‘ i stumm am Stephansdom
und red’t nur mit die Staaner,
sunst halten’s mi bei dem Idiom
am End für an Indianer…“
Obwohl wir uns trotz Pausen die Hacken von den Schuhen laufen, ist die Stadt in drei Tagen nicht zu machen. Selbst aber nach einer Woche – und wären wir wie Japaner unterwegs, die ganz Europa in dieser Zeit durchreisen -, hätte ich noch immer das Gefühl, der BesucherIn nicht das eigentliche Wien gezeigt zu haben. Heute aber hatten wir Glück:

Wir sitzen in einem einst berühmten Cafe in der Innenstadt, Treffpunkt von  Künstler- und LiteratInnen; am Nebentisch hat ein älteres Ehepaar Platz genommen. Der junge Kellner – Falcotyp mit streng nach hinten gekämmter Pomadefrisur – nimmt neben dem Tisch Aufstellung und fragt: Was wünschen die Herrschaften?
Der männliche Gast – auch für seine Frau sprechend – verlangt die Karte.
Der Kellner darauf: Die Karte steht vor Ihnen. Was immer Sie wünschen. Ohne auch nur einmal Luft zu holen und mit einem konzentrierten Blick über die Gäste hinweg, beginnt er: Wollen der Herr vielleicht einen Melange, einen Kaisermelange, einen Mokka mit Eidotter oder Honig und einem Schuss Cognac, die Dame vielleicht eine Maria Theresia, ein Mokka, der mit einem Schuss Orangenlikör kommt oder gleich einen großen oder kleinen Braunen mit Milch oder Obers? Wir haben auch einen doppelten Einspänner, einen ordinären Häferlkaffee  oder einen Verlängerten. Darf’s vielleicht ein Othello oder ein Piccolo sein? – Ein Espresso mit heißer Schokolade etwa oder ein kleiner Schwarzer mit Schlagobers? Dazu ein hausgemachter Apfelkuchen mit Vanillesoße oder Powidltatscherln? Falls Sie Alkoholisches wünschen, vielleicht einen Sauvignon Blanc oder lieber einen Zweigelt. Wir haben auch Eistee…

Während der Kellner die Karte herunterbetet, sehe ich, wie der Mann mit hilflosen Gesten den Kellner zu unterbrechen versucht, während sich der Mund der Frau vor Staunen immer weiter öffnet. Schließlich gelingt es dem Mann doch noch, den Kellner zu unterbrechen, der mittlerweile bei den Speisen angelangt ist:
Zwei Mineralwasser, sagt der Mann.
Der Kellner scheint nicht im Geringsten frustriert, macht auf dem Absatz kehrt und will in die Küche, wird aber von einer Riesin aufgehalten, die pikiert auf ihr Glas mit Mineral-wasser zeigt, das sie ausgetauscht zu haben wünscht, da eine Fliege hinein gefallen sei. Der Kellner nimmt das Glas, fischt im Rücken der Riesin die Fliege heraus und stellt ihr das Glas wieder auf den Tisch.
Das ist das eigentliche, das authentische Wien, denke ich amüsiert. Hier ist der Kellner König, nicht der Gast. Der wird für seine Dreistigkeit bestraft, bedient werden zu wollen.

5 Comments
  • karin
    Posted at 20:53h, 06 April Antworten

    lustig, einmal „ein teil“ deines reiseberichtes zu sein! danke für eure gastfreundschaft u die zeit, die ihr euch genommen hab! wien ist wunderschön u ich komme irgendwann wieder…

  • Manfred Voita
    Posted at 16:10h, 06 April Antworten

    Wenn es denn so etwas wie den authentischen Wiener oder Hamburger oder was auch immer gibt. Die Hamburger z. B. gelten als reserviert – und kaum standen wir an einer Ecke, kam auch schon jemand und fragte, ob er uns helfen könne. Vielleicht lag das ja auch an meinen Töchtern. Und: Ist das attraktive Wien, so wie das schöne Amsterdam, das eigentliche Wien? In Münster z. B. gibt es den Prinzipalmarkt, die sogenannte gute Stube Westfalens, schön und touristisch, aber die Menschen arbeiten und leben in anderen Teilen der Stadt – die keineswegs alle schön, aber eben auch nicht alle uninteressant sind. Trotzdem danke für die schönen Bilder, denn Wien kenne ich noch nicht – und schon wegen der Geschichte bin ich sehr daran interessiert.

    • Helmut Hostnig
      Posted at 16:40h, 06 April Antworten

      Lieber Manfred. Du hast schon recht. Ob es so etwas wie einen Nationalcharakter oder das regional Eigentliche gibt, darüber ließe sich wohl streiten; aber falls du einmal planst nach Wien zu kommen, versäume nicht, dich bei mir zu melden. Liebe Grüße aus Wien

  • Helmut Hostnig
    Posted at 14:32h, 06 April Antworten

    Liebe Andrea. Danke für deinen Kommentar. Das Fremde oder „die neuen Aspekte im Altbekannten“ zu suchen, kann sicher nur gelingen, indem man die Stadt, in der man wohnt, wie eine langjährige Freundin behandelt, der es immer wieder gelingt, dich dann zu überraschen, wenn du sie zu kennen glaubst. Liebe Grüße und noch einmal Danke.

  • MAXA
    Posted at 09:07h, 06 April Antworten

    Du beschreibst genau, was ich auch immer wieder empfinde. (Als Niederösterreichin habe ich mehr ein Gefühl von Haßliebe zu Wien, als ich 1979 nach Wien kam, hatte NÖ nicht mal eine Hauptstadt, alles was das größte Bundesland regierte und lenkte befand sich in Wien.)
    Aber zurück zum eigentlichen Wien: ich glaube heute, dass ich Wien besser kenne, als so mancher Wiener, und gleichzeitg, dass ich auch diese Stadt nie wirklich ergründen werde. Aber auch mir zeigt jeder Besucher, den ich hier herum führe, und gerade an den Touristenplätzen, einen neues Aspekt im „Altbekannten“.
    Ganz toll finde ich Deine Idee überall dort fotografiert zu haben, wo auch Dein Besucher die Kamera zückte.
    Und abschließend will ich Dir natürlich auch nicht meine Wertschätzung für eben diese Fotos und den Text vorenthalten.
    Danke!
    Andrea

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