Rapunzel

herbst-1080-x-608Niemand außer seiner Mutter wusste von dem Foto, das er in seiner Hose getragen hatte, als er noch ein Kind war und sich geschworen hatte, dass er einmal dieses Mädchen und kein anderes heiraten würde. Das Foto hatte er damals aus der Rückseite eines Buchumschlags herausgeschnitten; es zeigte das Portrait eines Mädchens mit Locken und großen sanftmütigen Augen. Um seinen Mund spielte ein spöttisches Lächeln. Fast so, als wollte es ihn herausfordern und sagen: Such mich nur! Such mich ein Leben lang! In einer fernen Zukunft, vielleicht, wenn du nicht aufgibst, wirst du mich gefunden haben, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich auf dich warten will.

Er hatte das Buch in der Bibliothek seiner Eltern gefunden. Die Geschichte, die in dem Buch erzählt wurde, spielte in einem Land, in dem schon so viele Jahre Krieg war, dass kaum einer mehr wusste, wie er angefangen hatte, und noch viel weniger, warum. Das Mädchen erzählte von seiner Angst, von seinem Leben vor dem Krieg und wie es sein würde, wenn er vorbei wäre. Es erinnerte ihn an Rapunzel, die von einer bösen Hexe in ein Turmzimmer gesperrt und dort gefangen gehalten wurde. Aber es war kein Märchen.

Aus dem Tagebuch ging nicht hervor, welches Land es war; er hatte sie Rapunzel getauft, weil es ihm ein exotischer und damit passender Name schien. Er war so beeindruckt von der Tatsache, dass ein Mädchen seine Gedanken einem Buch anvertraut hatte, das sogar gedruckt worden war, dass er selbst begann, ein Tagebuch zu schreiben, in welchem er sich mit Rapunzel austauschte, als würde er mit ihr – nur durch ein paar Straßen von ihr getrennt – aufwachsen.

Diese Zeilen hatten sich ihm besonders eingeprägt; so gut, dass er sie noch Jahre später aus dem Gedächtnis abrufen konnte: „Zuerst wurde behauptet, dass der Nachbar in Wirklichkeit kein Nachbar, sondern ein Feind sei. Dann wurde ihm das Recht abgestritten, ein Mensch zu sein. Bald fiel der erste Schuss, und dann ging es um Leben oder Tod, um er oder ich, und wenn ich nicht geschossen hätte, hätte er es getan…

Immer, wenn er traurig war, nahm er das Foto aus seiner Hosentasche und hielt Zwiesprache mit ihm. Damit es nicht zerfällt, hatte er es auf Karton aufgezogen, aber es hatte schon gelitten und es verblasste nach und nach, bis es eines Tages, als er vergessen hatte, es aus der Tasche seiner Hose zu nehmen, bevor sie gewaschen wurde, ganz zerfallen war. Zuerst war er untröstlich, dann aber nicht mehr wirklich traurig, denn ihr Portrait hatte ja schon längst ein jederzeit abrufbares Bild in seinem Kopf hinterlassen.

Instinktiv spürte jede Frau, die sich mit ihm einließ, dass sie eine Rivalin hatte, und dass diese große Macht über ihn besaß.  Auch, dass jeder Versuch, sich mit ihr messen zu wollen, scheitern musste. Du erinnerst mich an eine Frau, die ich sehr geliebt habe, verriet er ihnen gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft. Und wenn sie ihn fragten, was passiert sei, wich er aus, und meinte: Das ist eine lange Geschichte. Darüber möchte ich jetzt nicht sprechen. Zu Einer sagte er: Du hast ihren Mund. Einer andern: Du hast ihre Augen. Eine hielt es länger, andere kürzer und noch Eine gar nicht aus mit ihm, und gaben alle auf. Das war nicht weiter wunderlich. Sie kämpften gegen ein Phantom.

Sein Bild von ihr hatte sich auf magische Weise mit den Jahren verändert. Zuerst waren ihre Haare, die sie aufgesteckt trug, so lang, dass er an ihnen tatsächlich bis in das von ihm geträumte Turmzimmer hätte klettern können, um einen Kuss mit ihr zu tauschen. Das aber geschah nur in seinen Tagträumen. In seiner Vorstellung waren ihre Augen schwarz und ihre Augen grün. Ihr Blick war hart und ihr Gesicht war schmal geworden, und die hohen Wangenknochen ließen sie bei ihren Auftritten in seinem Kopf ernster erscheinen, als sie vielleicht war. In Vielem war sie wiederzuerkennen. Das spöttische Lächeln, das ihren Mund umspielt hatte, war auch noch da, aber es hatte das Herausfordernde eingebüßt. Möglicherweise deshalb, weil sie zwar um seine Bemühungen, aber auch um deren Scheitern wusste. Sie war reifer geworden und hatte sich seinem Alter angepasst. Während er älter und immer älter wurde, und blind für alles, was ihn umgab, durch seine kleine Welt taumelte, begann sein Bild von ihr zu verblassen. Diesmal endgültig. Er wurde alt, aber es schien, dass sie es mit ihm nicht werden wollte.

So kam es, dass er sie, als sie eines schönen Tages tatsächlich vor ihm stand, nicht erkannte, obwohl sie ihn durch viele Zeichen, die ein Blinder hätte deuten können, an seinen kindlich geleisteten Schwur erinnert hat.

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1 Comment
  • Manfred Voita
    Posted at 17:09h, 01 Dezember Antworten

    Ein kluger Mann? Einer, der sich an ein Ideal bindet, das ja nicht versagen kann, das immer rein und vorbildlich bleibt. Da gibt es keine Eifersucht, keine Beziehungsgespräche, nur die leise Melancholie der Unerreichbarkeit. Kein Wunder, dass er sie nicht erkennt, als sie vor ihm steht. Wie sollte die Realität mit dem Traum konkurrieren können?

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