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Rapunzel

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Niemand außer seiner Mutter wusste von dem Foto, das er in seiner Hose getragen hatte, als er noch ein Kind war und sich geschworen hatte, dass er einmal dieses Mädchen, und kein anderes heiraten würde. Das Foto hatte er damals aus der Rückseite eines Buchumschlags herausgeschnitten; es zeigte  schwarz auf weiß das Portrait eines Mädchens mit Locken und großen sanftmütigen Augen. Um seinen Mund spielte ein spöttisches Lächeln. Fast so, als wollte es ihn herausfordern und sagen: Such mich nur! Such mich ein Leben lang! In einer fernen Zukunft, vielleicht, wenn du nicht aufgibst, wirst du mich gefunden haben, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich auf dich warten will.
Er hatte das Buch in der Bibliothek seiner Eltern gefunden. Die Geschichte, die in dem Buch erzählt wurde, handelte von diesem Mädchen und von einem Land, in dem schon so viele Jahre Krieg war, dass kaum einer mehr wusste, wie er angefangen hatte, und noch viel weniger, warum. Es erzählte von seiner Angst, von seinem Leben vor dem Krieg und wie es sein würde, wenn er vorbei wäre. Es erinnerte ihn an Rapunzel, die von einer bösen Hexe in ein Turmzimmer gesperrt und dort gefangen gehalten wurde. Aber es war kein Märchen.
Aus dem Tagebuch ging nicht hervor, welches Land es war; er hoffte nur für sie, die er Fatima getaufte hatte, weil es ihm ein exotischer und damit passender Name schien. Heimlich schloss er sie sogar in seine Gebete ein. Die nämlich hatten ihre magische Kraft nicht verloren, seit Akim, die verloren geglaubte Katze, nach einem Gang in die Kirche, wo er den Schutzheiligen Antonius angefleht hatte, wieder aufgetaucht war.
Er war so beeindruckt von der Tatsache, dass ein Mädchen seine Gedanken einem Buch anvertraut hatte, das sogar gedruckt worden war, dass er selbst begann, ein Tagebuch zu schreiben, in welchem er sich mit Fatima austauschte, als würde er mit ihr – nur durch Straßen oder einer anderen Stadt getrennt – aufwachsen.
Denn was ihr widerfahren war, war auch in seinem Land geschehen: Und es war nicht lange her. Zuerst wurde behauptet, dass der Nachbar in Wirklichkeit kein Nachbar, sondern ein Feind sei. Dann wurde ihm das Recht abgestritten, ein Mensch zu sein. Bald fiel der erste Schuss, und dann ging es um Leben oder Tod, um er oder ich, und wenn ich nicht geschossen hätte, hätte er es getan…
Er war kurz nach dem letzten Krieg auf die Welt gekommen und immer, wenn er sich seine Kindheit in Erinnerung rufen wollte, türmte sich eine Wand vor ihm auf. Die gleiche Wand des Schweigens, an der auch heute noch seine Fragen ersticken. Was weißt du schon, sagt seine Mutter mit Betonung auf du, so als könnte er sich dieses Wissen nie und nimmer aneignen, außer es wäre wieder soweit.
Immer, wenn er traurig war, nahm er das Foto aus seiner Hosentasche und hielt Zwiesprache mit ihm. Später, viele Jahre später wusste er, dass er diese Zeit nur ihretwegen so gut überstanden hatte. Damit es nicht zerfällt, hatte er es auf Karton aufgezogen, aber es hatte schon gelitten und es verblasste nach und nach, bis es eines Tages, als er vergessen hatte, es aus der Tasche seiner Hose zu nehmen, bevor sie gewaschen wurde, ganz zerfallen war. Zuerst war er untröstlich, dann aber nicht mehr wirklich traurig, denn das Portrait von Fatima hatte ja schon längst ein jederzeit abrufbares Bild in seinem Kopf hinterlassen.
Instinktiv spürte jede Frau, die sich mit ihm einließ, dass sie eine Rivalin hatte, und dass diese große Macht über ihn besaß.  Auch, dass jeder Versuch, sich mit ihr messen zu wollen, scheitern musste. Du erinnerst mich an eine Frau, die ich sehr geliebt habe, verriet er ihnen gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft. Und wenn sie ihn fragten, was passiert sei, wich er aus, und meinte: Das ist eine lange Geschichte. Darüber möchte ich jetzt nicht sprechen. Vielleicht später. Ich hab sie aus den Augen verloren, vielleicht ist sie schon tot. Einer sagte er: Du hast ihren Mund. Einer andern: Du hast ihre Augen. Die Eine hielt es länger, die andre kürzer und noch eine gar nicht aus mit ihm, und gaben alle auf. Das war nicht weiter wunderlich. Sie kämpften gegen ein Phantom.
Sein Bild von ihr hatte sich auf magische Weise mit den Jahren verändert. Zuerst waren ihre Haare, die sie aufgesteckt trug, so lang, dass er an ihnen tatsächlich bis in das von ihm geträumte Turmzimmer hätte klettern können, um einen Kuss mit ihr zu tauschen und sie zu befreien. Das aber geschah nur in seinen Tagträumen. Bald aber hatte sie einen kahlen Kopf, und sah aus, wie eine von den Frauen, denen ein Mob die Haare abgeschnitten hatte, weil sie angeblich mit dem Feind kollaboriert habe. In der Zwischenzeit aber waren sie wieder gewachsen, und sie trug sie kurz. In seiner Vorstellung waren sie schwarz und ihre Augen grün. Ihr Blick war hart und ihr Gesicht war schmal geworden, und die hohen Wangenknochen ließen sie bei ihren Auftritten in seinem Kopf ernster erscheinen, als sie vielleicht war. In Vielem war sie wiederzuerkennen. Das spöttische Lächeln, das ihren Mund umspielt hatte, war auch noch da, aber es hatte das Herausfordernde eingebüßt. Möglicherweise deshalb, weil sie zwar um seine Bemühungen, aber auch um deren Scheitern wusste. Sie war reifer geworden und hatte sich seinem Alter angepasst, als er ein Mann und in die Dornen gefallen war. Das aber war schon lange her. Denn während er älter und immer älter wurde, und blind für alles, was ihn umgab, durch seine kleine Welt taumelte, war sein Bild von ihr in dieser Zeit eingefroren und begann zu verblassen. Diesmal endgültig. So sehr er sich anstrengte, er konnte sich ihr Gesicht kaum mehr ins Gedächtnis rufen. Er wurde alt, aber es schien, dass sie es mit ihm nicht werden wollte.
So kam es, dass er sie, als sie eines schönen Tages tatsächlich vor ihm stand, nicht erkannte, obwohl sie ihn durch viele Zeichen, die ein Blinder hätte deuten können, an seinen kindlich geleisteten Schwur erinnert hat.

1 Comment
  • Manfred Voita
    Posted at 17:09h, 01 Dezember Antworten

    Ein kluger Mann? Einer, der sich an ein Ideal bindet, das ja nicht versagen kann, das immer rein und vorbildlich bleibt. Da gibt es keine Eifersucht, keine Beziehungsgespräche, nur die leise Melancholie der Unerreichbarkeit. Kein Wunder, dass er sie nicht erkennt, als sie vor ihm steht. Wie sollte die Realität mit dem Traum konkurrieren können?

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