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Baukunst der Sowjetära in Tiflis

Um atmosphärische Veränderungen festzustellen, die sich in einem Zeitraum von einem Jahr in einem Land vollzogen haben, müsste man vor Ort geblieben sein, aber nicht einmal Ortsansässigkeit garantiert eine solche Kenntnisnahme. Die Preise in den angesagten Vierteln von Tbilisi haben angezogen und dort, wo saniert wird, besteht die Gefahr der Gentrifizierung. Auch fragen wir uns, wer darüber entscheidet, welcher Altbestand dem Verfall preisgegeben bleibt und welcher als denkmalschutzwürdig befunden wird. Feststeht, dass es die Bauten aus der Sowjetzeit – bis auf das ehemalige Straßenbauministerium – nicht sind.

Da wir die Altstadt schon kennen, haben wir uns diesmal auf eine Besichtigungstour dieser nicht nur nicht denkmalgeschützten, sondern dem Verfall und mutwilliger Zerstörung preisgegebenen Architektur aus der Zeit der sowjetischen Besatzung begeben. Dazu haben wir uns einen Fahrer gemietet, der leider genauso gut oder genauso wenig Englisch zu sprechen imstande war wie ich russisch. Dass sich Touristen für diese Bauten interessieren, die noch heute von der Experimentierfreudigkeit und dem Stilpluralismus einer Architektengeneration künden, die zwischen monumentalem Kitsch, „brutalem Beton“ und Extravaganz gewagte Auswege aus der baulichen Monokultur der Sowjetära suchten, schien unseren Fahrer anfangs zu ärgern, dann zu belustigen, bis er – von unserem Eifer angesteckt – selbst Ziele ansteuerte, von deren Existenz unsere aus dem Internet herauskopierten Seiten nichts wussten. Seine Stadt auf diese Art und Weise kennenzulernen, schien ihm immer größeren Spaß zu bereiten. Um die Abbildungen der spätsowjetischen Experimental-Architektur auf unseren Kopien mit dem Stadtplan in seinem Kopf abzugleichen, bediente er sich nicht etwa eines Navis, sondern war ununterbrochen im telefonischen Kontakt mit Freunden und befreundeten Taxifahrern, die ihn kreuz und quer durch die Stadt lotsten.

Sein Engagement ging am Schluss so weit, dass er uns nicht nur seine Frau vorstellte, die in einem Hotel für die Küche zuständig ist und uns mit Khachapuri verwöhnte, sondern sich beinahe mit Einheimischen geprügelt hätte, die ihn, nachdem wir uns durch ein nur angelehntes Tor Zugang zur Ruine des ehemaligen und einzigen Freiluftbads von Tiflis verschafft hatten, zur Rede stellten.

Laguna vere ist ein verblüffender Bau und wurde unter Denkmalschutz gestellt. Das bedeutet aber bis heute nicht, dass es jemals wieder in dem Glanz auferstehen wird, den es einmal besessen haben muss. Es ist ein riesiger Komplex auf einem Hügel, von dessen wie in einem Amphietheater angelegten Sitzen Menschen zu auch für die ärmere Gesellschaftsschicht zumutbaren Preisen auf das Geschehen in den Becken und über die Stadt schauen konnten. In den 80iger Jahren – wie fast alle Bauten dieser Zeit – errichtet, wurde es kaum 20 Jahre später wegen Unrentabilität stillgelegt. 2015 überschwemmt, dient es heute einem Fuhrpark von Autos, die in einer nahegelegenen Werkstatt auf Verkauf oder Reparatur warten. Zwischen den Sitzen und in den Becken mit den Sprungtürmen wachsen Gras und Gestrüpp.

Ein ähnliches Schicksal erlitt die 1971 gebaute Universitätsbibliothek, die im Zentrum eines damals geplanten Campusareals mit künstlichem See steht, und mit einer Seilbahn zu erreichen war, sind Teile nur noch unter der Gefahr zu besichtigen, von herabfallenden Betondeckplatten getroffen zu werden. Eintritt wurde uns verwehrt. Umgeben von einer trostlosen Brache ist auch diese Bausubstanz vor ihrem endgültigen Zerfall nicht mehr zu retten. Es bedarf schon großen Engagements von Seiten der in Tiflis studierenden Jugend, sich in diese Bibliothek am dead end der Stadt zu begeben.

Tiflis (russisch) oder Tblis(s)i (international) ist eine Stadt, in der wir keinen einzigen Radfahrer gesichtet haben. Fußgänger? Was haben die auf der Straße verloren? Dass die Feinstaubbelastung als Bedrohung für die Gesundheit wahrgenommen wird, verdanken die BewohnerInnen auch den humorvollen Protestaktionen von einem Häufchen Umweltaktivisten.  FFF- Fridaysforfuture? Nie gehört. Was ist das? Georgiens Jugend hat andere Probleme. Existenzielle, in der Angst um unseren Planeten Erde keinen Platz hat. Aber wir sind weiter auf Besichtigungstour und können – unterwegs als Touristen und auf vielen Augen blind – das düstere Bild, das Iunona Guruli in ihrem Erzählband von der Jugend in Georgien (Gewalt, Armut und Drogen) zeichnet „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ nicht sehen.

Gut sichtbar aber ist und bleibt der Palast der Rituale, dessen Betonwände sich schneckenartig bis zur Turmspitze emporwinden. Ein Sakralbau, der keiner sein wollte und den staatlich sanktionierten Zeremonien der Verehelichung in der Sowjetzeit dienten. Heute im Privatbesitz eines Oligarchen.

Interessant auch das ehemalige archäologische Museum, das Ähnlichkeit mit einem Bunker aufweist und wie ein Monster mit aufgesperrtem Rachen auf einem von Brache umgebenen Hügel sitzt. Von dort aus konnten wir unser nächstes Ziel in der Ferne ausmachen, das als stone henge von Georgien vermarktet wird.

Chronicle of history. Ein nur über viele Treppen erreichbares Walhalla mit riesigen im Viereck angelegten Betonpfeilern. Auf ebenerdig schon geplünderten Bronzereliefs sind neben Szenen aus der Bibel die NationalheldInnen Georgiens, u.a. Königin Nino und Tamara und Davit, der Erbauer, in zehnfacher Überlebensgröße abgebildet. Ein Spielplatz für den Wind, der sich zwischen den Betonsäulen austobt. Aufgesucht nur von wenigen, auch an solchen kitschigen Kuriositäten interessierten Touristen wie uns.

Chronicle of history

Stone henge of Georgia

Im nahegelegenen künstlichen See, in welchem die Bewohner von Tiflis Linderung von der Brüllhitze im Sommer suchen, soll vor wenigen Jahren ein Flugzeug gelandet sein, erzählt uns unser Fahrer, der sich selbst noch nie in diese Gegend verirrt hat.

Wie schnell der Verfall von Experimental-Architektur aus der Sowjetära voranschreitet oder – besser – die Zerstörungswut gerade vor diesen Bauten nicht Halt macht, zeigt das Vorher und Nachher der Fachhochschule für Industrie und Technik. Dazwischen liegen nicht mehr als zwei Jahre. Nichts mehr ist von den monumentalen und dekorativen Mosaiken an der Front des Auditoriums zu sehen. Hammer und Sichel wurden als Erstes entfernt.

Das Gebäude umkreisend finden wir aus Stein gehauene Reliefs mit Motiven der im Realsozialismus verherrlichten Arbeitswelt, von denen im noch folgenden Text zu berichten sein wird.

Weiter geht es zu anderen interessanten Experimenten baubezogener Kunst lokaler Architekten. Hochhäuser und Verdichtung in der komplexen Topografie von Tiflis schienen schon damals eine Lösung für das zunehmende Bevölkerungswachstum in der Metropole zu sein. Immerhin lebt mehr als ein Drittel der fast 4 Millionen Einwohner Georgiens in Tiflis. Beinahe futuristisch mutet der Komplex aus drei Hochhäusern an, die hoch oben untereinander durch Brücken und mit der Straße am Hügel verbunden sind. Ein Gang über diese windigen Galerien setzt allerdings Schwindelfreiheit und unerschütterliches Vertrauen voraus, dass der brüchige Beton, der an manchen Stellen Blicke in den Abgrund möglich macht, unter den Füßen hält. Eine Frage der Zeit, dass hier ein Unglück geschieht. Wir hoffen, dass der rumpelnde Lift auf dem Weg hinunter nicht stecken bleibt.

Ganz anders wirken die Pavillons des Messegeländes aus der Zeit der EXPO. In ihrer Leichtigkeit erinnern sie an Bauten Oskar Niemeyers. Dem Reiseführer „Georgien. Baubezogene Kunst – Mosaiken der Sowjetmoderne 1960 bis 1990“ von Nini Palavandishvili und Lena Prents entnehmen wir, …„dass Mosaiken sowohl in zentralen urbanen Gegenden als auch in Dörfern und randstädtischen Wohnsiedlungen eine breite Verwendung fanden. Thematisch waren die Bilder der damaligen Propaganda verpflichtet. Viele Mosaiken zeigen, wie kreativ mit den vorgegebenen sowjetischen Standards lokal umgegangen wurde. Beispielsweise setzten die Künstler auf religiöse und nationale Symbole, aber auch auf Kosmonautinnen, mythologische Helden und fantastische Tiere – alles Themen und Figuren, die in der sowjetischen Kunst untypisch sind. Sogar verbotene, abstrakte Kunst findet sich hier.“ 

Das wohl interessanteste Gebäude in Tiflis, das offiziell den Status eines architektonischen Denkmals erhalten hat und heute die Büros der Bank of Georgia beherbergt, ist das ehemalige Ministerium für Straßenbau. Das ineinander verschachtelte und in alle Richtungen kragende Gebäude, das kaum den Boden zu berühren scheint, zitiert nicht nur mehrere Bewegungen der Weltarchitektur, sondern erfüllt darüber hinaus die fünf von Le Corbusier formulierten Prinzipien des Funktionalismus. Leider wurde uns der Zutritt ins Innere auch hier verwehrt.

Von den moderneren Bauten der Saakashvili-Ära abgesehen, die ich in einem anderen Reisebericht über Tiflis vorgestellt habe, gäbe es noch mehr Architektur aus der Zeit der sowjetischen Besatzung zu bestaunen. Ein Ausflug ins 30km entfernte ehemalige Stahlkombinat in Rustawi wäre sicherlich auch sehens- und abbildungswert gewesen, in Wirklichkeit aber sind wir diesmal nach Georgien gekommen, nicht um Architektur zu studieren, sondern uns auf den Weg nach Tuschetien zu machen, eine Region im südlichen Kaukasus, die ab Mitte Oktober nicht mehr aufgesucht werden kann, da der Abanopass, der Kachetien von Tuschetien trennt, gesperrt wird, und die hochgelegenen Dörfer mit den pittoresken Wehrtürmen von ihren Bewohnern bis zum nächsten Frühling verlassen werden.

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