Der Römertopf

Kannst dich erinnern, Bub? Ich hab doch einen Römertopf g’habt, einen großen. In dem hab ich viel kocht’, wie ihr noch Kinder g’wesen seid’s, erinnerst dich?  Den muss man vorher im Wasser baden. Ich hab ihn zu Weihnachten kriegt von deinem Vater selig. Alles ist mir mit dem gelungen: G’flügel, Schweinebraten, Suppen, einfach alles. Aber so einen Braten hat’s ja nicht alle Tag ‚geben. Zur Weihnacht ein Gansl. Manchmal, wenn’s was zum Feiern geben hat, auch unterm Jahr.  Kennst den Spruch noch? „Wer jeden Tag nur Kuchen isst, Pastete und Kapaune, der weiß ja nie, wann Sonntag ist, und hat nie frohe Laune.“ Von wem ist der Spruch jetzt nur wieder? Mein Gedächtnis lässt mich immer mehr im Stich. Hoffentlich krieg ich nicht die Démenz. Gut. von mir aus. Deménz also, obwohl: Man sagt ja auch nicht Bregénz.

Was war jetzt mit dem Römertopf? fragt ihr Bub, der mittlerweile in Pension ist.
Weißt, ich trainier mein Hirn. Ich les’ viel, aber die Augen machen nicht mehr mit. Jetzt hab ich grad den Chandler wieder g’lesen. Weißt, der Krimiautor. Ein Amerikaner. Der Lieblingskriminelle vom Karli, der mir immer die Bücher mit den Frauenschicksalen schickt, den furchtbaren. Die haben’s nicht leicht g’habt früher, die Frauen. Das kannst mir glauben, Bub. Eing’sperrt‘, verbrannt und köpft‘ sind’s word’n. Die Maria Stuart zum Beispiel, weil’s nicht nachgeben hat. Er glaubt halt, das kann mich trösten, weil ich hab’s ja auch nicht leicht g’habt… In mein‘ früheren Leben muss  ich eine Hex g’wesen sein, weil ich fürcht‘ mi so vor dem Verbranntwerden. Nur, weil’s g’wisst hab’n, wie man abtreibt, hab’n sie‘s verbrannt damals. Weil’s g’scheiter war’n wie die Männer. Deshalb. Das halten’s auch heut nur schlecht aus, die Männer, wenn’d Frauen was im Kopf hab’n. Da musst mir recht geb’n, Bub. Stimmt’s?

Mama, unterbricht sie der Bub, was war mit dem Römertopf?

War nach dem Krieg, aber der Vati, dein Opa, Gotthabihnselig, der hat Hendln g’halten, Kaninchen hat er zücht‘ im Garten hinten, dort, da wo dann die Tanne g’standen ist, die man umhauen hat müssen, weil’s bei einem Sturm hätt‘ aufs Dach fallen können. Ein Baummord war’s, würd‘ ma heut sag’n, aber was hätt‘ er tun sollen, der Vati. Hat ja nicht riskieren können, dass der Baum auf’s Haus fallt. War ja noch nicht einmal ab‘zahlt, das Haus. Mit Wüstenrot is‘ es baut worden kurz nach’m Krieg…

Ja, das ist aber schon lange her, sagt der Bub, jetzt schon etwas genervt. Was aber war mit dem Römertopf?

Was für ein Römertopf? Ach so, ja der Römertopf. Das war nicht einfach damals. Das kannst dir gar nicht mehr vorstellen heut’. Nicht, dass wir wirklich arm g’wesn wären. Im Garten hat’s fast all’s geben, was auf den Tisch kommen ist. Bohnen und Salat und Kürbis.  Soooo groß waren die. Und Tomaten, die was noch nach Tomaten g’schmeckt haben. Nicht die hoch’züchten aus Spanien, die dort wie die Eier ausbrüt‘ werd’n.  Unter Wärmelampen, die so viel Strom fress‘n wie 1000 Haushalt’. Das musst dir mal vorstell’n. Mit Hummeln, die’s züchten nur fürs Bestäuben. Das hab’ ich im Fernseh‘n g’sehn. Da kommen manchmal tolle Sendungen. Ich schau ja nicht mehr viel, weil ich ja fast nichts mehr hör, und der Hörapparat, der funktioniert nicht. Den muss ich mir so ins Ohr würgen, dass mir’s Blut raus rinnt. Jetzt hör ich halt nur noch, was ich hören will, und wenn mir jemand was sagen will, muss er halt lauter werden. Ist ja nicht zu viel verlangt, oder?

Was war jetzt mit dem Römertopf, Mama, versucht es der Bub wieder, ihr noch einmal ins Ohr brüllend.

Brauchst nicht so schreien. Ich hör dich auch so. Was für ein Römertopf denn? Ach so, du meinst meinen Römertopf, den mir der Vati, Gotthabihnselig, zum Geburtstag  g’schenkt hat. Ja, was war jetzt noch mit dem, Kruzitürken? Das sollt’ man heut auch nicht mehr sagen, aber es rutscht mir halt so raus. Einmal – wie ich noch in der Statistik g’arbeit hab beim Arbeitsamt – hab’ 20.000 unter mir g’habt. Alles Ausländer. Alle in Ordnern, damals, da hab ich…

Mama, du hast doch die Geschichte vom Römertopf erzählen wollen und keine vom Arbeitsamt, erinnert sie der Bub.

Was nervst mich dauernd mit dem Römertopf? Was für eine Geschichte? Du meinst die, wo ich uns einmal einen Schweinehals g’macht hab’ drin? So ein Schweinehals, der dauert natürlich sein Zeit. Da habt’s ihr g’sagt damals: Bis der fertig ist, können wir ja baden gehen. Das haben wir dann auch g‘macht, …

Und… was ist passiert?

Ja, was soll schon passiert sein?  Wie wir z‘rück kommen sind, stell dir vor, da war der Schweinehals fertig. Einen Römertopf, den kann man eben allein lassen und es passiert nichts. Man muss ihn halt wassern vorher.

Und das war die ganze Geschichte?, fragt der Bub.

Ja, was hast denn erwart’? Bin ich der Chandler?

4 Comments
  • Simone Hammer
    Posted at 13:12h, 22 März Antworten

    Sehr schön!

  • Erny Menez
    Posted at 13:15h, 12 März Antworten

    Ja auch ich liebe diese Geschichte und kann mir diese Szene so gut vorstellen.
    Auch meine Mutter hatte einen Römertopf und war stolz darauf.
    Auch wir benützten ihn selten, sowie es halt überall war in den Nachkriegsjahren.
    Danke für die Geschichte,
    ERNY

  • Susanne Hammer
    Posted at 12:59h, 12 März Antworten

    Ich liebe diese Geschichte!!!!

  • evaisi
    Posted at 16:13h, 17 Dezember Antworten

    tolle Geschichte, erinnert mich an Karl Valentin –

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