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Die Farbe schwarz

Eine Straßenbahn in Wien. Die Bim ist voll. Zwischen den üblichen Durchsagen: „Wir bitten Sie, Älteren oder Behinderten Fahrgäste, sowie Personen …“ und ‚Achten Sie auf den Spalt …“ höre ich die von Schwarzfahrern gefürchtete Ansage „Fahrscheinkontrolle“. Die Fahrgäste greifen in ihre Hosen- und Manteltaschen, fischen hektisch ihre Tickets aus dem Portemonnaie und schauen sich verstohlen, aber, wer im Besitz eines gültigen Fahrscheines ist, entspannt um, wen es diesmal erwischen wird.  Der Fahrscheinkontrolleur der Wiener Linien beginnt nicht etwa mit den ihm am nächsten Stehenden oder Sitzenden, nein, er geht schnurstracks auf einen Mann zu, der mir gegenüber- sitzt: Na, Bimbo, begrüßt er ihn. Du, Fahrschein? Ticket? Während der Mann seinen Fahrschein sucht, stemmt der Kontrolleur die Hände in die Hüften und schaut Beifall heischend in die Runde. Der Mann hat seinen Fahrschein gefunden. Er zeigt ihn dem Kontrolleur und sagt ruhig, aber bestimmt: Mein Name ist nicht Bimbo. Ich bin Dr. …Kani, hier geboren und aufgewachsen, falls es Sie interessiert. Ich werde mich über ihr Benehmen bei ihrem Vorgesetzten beschweren. Wie war doch gleich ihr Name?

Schwarzfahren. Schwarzkappler. Die Farbe schwarz…

Es ist Faschingszeit. Zum Fasching gibt es immer einen Umzug. Da wetteifern die Schulen unter- und miteinander, wer die ausgefallensten Kostüme hat. Wer ist das auf dem Foto? Er hat schwarze Strümpfe an und einen Bastrock um die Taille und eine Kette aus Muscheln um den Hals und Vorhangringe als Ohr- und Nasenschmuck. Sein Gesicht ist mit schwarzer Kinderschminke eingecremt; das soll ihn zum Bimbo oder Neger machen. Ja, so hieß er und so sah er aus, der Mensch aus dem Busch damals in der Zeit, als es noch Kolonien gab, und wir Kinder nichts wussten von Sklaverei und all dem Grauen, das im „Herzen der Finsternis“ stattgefunden hat; es war das Jahr, in welchem der Ministerpräsident der Demokratischen Republik Kongo mit Namen Patrice  Lulumba ermordet worden war. Ore Ore war der Faschingsgruß. Ore Ore Lulumba. Die ganze Klasse brüllte es und vorneweg sein Lehrer im weißen Tropenanzug und mit Tropenhelm, der den Taktstock schwingt, und wir, die wir im Takt seiner Trommel marschieren. Ore Ore Lumumba. Bin das ich auf diesem Foto? Ja, das war ich. 1961. Im dreizehnten Lebensjahr.

Nein Bimbo oder Neger ist keine Bezeichnung mehr für schwarze Sklaven auch nicht für schwarze Mitmenschen, das war einmal, oder?

Wir schreiben das Jahr 1796. Angelo Soliman, dem ersten Afroösterreicher, einem kultivierten Mann, der beim Schach keine Gegner mehr fand, die er nicht hätte besiegen können, der als Hofmohr mit dem Sohn Maria Theresias, dem Kaiser tarockierte, einem Freimaurer, der mit Mozart befreundet war und die Kinder des Fürsten Wenzel von Liechtenstein unterrichtete, wird nach seinem Tod die Haut abgezogen, um ihn mit Lendenschürze und Muschelschmuck im kaiserlichen Naturalienkabinett zur Schau zu stellen.

Gegenüber dem Haus ist eine Wiese. Auf dieser Wiese spielen wir, meine Geschwister und die Kinder der Nachbarn „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Das wird durch einen Auszählreim bestimmt, wer ihn spielen soll. Niemand ist gern der schwarze Mann. Alle rennen in alle Richtungen vor ihm davon. Wer von ihm eingeholt und berührt wird, muss stehen bleiben und darf sich nicht mehr von der Stelle rühren. Wo kam sie noch vor, die Farbe schwarz? Ach ja, beim Begräbnis meines Großvaters. Zum Zeichen meiner Trauer um ihn, vielleicht auch, weil es für ein Kind noch keinen schwarzen Anzug gab, trug ich eine schwarze Binde um den Arm. Schwarz hat mit Unglück zu tun. Selbst beim Kartenspiel. Wer den schwarzen Peter in der Hand hat, versucht ihn loszuwerden. Wem das nicht gelingt, der hat verloren. Schwarz war und ist keine gute Farbe. Das lernt man früh. Ich weiß noch nichts vom Unterschied, den es macht, je nachdem, mit welcher Hautfarbe Menschen auf die Welt kommen. Aber eine Ahnung von diesem Unterschied, den es macht, eine andere Hautfarbe zu haben, die hab ich, da Peterle nicht in den von Nonnen geführten Kindergarten darf; jeden Tag geht er mit uns bis zum Tor und steht noch immer dort, wenn es uns wieder ausspuckt. Peterle will´, dass wir ihm erzählen, was wir erlebt, was wir gespielt haben. Er tauscht diese Informationen gegen sein Jausenbrot. Erst viel, viel später weiß ich, dass Peterle ein „Kind der Schande“ war. Das Kind einer Frau, die sich mit einem marokkanischen Soldaten eingelassen hatte. Grund genug, sich von ihm fernzuhalten. Kein Umgang, wie Mutter Lena, die Schwester Oberin sagt.

Lustangst ist die schönste Angst. Deshalb lieben Kinder Märchen. Meistens siegt das Gute über das Böse und es gibt ein Happyend. Nicht so beim Struwwelpeter: Dem erfolgreichsten deutschsprachigen Bilderbuch, von dem niemand weiß, in welcher Auflagenhöhe und in welche Sprachen es übersetzt worden ist und wird. Noch so ein Peterle, das dir kein Kamerad sein darf. Da wird auch Angst gemacht und fast alles mit dem Tod bestraft; sogar, wenn die Suppe nicht aufgegessen wird. Und ein Mohr ist schwarz, weil er in die Tinte gefallen ist. Nein. Schlimmer: Die Buben, die sich über den Mohren lustig gemacht haben, werden in die Tinte getaucht, und müssen so auf Zeit – Tinte lässt sich ja wegwaschen – zur Strafe Mohren sein.

Schlecht ist, wer schlecht denkt? Mohrenapotheke, Meinl- oder Sarotti-Mohr: Für die einen ist der kleine schwarze Kerl mit Pluderhose, Turban und Schnabelschuhen eine süße Kindheitserinnerung an Schokoladengenuss – für andere ist er ein kolonialrassistisches Symbol und Zeichen mangelnden Feingefühls gegenüber „schwarzen Menschen“ oder „People of Color“, wie sie jetzt heißen.

Wer wirklich sprachsensibel sein will, dürfte schon längst nicht mehr die Hautfarbe zum Bestimmungsmerkmal von Menschen machen; selbst die Bezeichnung „Austroafrikaner oder Afroösterreicher oder Österreicher mit afrikanischen Wurzeln“ ist eine semantische Spitzfindigkeit, die das Problem nicht löst, sondern eher verschärft, da sie nahelegt, dass es einen autochthonen Österreicher und eben andere gibt, die eigentlich nicht dazugehören.

Wie schnell wäre Rassismus überwunden, könnten wir nur für 5 Minuten aus unserer weißen Haut fahren, um die an Pigmenten festgemachten und im Alltag erlebten diskriminierenden Erfahrungen von Menschen anderer Hautfarbe zu machen.  Aber es scheint, dass wir noch ein Jahrhundert brauchen, um uns auf das zu besinnen, was wir alle sind: Menschen.

1 Comment
  • Erny Menez
    Posted at 14:13h, 12 Juni Antworten

    Lieber Helmut, dein Text ist, wie immer, so tiefgehend und wahrhaft und treffend, gefällt mir sehr, wie immer !!
    Doch nach dieser erschreckenden Periode, wo es nur negative und alamierende Informationen gab und weiter gibt (hier in Frankreich jedenfalls), lechze ich nach „Geschichten“, wo es Liebe, Güte, Solidarität, Empathie, Verständnis und Freude und positive Ereignisse gibt …. muss es doch auch geben irgendwo und hat es Gott sei dank immer gegeben, sonst müsste man auf dieser Welt ja verzweifeln.
    Hätte ich dein Talent zum Schreiben, würde ich dir jetzt was schreiben, was einem das Herz „warm macht“. Vielleicht versuch’s ich bald.
    Aber trotzdem danke für den guten Text,
    ERNY

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