Insights of Mani: Eine Reiseschilderung


Mani in fotografischen Notizen
Auf dem Weg von Athen nach Porto Kagio, ganz im Süden des mittleren Fingers auf der Peloponnes immer wieder Landmarken, die uns die mythenumwobene griechische Geschichte in Erinnerung rufen: Mykene, Korinth, Mytras, Messine, Thermophylen, Sparta… Namen poppen auf: Themistokles, Leonidas, Xerxes. Niederlagen, Siege. In Siege verwandelte Niederlagen. Wanderer, kommst du nach Spa… Ilias und Odyssee. Historische Wahrheit und Legende. Schliemann, Agamemnon. Heerscharen von Namen mit und ohne Götterhimmel. Sirtaki und Sorbas. Erinnerungen an unvergessliche Aufenthalte auf Kreta und anderen griechischen Inseln vor 50 Jahren. Militärjunta, Zypernkonflikt, der nach dem Erdgasfund vor seiner Küste wieder virulent wird; die ökonomische Krise, die Flüchtlingskrise und Corona, das auch Griechenland im Würgegriff hat, um in der Gegenwart anzukommen.


Leonidas und die Schlacht bei den Thermophylen

Wir fahren durch Sparta. Auf einer Verkehrsinsel im Kreisverkehr wird mit der Abbildung eines Helmes, wie ihn die Spartaner getragen haben, der Schlacht bei den Thermophylen vor 2500 Jahren gedacht. Am Straßenrand Jugendliche, die gerade von der Schule kommen. Wie denken die Nachfahren der Spartaner über 300, den Film, der nach einer Comicvorlage gedreht wurde? Ein Film, dem bei der Berlinale 2017 unterstellt wurde, ein faschistoides Ideal zu feiern? Wie wird diese denkwürdige Schlacht in ihren Geschichtsbüchern dargestellt? Ist die Diktatur der Junta von 67 bis 74 für die Nachgeborenen noch Thema im Geschichtsunterricht? Wie denken sie über die Flüchtlinge? Das würde mich interessieren. Leider hatte ich nur 8 Jahre Altgriechisch. Das würde mir in keinem Gespräch mit ihnen helfen. Außerdem habe ich alles vergessen.


Kirchen, Olivenbäume und Steine
Je weiter wir in das Taygetosgebirge und somit in die wilde Mani und dort bis zum Kap Tainaron vordringen, umso karger wird die Landschaft; geprägt von tausend Kreuzkuppelkirchlein, hunderttausenden Olivenbäumen und Millionen von Steinen, die – wie ein Maniote im Reisebericht von Patrick anmerkt,– „die BewohnerInnen dieses Landstriches allesamt zu Millionären machten, falls sie zu verkaufen wären.“ Eine andere Quelle hat den Grund für den unsäglichen Haufen Steine bei Gott gefunden; als er nämlich mit seiner Schöpfung fertig war, blieben ihm noch ein Sack voller Steine. Die hat er einfach über die öde Mani gekippt. Von den felsigen Alpen weiß ich solche Schöpfungslegenden nicht.
Übrigens hat genau hier in der Mani der griechische Freiheitskampf gegen das osmanische Reich im 19.Jhdt. seinen Ausgang genommen.


Die byzantinischen Gotteshäuser
„Blumen der Steine“ nannte der in der Mani aufgewachsene Dichter und Maler Kyriakos Kassis die byzantinischen Gotteshäuser. Leider bleibt das Innere ihrer Blüten, ohne das Bild überstrapazieren zu wollen, ihren Besuchern meistens verschlossen. Wer aber das Glück hat und jemanden findet, der für ein Trinkgeld aufsperrt, wird es nicht bereuen und kann nicht aufhören, die über den Landstrich gewürfelten Gotteshäuser alle auch von innen sehen zu wollen. Nicht alle, aber wenigstens die, die am Wegrand liegen. Bald hätten wir eine der Landschildkröten überfahren. Wir bringen sie in Sicherheit. Ein Esel schaut über den Mauerrand in der Hoffnung auf Futter. Wir müssen ihn enttäuschen.

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Ein schmaler Pfad

am Rand einer steilen zum Meer hin beinahe senkrecht abfallenden Klippe führt zu einem Kirchlein, das sich wie ein schutzsuchendes, versprengtes Schäflein an den Felsen schmiegt.  Wir lösen das Seil, mit dem die Glocke geläutet werden kann und mit der Eingangstür verknotet ist. Es ist still und kühl hier drinnen. Ikonostasen kurz vor ihrem Zerfall, ein Bündel Kerzen aus Bienenwachs, ein mit Sand gefüllter Kerzenständer, Brocken von Weihrauch, Flaschen mit Lampenöl, eine Hängelampe vor einer vieltausendmal geküssten Ikone, die einen Erzengel zeigt, wie ich vermute. Blautöne, Silber, Zinnoberrot. Amulette, die eine konfliktfreie Geburt versprechen. Geruch nach Moder und abgebrannten Kerzen. Auf dem Boden eine Steinplatte mit einem eingravierten Vogel. Alles lädt zu Andacht ein. Ort für Einkehr und Zwiesprache mit Gott; einer Zwiesprache, die für Gläubige keinen Zweifel zuzulassen scheint. Draußen der Blick über ultramarinblaues Meer. Ein Sturmtaucher stürzt sich mit wildem Schrei hinunter in die Bucht, in der noch vor zwei Jahrhunderten Piraten den Schiffen auflauerten, die auf dem Weg in die Levante waren, oder von dort kommend in die Seerepubliken des Mittelmeeres, Venedig und Genua. Wenn sie schon keine Schätze bargen, dann war es immerhin das Holz, aus dem sie gebaut waren; Voraussetzung für die Errichtung der Wehrtürme in ihren baumlosen Dörfern und ebenso wertvoll wie die Besatzung, die versklavt werden konnte.


Bildwelt byzantinischer Freskomalerei
Wo immer sie offen standen, überwältigten sie uns mit ihrer Bildwelt aus dem Alten und Neuen Testament. Von Übermalungen sind die wenigsten Fresken aus dem 13.Jhdt. verschont geblieben. Oft erinnern nur noch Fragmente an die Protagonisten der biblischen Bildgeschichten, die in ihrer formelhaften Darstellung, – dem ikonografischen Dogma des malenden Priestermönchs Dionisius de Fourna geschuldet – die rußgeschwärzten Wände schmücken. Manchen Propheten und Märtyrern wurden die Augen ausgekratzt. „Gewöhnlich – schreibt Patrick Fermor in „Mani: Reise ins Unentdeckte“ – gewöhnlich ist einem ein alter Dörfler zur Seite, der einem mitteilt, es sei das verbrecherische Werk der Türken, und wahrscheinlich ist es oft so gewesen… So fragte ich sie noch einmal. Eh, sagte sie, die Leute kratzten früher den Gips heraus und streuten ihn auf das Essen oder in den Wein von Leuten, von denen sie geliebt zu werden wünschten. Meistens Mädchen…“


Die wundertätige Bildmacht
,
die für die Gläubigen von den Ikonen ausgeht, ist nur vergleichbar mit der Macht des Wortes in der heiligen Schrift des Alten Testamentes, das nicht nur Licht-, ja sogar Fleisch geworden ist.  Das gilt vor allem für die Klosterkirche Dekoulou über der Bucht von Limeni. In dieser Kirche finden wir byzantinische Bildkunst als Medium für biblisches Storytelling in höchster Vollendung. Kein Fleckchen Wand bleibt von der szenischen Gestaltung bis hinauf in die Kuppel, wo der Pankreator thront, ausgespart. Vom Paradies und dem Sündenfall bis zum Weltgericht ist die alttestamentarische Bibel – vergleichbar mit einem Comic der Nouvelle Graphique oder im street art Style – illustriert. Wer eingeführt werden will in die piktoralen Bildquellen byzantinischer Freskomalerei kann hier nachschlagen.
Da die Friedhöfe in den Dörfern zu klein sind und der felsige Untergrund das Ausheben von Gräbern erschwert, werden die Toten wieder ausgegraben und ihre Knochen in Kisten verpackt, um für die Nachkommenden Platz zu schaffen.

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Die Wehrtürme waren es
,
die uns in die Mani gelockt hatten, nachdem uns ein Reisender aus England in Georgien mit Patrick Fermor auf sie aufmerksam gemacht hat. Auch dort waren sie gebaut worden, um sich – über Jahrhunderte in blutige Fehden und Vendettas verstrickt – vor den Nachbarn zu schützen. Jetzt fegt der Wind durch die aufgelassenen Türme und Canons der Gassen; die eisenbeschlagenen Türen quietschen in den Angeln – einer der Wintergeister vielleicht, der Einlass begehrt und jammernd um Rache fleht. Die steinernen Dachplatten, von denen aus sich die einstigen Bewohner in Schach hielten, sind eingestürzt, und mitten in den Trümmern wachsen indische Feigen.
Jetzt wieder Stille. Vathia. Ein Geisterdorf. Kein Wind. Nichts. Zeit? Was ist das? Die Welt hält den Atem an. Andacht auch hier.
Wo wir das Griechenland von Alexis Sorbas wiederfinden, übrigens gründen Buch und Film auf dem Boden der Mani, ist ein kleines Dorf hoch über einer steilaufragenden Klippe. Grobgehauenes Kopfsteinpflaster zwischen engstehenden Steinhäusern, in deren Mauerritzen Kräuter sprießen. Aufgelassen? Bewohnt? Wie alt? Es ist Mittag und noch im September brütend heiß. Ein versiegelter Ziehbrunnen, ein Gotteshaus. Über den Dorfplatz trottet eine Herde Ziegen. Eine Katze, die sich wagemutig dem Anführer entgegenstellt, flüchtet unter ein Auto. Eine der schwarz gewandeten Frauen, – vermutlich Witwen – , die sich eben noch lautstark mit ihren Nachbarn unterhalten hat, läuft mit einer Gerte hinter den Ziegen her, um sie wieder einzufangen. Das einzige Lokal ist gleichzeitig Cafe und Lebensmittelladen. Es kann aber auch sein, dass der Raum wegen seiner Kühle als Zwischenlager für die eingebrachte Ernte an Oliven dient. Ganz sicher gibt es auch eine Ölmühle.


Olivenernte

Magisch die Olivenhaine, wenn die Abendsonne das ausgebleichte Gras auf roter Erde zum Glühen bringt und die greisen Bäume mit den in nackter Sinnlosigkeit aufgeschichteten Steinen selbst ihren Schatten einzufärben scheinen. Die Bäume sind meist klein zurückgeschnitten, da sonst das Ernten der Oliven in den Hanglagen und zwischen den kalkhaltigen Felsen nahezu unmöglich wäre. Der teils karge Untergrund erscheint auf den ersten Blick denkbar ungeeignet für den Olivenanbau, dabei sind es gerade die kargen kalkhaltigen Böden, die der Olivenbaum liebt. Nicht umsonst gilt die Mani weltweit als eines der besten Produktionsgebiete für Olivenöl und das schon seit der Antike. Die Oliven hier werden noch von Hand gepflückt oder die Zweige der knorrigen und uralten Bäume mit langen Bambusstöcken gerüttelt und mit engmaschigen Netzen aufgefangen.

Es ist eine ziemlich zeitaufwendige, aber schonende Methode, da jede von Maschinen durchgeführte Ernte die Oliven beschädigt, meint Frank van Gaalen, ein Schwabe aus Ulm, der sich vor 5 Jahren in Thalames niedergelassen hat und hier eine kleine Mühle betreibt; eine der letzten verbliebenen traditionellen Steinmühlen auf dem Peloponnes. Er hält uns einen fast einstündigen Vortrag, in welchem er neben der Herstellung von Olivenöl und allen aus den Oliven zu gewinnenden Produkte auch auf die Flüchtlingskrise und die Folgen der Pandemie für den Tourismus so lange eingeht, dass mir die den Recorder tragende Hand ihren Dienst aufzugeben droht. Aber hört selbst. Ich glaube, es war die Anstrengung wert.

Nach dem Sturm,
der in manchen Gegenden ganze Dörfer überschwemmt, Segler zum Kentern gebracht und etliche Tote gefordert hat – wir wurden von den Behörden via SMS gewarnt, in unseren Unterkünften zu bleiben –  haben wir uns ins Taygetosgebirge begeben, um eine Wanderung in eine ihrer Schluchten zu unternehmen. Es blieb beim Versuch, da wir für die steinigen Wege über Geröllhalden nicht wirklich ausgerüstet waren. Wie schön so eine Wanderung im Frühling sein muss. Aber auch jetzt liegt ein würziger Duft in der Luft. Überall Salbei, Thymian, grüner Bergtee und Oregano. Hier sind die Olivenbäume, die wegen des abschüssigen Geländes sicher nicht geerntet werden können, besonders alt und knorrig. Wir sind froh über jeden Schatten, den wir in der sonst baumlosen Geröllwüste nirgends finden können. Auch hier mitten in den Ruinen einer aufgelassenen Mühle, damals noch angetrieben vom Wasser im heute ausgetrockneten Flussbeet, eine Kapelle, auf deren Stufen wir eine Rast einlegen.


Beim Fermorhaus in Kardamili
In Kardamili haben wir uns zwei Nächte in einem Luxusressort keine 5 Gehminuten vom großzügig angelegten Anwesen des berühmten Reiseschriftstellers entfernt, das eigentlich als Museum für Besucher oder Stipendiaten offenstehen sollte, gegönnt. Eine Nacht kostet dort 4000€. Wir fragen uns, wer sich das leisten kann. In seiner privaten Bucht hat sich gerade ein Taucher aus seinem Neoprenanzug geschält. Auf der orangen Boje, die er hinter sich herzieht, um von Seglern oder Motorbooten gesehen zu werden, steht „Big fish“. Er hat einen durchtrainierten Körper. Mit der dreizackigen Harpune, die er in den Sand gerammt hat, und seinem silbrigen Rauschebart wäre er bei jedem Casting für ein homerisches Heldenepos als Poseidon ohne Konkurrenz. Er bietet meiner Lebensgefährtin die Hälfte seiner schon angebissenen Banane an, was sie dankend ablehnt. Solche Gesten griechischer Gastfreundschaft haben wir auf unserer Reise öfter angetroffen. Auf dem Rückweg durch einen Olivenhain kommt uns eine Frau mit zwei Körben entgegen. Im einen sind reife, eben vom Baum gepflückte Feigen, im anderen Birnen. Sie will, dass ich mich bediene. Ich nehme eine Feige aus dem Korb. Sie deutet, dass ich mich nicht damit begnügen solle. Wieder greife ich hinein. Sie ist erst zufrieden, als meine Hände Birnen und Feigen nicht mehr bergen können. Auf einer Tankstelle bestellen wir, nachdem wir das Auto, das mir ein Freund in Athen geborgt hat, waschen und reinigen ließen, Cafe und Kuchen. Als wir zahlen wollen, wird das entrüstet abgelehnt.

Auch wenn die Griechen selbst beklagen,
dass es seit dem Massentourismus mit ihrer sprichwörtlich gewordenen Philoxenia nicht mehr weit her sei, meine Erfahrungen sind auch bei diesem Aufenthalt die, wie ich sie schon vor 50 Jahren gemacht habe, als ich im Hafen von Piräus ein motorbetriebenes Fischerboot fand, das mich in einer bis heute nicht vergessenen Nachtfahrt über das Meer unentgeltlich nach Agios Nikolaos auf Kreta brachte. Dort angekommen nahm ich den Bus. Nach etwa einer Viertelstunde stelle ich fest, dass ich meinen Rucksack in einer Hafenkneipe in Agios Nikolaos vergessen hatte. Der Busfahrer dreht mitsamt den Insassen um, die sich das protestlos gefallen lassen, und bringt mich zurück zum Lokal. Auf dem Weg entlang der Küstenstraße sehe ich einen Pfad, der hinab zum Meer führt. Unten ein schattenspendender Baum und ein kleines, weißes Haus – umspült von der Gischt der Brandung. Als ich nach Bewusstlosigkeit aufwache, befinde ich mich in einem Zimmer mit Tisch, Bett und Stuhl und eine Frau löffelt mir wie einem Kleinkind Fischsuppe in den Mund. Ich hatte mich der prallen Sonne ausgesetzt und bin –  dem Singsang der Wellen lauschend – eingeschlafen. Ich verbrachte einen ganzen Monat dort, begleitete ihren Sohn auf seinen Tauchzügen und bezahlte meinen Aufenthalt mit einer regenfesten Segeljacke.

 

Mit diesem Ausflug in eine Zeit,
in welcher Jugendliche noch mit dem ausgestreckten Daumen ganz Europa bereisten, will ich meinen Bericht beenden; Halt. Nein: Wir waren ja noch in Messine und im Archäölogischen Nationalmuseum in Athen. Was müssen das für Bildhauer gewesen sein, die aus Marmor lebensgroße Skulpturen und Grabstelen schufen und in einer besonderen Schaffensperiode den Gesichtern ein archaisches Lächeln um den Mund zauberten, 500 und mehr Jahre vor Christi Geburt?

 

2 Comments
  • Eva Islinger
    Posted at 11:10h, 15 Oktober Antworten

    Traumhafte Eindrücke in Text und Bild, die einem Lust machen, sich auf den Weg zu machen Neues zu entdecken.
    Wie immer grandios!

  • Rainer Hostnig
    Posted at 08:39h, 15 Oktober Antworten

    Diese wunderschönen Stätten würde ich auch gerne kennenlernen. Eine anziehende Einführung in diesen Teil von Griechenland!

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