Henri und Naranda

Ein Steg, – flankiert von Jacarandabäumen , Bananenstauden und tropischen Pflanzen, die zwischen Kelch- und Kronblättern ihren gelben Stempel zur Schau tragen, führt zu einer aus Bambus gefertigten Hütte. Dort in der Hängematte liegt Henri mit im Nacken verschränkten Armen und lässt sich schaukeln. Sein leicht belustigter Blick ruht auf dem Gesicht von Naranda und studiert die Wirkung seiner Worte, die in eben diesem Moment ein Staunen in ihre Augen gezaubert haben. Henri möchte Eindruck schinden, denkwürdig sein, indem er von seinem Leben erzählt, als würde er es nicht erfunden, sondern tatsächlich gelebt haben, einzig und allein ihr zu gefallen. Er erzählt von Begebenheiten und Ereignissen, die so nie stattgefunden haben, aber, weil er von ihnen so überzeugend berichtet, genauso gut hätten stattfinden können. Obwohl er noch nie – nicht einmal in einem Zoo – in die Nähe von Elefanten gekommen war, scheint er bestens darüber Bescheid zu wissen, wie sie sich verhalten, wenn sie sich bedroht fühlen. Ein L-förmig zur Seite geknickter Schwanz bedeutet zum Beispiel, dass ein Rückzug nicht mehr möglich und ein Angriff unausweichlich ist. Er weiß, dass es die Details sind, die seine Geschichten glaubhaft machen.

Naranda hält seinem Blick stand, als wäre es ein Kampf, den sie gegen ihren Willen führen muss. Ihre Reglosigkeit spornt ihn an. Das Erinnerungsvermögen von Elefanten… beginnt er. Sie aber bedeutet ihm zu schweigen, indem sie mit ihrem Zeigefinger ihre Lippen versiegelt. Er gehorcht, ohne den Satz zu einem Ende gebracht zu haben. Er beißt sich auf die Zunge, fürchtet, sie gelangweilt und nicht unterhalten zu haben. Sie hat jede Lust verloren, für ihn ein Rätsel sein zu wollen und schaut in Richtung des Dschungels. Die Zikaden haben zu zirpen aufgehört; selbst die Affen sind verstummt und haben sich in die blauen Blütenwolken der Yacaranda geflüchtet. Er greift mit seiner rechten Hand nach einem Glas mit grüner Flüssigkeit. Vermutlich Absinth. Eine Geste der Verlegenheit, wie er selbst weiß.

Naranda hat das Repetiergewehr ihres Vaters von der Wand genommen.
Jetzt erst begreift Henri, dass sie in Gefahr sind. In eben diesem Augenblick nämlich füllt ein tonnenschwerer Elefant das Blickfeld. Er hebt seinen Kopf höher als seine Schultern und stellt seine Ohren nach vorne. Beide wissen, was das bedeutet. Sie sollten sich ruhig und langsam zurückziehen. Aber wohin? Eine Flucht ist nicht möglich.

Würden sich alle an der Szene Beteiligten jetzt an die Anweisungen eines Drehbuchautors halten, müsste Henri versuchen, die Schaukelbewegung seiner Hängematte zu stoppen und das Glas in seiner Hand irgendwo abzustellen. Weil er aber die Augen nicht von der drohenden Gefahr abwenden kann, verfehlt er das Fenstersims auf der Veranda. Jetzt sieht man das Glas in Zeitlupe zu Boden fallen und nach dem Aufschlagen zerbersten. Das geschieht ohne Ton. Schnitt. In der nächsten Einstellung zoomt die Kamera das Auge des Bullen heran. In ihm spiegelt sich Naranda, die noch immer mit dem Gewehr im Anschlag auf die Stirn des Tieres zielt.

Die Zuseher wissen, dass Elefanten in dem Ruf stehen, nie eine Niederträchtigkeit zu vergessen: Sie können jahrelang auf ihre Chance zur Rache warten. Jetzt ist sie da. Genau in dem Moment, in welchem der Ton einsetzt, der Bulle mit einer seiner vier Säulen aufstampft, wacht Henri auf. Er braucht eine Weile, bis er versteht, dass er Gernot ist und nicht Henri. Im Fernsehen werden Balkendiagramme gezeigt. Ein Mann in Tarnuniform spricht von einem heimtückischen Feind, gegen den es nur eine Waffe gibt: Die Impfung.

Gernot ist einerseits froh, der Gefahr mit dem Bullen entronnen zu sein, sehnt sich aber nach Afrika zurück und in den Traum, in welchem er Henri sein darf und mit seiner Naranda Abenteuer besteht. Über die Frage, welcher Niederträchtigkeit er sich schuldig gemacht haben könnte, schläft er in der Absicht wieder ein, nicht vor dem Ende der Pandemie aufzuwachen.

1 Comment
  • Humay
    Posted at 12:20h, 18 Januar Antworten

    Очень интересный рассказ. Правда, мне все ещё тяжело понимать сложные тексты на немецком, но мне очень понравилась концовка 🙂

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