Tagebuch eines Sommers

 25. Juli 1974

Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem weiß getünchten Raum, der mit seiner kargen Einrichtung – Bett, Stuhl und Tisch – mehr an eine Zelle denn an ein Zimmer erinnerte. Ich musste sie wieder schließen, weil schon dieser eine Blick und die Anstrengung, mich orientieren zu wollen, meinen brummenden Schädel überanstrengt hatte. Das Summen und Brummen in meinem Kopf schwoll orkanartig an, verebbte, schwoll wieder an. Nachdem ich eine Weile so dagelegen war, wagte ich es wieder und öffnete durstig die Augen, als würde ich über den Rand einer Bierdose fahren, um mit einem metallischen Klick den Schlitz zu öffnen. Diesmal zwang ich mich, die Augen offen zu lassen und den Fokus auf eine viereckige Aussparung in der Mauer mit zwei Nuancen von Blau zu richten: Ein Kobaltblau mit weißen Schaumkrönchen und ein etwas helleres Admiralsblau mit kleinen wolkigen Tupfern. Es war ein Fenster, und die zwei Farben waren die von Meer und Himmel. Das Summen und Brummen also nicht nur von Kopfweh hervorgerufen, sondern von Wellen, die gegen ein von hier aus unsichtbares Ufer brandeten. So viel also stand fest: Ich lag in einem Raum, der zu einem Haus gehören musste, das auf Sichthöhe mit dem Meer gebaut worden war. Nur: Wie war ich hierhergekommen?

Ich schloss die Augen und feierte die langsam wiederkehrende Fähigkeit des Schlussfolgerns, als die Türe aufgestoßen wurde, und eine Frau den Raum betrat. Sie trug schwarz und hielt eine dampfende Schale in den Händen, streifte mich mit einem kurzen Blick, der freudige Überraschung zeigte, stieß die Tür mit dem Fuß zu und stellte die Schale auf den Tisch. Dann setzte sie sich an die äußerste Bettrandkante und begann – im Singsang einer fremden, aber lautreichen Sprache auf mich einzureden, während sie gleichzeitig mir wie einem Kind Fischsuppe löffelweise in den Mund schaufelte. Es ist also kein Gefängnis, war das nächste, was ich mit freudiger Genugtuung zur Kenntnis nahm, und plötzlich, als würde der Vorhang aufgerissen, wusste ich wieder, wo ich war, obwohl noch einige Szenen fehlten, die mir erklären hätten können, wie ich in dieses Bett, in diesen Raum gekommen war.

Irgendwer muss mich von dem Felsen gepflückt haben, auf dem ich –in der brütenden Sonne liegend Eintragungen in mein Tagebuch vorgenommen hatte – die Brandwut des Windes wegen nicht wahrnehmend – und – von einem steinschweren Schlaf überwältigt – wie ein Steak gebraten worden war.

2 Comments
  • Manfred Voita
    Posted at 09:47h, 10 Februar Antworten

    Lieber Helmut, da ist dir ein beeindruckender Text gelungen, in dem Welten aufeinanderprallen, es zurückgeht in eine von heute aus ferne Vergangenheit und uns konfrontiert mit unseren Ideen und den manchmal entgegengesetzten Gefühlen und Wünschen. Radikal naiv, aber auch offen und verletzlich zu sein, entsprach dem Zeitgeist und in diesem Text zeigst du, wie das gut gelingen und wie es heftig scheitern kann.

    • Helmut Hostnig
      Posted at 14:53h, 10 Februar Antworten

      Lieber Manfred. Ich danke dir fürs Lesen und Kommentieren. Dass sich jemand so viel Zeit nimmt, erstaunt, begeistert und ermutigt mich. Hab noch einmal herzlichen Dank.

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