Der König auf Besuch

Unlängst war der König von Belgien im Kongo. Ein heikler Besuch mit heikler Mission, brachte er doch eine der über achtzigtausend geklauten Masken zurück, – und nicht nur die. Darunter nämlich ein Zahn. Nicht irgendein Zahn, wie wir gleich sehen werden. Ein goldplombierter Zahn. Der Zahn eines in Säure aufgelösten Freiheitskämpfers und ersten Präsidenten der jungen Republik Zaire/Kongo. Das einzige Überbleibsel also, das seine Kinder von der belgischen Regierung seit Jahren zurückfordern. Ein belgischer Polizeioffizier hat den Zahn, – nachdem der Prtäsident auf Betreiben des belgischen und amerikanischen Geheimdiensts ermordet und dann in Säure aufgelöst worden war -, zurückgehalten.
Es war in der ersten Klasse Hauptschule, als wir, angeführt von unserem Lehrer, der mit Tropenanzug, Helm und Peitsche als Kolonialherr verkleidet war, – mit einem Baströckchen über einer schwarzen Strumpfhose, funkelndem Strassschmuck um den Hals und Schellen an den Füßen im Kinderfaschings-umzug der Stadt Bregenz mitgingen und Ore Ore Lu Lu Lumba brüllten. Das geschah, wie ich später, viel später herausfand, 2 Jahre vor seinem feigen Mord im Jänner 1961, und ich frage mich heute noch, warum das damals niemand anstößig fand. Gut: Es war eine andere Zeit und Schwarzafrika ein Kontinent, in dem Europa noch etliche Kolonien besaß, die es nach und nach abstieß, weil es vorteilhaftere Wege fand, seine Ressourcen weiterhin auszuplündern. Die Schwarzen galten als rückständig und primitiv, und die Generation unserer Eltern kannte noch eine Werbung mit Lilienseife, die den durch ihre „Hautfarbe stigmatisierten Menschen Abhilfe“ versprach.
Ein Deutschaufsatz, in welchem ich über eine positive Erfahrung mit einem marokkanischen Besatzungssoldaten schrieb, die ich als Kind in Bregenz erlebt hatte, wurde vom Deutschlehrer, der im Zweiten Weltkrieg in amerikanische Gefangenschaft geraten war, mit der Bemerkung quittiert, dass er es als Schande für Europa empfunden habe, von einem „Neger“ bewacht worden zu sein. Apropos Neger. Als „Negermusik“ galt, als ich heranwuchs, alles, was nicht der Klassik oder dem Liedgut heimatlichen Brauchtums zugeordnet werden konnte. Politische Bildung? Es gab sie: Die Mehrheit der Erwachsenen machten kein Hehl aus ihren autoritären und reaktionären Anschauungen, in die sie hineingewachsen waren und in ihre DNA wie Erbgut festgeschrieben schienen. Im Gymnasium später wusste ich viel über den Peloponnesischen Krieg und so gut wie nichts, was über den Ersten Weltkrieg hinausging. Geschichte fand nach dem Untergang Westroms, den endlosen Kämpfen zwischen Papst und Krone und den noch endloseren Glaubenskriegen in Europa mit dem Ersten Weltkrieg ihr Ende. Der Zweite Weltkrieg und vor allem der Nationalsozialismus, in welchem die meisten unserer Professoren entweder engagierte Mitglieder oder einfache Mitläufer waren, blieben tabu. Eingesponnen in den Kokon eines allumfassenden und mürrischen Schweigens über das Grauen, das die Generation unserer Eltern als Zeitzeugen erlebt hatte, wuchsen wir auf. Die Aufarbeitung von Vergangenheit, auch der unserer Eltern und Großeltern, begann mit der Aufkündigung von Konventionen und mündete in einer zunehmenden Politisierung im Zuge der 68iger. Wie ein Schwamm sog ich alles auf, was ich in Büchern geschrieben fand und mich darüber aufklärte, was uns verschwiegen worden war, oder sich als große Lüge herausstellte. Es waren Bücher wie Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque, die mir den Krieg nicht mehr als Heldenepos beschrieben, es war das Buch Sonnenfinsternis von Arthur Köstler, das mich zweifeln ließ am fast religiösen Glauben, dass die Diktatur des Proletariats das Paradies auf Erden errichtet habe, und es war Im Herzen der Finsternis von Josef Conrad, das mir vor Augen führte, dass Europa den Kolonien nicht den Fortschritt gebracht, sondern sie ausgebeutet und ausgeblutet hat.
1959: Das war das Jahr, in welchem ich Thomas kennenlernte, der mit seinen Eltern aus Ungarn geflohen war. Es war das Jahr, in welchem wir Freunde wurden, mein Bruder und ich die Prüfung zur Aufnahme ins Gymnasium bestanden hatten und wir von denselben Professoren unterrichtet wurden, wie unser Vater, der in ebenselbem Gymnasium mit 17 die Kriegsmatura absolviert hatte. In 1959 war das Jahr noch jung, als wir in einem Faschingsumzug Lulumba verhöhnten.
Wer war Lumumba?  Und wie kam es zu dieser Verhöhnung in einem Faschingsumzug  14 Jahre nach dem Ende eines Krieges, der im Glauben von Menschen geführt worden war, einer allen anderen überlegene „Rasse“ anzugehören?  Wie konnte es so weit kommen, dass wir – angeführt von unserem Klassenlehrer mit Muschelschmuck und Baströckchen durch die Innenstadt ziehen und zum Gaudium schaulustiger Passanten Ore Ore Lumumba brüllen, seinen vokalreichen Namen dem Gespött einer geschichtsvergessenen Menge preisgebend?  Wie konnte es so weit kommen, dass ein Präsident der USA himself seinen Geheimdienst beauftragt, einen Mann zu liquidieren, der nichts anderes getan hat, als in seinen Reden das Ende der Kolonialherrschaft einzufordern?
Auch wenn wir nicht mehr „Neger“ sagen, von Soliman über Omafuma bis zum Racial Profiling der Polizei bei ihren Planquadraten zieht sich wie ein roter Faden latenter oder offen ausgelebter Rassismus durch die österreichische Geschichte, auch und besonders in der Habsburg-Monarchie.
Partnerschaft auf Augenhöhe mit Afrika, wie der Gipfel in Europa 2022 suggeriert? Nein: Das Interesse Europas an Afrika besteht darin, Hilfeleistungen im Austausch dafür zu gewähren, Migration von der Festung Europa fernzuhalten. Das ist kein Austausch auf Augenhöhe. War es nie.
Im Februar 2022 meinte die mittlerweile zurückgetretene Wirtschaftsministerin Schramböck von der ÖVP wörtlich: „Afrika ist nicht nur ein LAND, aus dem Flüchtlinge kommen – das ist oft das Bild, das in Europa verbreitet wird -, sondern es ist ein LAND voller Chancen, voller junger Menschen, die hochdigitalisiert sind…“ Für viele, die sich diesen Schwachsinn angehört haben, stellt sich nicht nur die Frage, warum Tausende den gefährlichen Weg über das Meer nach Europa suchen, wenn es ein LAND voller Chancen ist, sondern welches Bild ein Regierungsmitglied, das uns Bürger nach außen repräsentieren soll, von diesem Kontinent mit 54 Staaten hat; ganz abgesehen davon, Jugendliche als hochdigitalisiert zu sehen; so, als wären es Einsen und Nullen, eine Masse aus binären Daten.
Diese paternalistische Geisteshaltung – Journalisten sprechen vom kolonialen Mindset – hat auch bei uns Tradition.
Der Zahn – so heißt es – soll erst nach dem Besuch des belgischen Königs an die Kinder Lulumbas ausgehändigt werden, um ihm diese peinliche Begegnung zu ersparen. Übrigens hat der König bei seinem Besuch zwar sein tiefes Bedauern ausgesprochen, sich aber für die 10 Millionen Toten, die sein Urgroßvater zu verantworten hat, nicht entschuldigt.

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