Die Mutprobe

Die Mutprobe

Sie nannten ihn Bohnenstange, weil er so dünn war und nicht zu wachsen aufhören wollte. Er sagte, dass sie einfach immer haau sagen müssten, wenn er etwas sagen sollte, was wie ein Befehl klingt. Eigentlich klang alles, was Bohnenstange sagte wie ein Befehl, da er im Stimmbruch war: Mach dies! Mach das! Und jetzt mach das! Er hatte sich eine weiße Hühnerfeder in sein Haar gesteckt und behauptete, ein Indianerhäuptling zu sein; und weil er ein Indianerhäuptling sei, hätten ihm alle zu gehorchen. Da er in der kinderreichen Wüstenrotsiedlung an der Peripherie einer kleinen Stadt, der Älteste war, war es leicht für ihn, Untergebene zu finden. Seine Stellung blieb aber auch schon deshalb unangefochten, da er sehr erfindungsreich war im Aushecken von Streichen und im Planen von selten ungefährlichen Unternehmungen. Der Einzige, der sich diese Rollenanmaßung nicht gefallen lassen wollte, war Rübenack-hat-Frösch-im-Sack, der mit ihm fast gleich alt war, aber mit Bohnenstange kaum mithalten konnte, weil es ihm sowohl sein Körperbau, als auch seine Fantasiearmut nicht erlaubte. Kurz: Rübenack-hat-Frösch-im-Sack-und-alle-machen-quak-quak-quak wollte auch Häuptling sein. Auch er hatte sich mit einer weißen Hühnerfeder geschmückt. Es konnte aber keine zwei Häuptlinge geben. Einer von beiden musste sich damit begnügen, ein einfacher Indianer zu sein. Das konnte nur in einem Zweikampf oder durch eine Mutprobe entschieden werden, von der alle schon im Vorhinein wussten, wie sie ausgehen würde. Die Mutprobe für die so miteinander rivalisierenden Häuptlinge bestand darin, einen Pfeil in den Himmel zu schießen. Du wirst jetzt denken, was soll das für eine Mutprobe sein? Geduld. Gleich wirst du wissen, ob auch du dich getraut hättest, dich ihr zu stellen. Der Pfeil ist aus Schilfrohr. An seinem Ende, von dem das Mark entfernt worden war, steckt ein langer Nagel. Mit dem wird er sich – nachdem am Scheitelpunkt seines Fluges die Schwerkraft ihn zur Umkehr zwingt, in die Erde bohren, fast genau dort, wo jetzt Rübenack-hat-Frösch-im Sack steht: in einem von Steinen aufgeschichteten Kreis in der Mitte der Wiese. Er darf ihn nicht verlassen, wenn er kein Feigling sein will.

Alle sahen wir es und erstarrten vor Schreck: Der Pfeil hatte kaum gedreht, begann der Dicke zu rennen. Er kam nicht weit. Ein Stier versperrte ihm den Weg. Er stand still und schaute ihn an. Plötzlich senkte er seinen Kopf, scharrte wütend mit den Hufen und stampfte los. „Renn!”, rufen alle: „Renn!“ rufen Tim und Tina, die von der Straße aus zugeschaut haben „Renn!“

Rübenack vergisst, dass er dick ist, versucht den elektrisch geladenen Zaun zu erreichen, der die Straße von der Wiese trennt. Keiner hätte ihm diese Behändigkeit zugetraut. Der Stier hat sich mit gesenkten Hörnern im Stacheldraht verfangen. Sein Opfer hört das Toctoc, das durch den Draht pocht. Es ist lauter als sein Herzschlag. Er hört das Schnauben aus dem feuchten Maul des Stieres, der jetzt, – kurz bevor er ihn aufspießen wird -, das Toctoc des Zaunes auf sich wirken zu lassen scheint. Er sieht, wie Tina mit ihren Händen die Augen zudeckt, um nicht sehen zu müssen, was sie alle befürchten.

Nach einer Ewigkeit, die sie in Schockstarre verbracht hatten, befreit der Stier seine Hörner aus dem Stacheldraht, schnaubt noch einmal hörbar, peitscht mit dem kotverkrusteten Schwanz seinen Rücken und trottet davon. Jetzt erst sahen wir es: Der Pfeil hatte seinen Nacken gestreift.
Rübenack-hat-Frösch-im-Sack stand auf, spuckte in seine verschrammten Hände und fragte in die Runde: Was glotzt ihr so blöd? Tim bewunderte ihn. Er an seiner Stelle würde jetzt weinen, heimlaufen und sich von seiner Großmutter trösten lassen.

Bohnenstange hatte noch nicht genug. Er war voller Ideen, was man sonst noch so mit dem Volk, das heißt mit Tim und Tina und den anderen Kindern anstellen könnte. Sie könnten zum Beispiel auch Feinde sein. Dieser Vorschlag wurde von den Nachbarskindern mit mehrstimmigem Haaau begrüßt und angenommen. Und was tut man mit Feinden? Man könnte sie ja an einen Marterpfahl binden, schlug der Dicke vor, der so tat, als hätte er nicht eben dem Tod in die Glubschaugen geschaut.  Er war in der Achtung aller gestiegen, und Bohnen-stange hatte – zumindest für heute – verloren, obwohl er in der Mutprobe als Sieger hervorgegangen war. Beide also waren sie jetzt Häuptlinge. Und Häuptlinge brauchen Untertanen. Sie müssen wie alle, die Macht haben wollen, sie auch ausüben. Sie holten also Stricke und banden Tim und Tina an die Teppichstangen im Garten der Nachbarn.

Eigentlich hätten sie jetzt ein Feuer machen müssen, einen Tanz um sie herum aufführen, und dann im Kreis sitzen, um zu beratschlagen, was nun zu tun sei; das wusste Tim aus einem Buch, das er einmal geschenkt bekommen hatte und viele farbige Abbildungen von verschiedenen Indianerstämmen enthielt; ein Bild, das ihn am meisten beeindruckt hatte, zeigte das Innere eines hohen Zeltes, das aus rauer, orangeleuchtender Jute gewoben war; oder es war die Sonne, die von außen durch den Stoff drang und ihm dieses leuchtende Orange schenkte. Unter der Kuppel des Zeltes war ein junger Indianer mit einem athletischen und bronzefarbenen Körper mit zwei dünnen Fäden aufgehängt worden, die unter der Haut an seiner Brust eingefädelt waren und sie bis zum Zerreißen aufspannten; auf dem Zeltboden saßen Männer mit überkreuzten Füßen und ließen eine Pfeife herumgehen, schienen aber von den Qualen, die der junge Mann auszustehen hatte, keine Notiz zu nehmen. Stundenlang konnte Tim in diesem Buch blättern und immer wieder diese Seite aufschlagen und sich so in dieses Bild hineindenken, dass er die Hitze zu spüren vermeinte, die in diesem Zelt herrschte; er roch den Tabak der Pfeife, aber auch den Schweiß des Gemarterten, und fragte sich, was er wohl verbrochen haben muss, dass er zu dieser Strafe verurteilt worden war. Als ihm seine Oma erklärte, dass der junge Mann das freiwillig mache und sich diesem Schmerz als einer Prüfung aussetze, um zu beweisen, dass er nun ein ganzer Mann sei, verstand er gar nichts mehr. Er wollte ja auch groß werden, aber nicht so.

Das hier war ein Spaß dagegen; sie machten zwar kein Feuer, weil sie keine Zündholzer fanden, steckten den beiden aber verrotzte Taschentücher als Knebel in den Mund, und begaben sich auf Kriegspfad. Von diesem sind sie allerdings nicht mehr zurückgekehrt, weil sie die Beiden komplett vergessen hatten. Spaß war es keiner. Stell dir vor, du hast Stunden über Stunden einen Knebel im Mund und kannst nur unartikulierte Laute von dir geben. Irgendwann hörst du auf, weil du sonst glaubst, du erstickst, wenn dir der Knebel in den Rachen fällt. Außerdem hatten die Stricke – beim Versuch, sich von ihnen zu befreien -, tief ins Fleisch geschnitten. Das schlimmste für Tim war, mitansehen zu müssen, wie Tina litt. Beide haben Rotz und Wasser geheult. Er aber mehr aus Wut über seine Hilflosigkeit, sie aus purer Verzweiflung. Wahrscheinlich, weil sie wusste, dass ihre Eltern erst spät von der Arbeit kommen würden. Und wie sich verständlich machen mit einem Knebel im Mund, wenn nach ihnen gerufen wird?

Tims Oma, und die Eltern von Tina, die sich die Lunge nach ihnen ausgeschrien hatten, haben sie dann entdeckt, wie es schon dunkel war. So wütend hatte er seine Oma noch nie gesehen. Sie ging schnurstracks zu den Nachbarn und läutete die Eltern heraus, um ihnen eine Standpauke zu halten, die sich gewaschen hatte. Seitdem durfte Tim nicht mehr mit Bohnenstange, Rübenack-hat-Frösch-im-Sack und den anderen Kindern spielen. Sie mieden ihn wie den Leibhaftigen, weil ihnen Prügel angedroht waren, wenn sie es noch einmal wagen sollten, mit ihm ihre Späße zu treiben.

An diesem Abend hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als schnell groß zu werden, um in den Spielen der Nachbarkinder nicht immer das Volk sein zu müssen. Dann hätte er Tina imponieren können, indem er zuerst sich selbst, und dann sie aus den Fesseln befreit. Wie, wusste er zwar noch nicht, aber er würde Mittel und Wege finden. Aber zuerst müsste er groß sein.

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