Rita

Am Ufer steht ein kleines Mädchen. Es sucht flache Steine, um sie über die Oberfläche des Wassers zu titschen, wie es ihr der Großvater gezeigt hat. Rita ist 4 Jahre alt. Rita hat heute beschlossen, nicht in den von Nonnen geführten Kindergarten zu gehen. Nie wieder in den Kindergarten zu gehen, das hatte sie sich geschworen.

Sie hat lange rote Haare, viele Sommersprossen und vorne fehlen ihr zwei Zähne. Die Haare sind zu Zöpfen geflochten und verführen Mutter Lena, die Kindergartentante vom Frauenorden der Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu, dazu, so an ihnen zu ziehen, dass ihre Nase nicht mehr aufhören will zu bluten. Dann werden ihr zwei Tampons in die Nasenlöcher gesteckt, sodass sie an ihnen zu ersticken droht.

Das tut die Kindergartentante nicht, weil sie Rita quälen will. Sie tut es, um ihren Starrsinn zu brechen, da sie weder schlafen will, wenn es von den Ordensschwestern angeordnet wird, noch singen, spielen oder ihre Jause essen. Alles, was sie will, war und ist daheim-bleiben zu dürfen.

Die Mutter, die nach Karenz endlich wieder eine Arbeit gefunden hat, weiß keinen Ausweg. Der Vater hat nach Rita’s Geburt das Land verlassen und kommt nur gelegentlich und unangekündigt auf Besuch. Außerdem sind noch zwei Kinder da, die versorgt sein wollen.

Da konnte sie jeden Morgen noch so toben und schreien, es half nichts. Zu weinen erlaubte sie sich erst, wenn sie zu erschöpft war. Den ganzen Weg bis zum Kindergarten weinte sie und hörte nicht auf, nachdem sie dort angekommen war. Das konnte Mutter Lena nicht dulden. Sie musste Rita die Sturheit austreiben. Wäre doch gelacht. Niemand hatte es je gewagt, sich ihr zu widersetzen. Was sie aber erreichte, war noch mehr Widerstand. Auch wenn sie dort wenigstens zu essen bekam, sie hatte beschlossen, nie wieder in den Kindergarten zu gehen. Und dabei blieb sie.

Was ist meine Geschichte? Was ist Geschichte, wenn nicht Erinnerung ohne Schmerz? fragt Rita.

Sie, die im Augenblick in den Vorhöfen ihrer Erinnerungen abhängt, nimmt den Stein in die Hand. Einen flacheren hätte sie nicht finden können. Im Stein eingeschlossen ist eine kalkweiße Ader. Wie lange ist das her? Die Frau mit den Sommersprossen und den roten, zu einem Dutt gebundenen Haaren, wiegt ihn in ihrer Hand und schleudert ihn so, dass er gezählte sieben Mal über das Wasser hüpft, und jedes Mal, wenn er ins Wasser taucht und sich in immer kürzeren Sprüngen verausgabt, mehr einem Vogel gleicht, der sich jetzt mit einem freudigen Krah in die Morgenluft erhebt, bis er im Wäldchen, welches das andere Ufer säumt, verschwindet.

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