Schigu

Er hieß Schigu, eigentlich Zsigmond. Er hasste seinen Namen. Vor allem das eingedeutschte Sigismund. Wer ihn so nannte, war sein Feind. Und von denen gab es viele.

Das Gymnasium war ein Backsteinbau aus kleinen roten Ziegeln mit einem Turm, von dem aus man einen Blick über die Stadt werfen konnte. Es war eine kleine Stadt, die sich nicht ausbreiten konnte, da sie in einem schmalen Streifen zwischen dem Fuß eines Berges und am Ufer eines See’s lag. Ich saß in der hintersten Bank in der Fensterreihe und hoffte von den Professoren nicht gesehen zu werden. Auch ich wollte mich nicht ausbreiten. Eigentlich verbrachte ich meine Stunden in der Schule angestrengt damit, mich hinter dem Rücken meines Banknachbarn in Deckung zu bringen. Das war schon deswegen nicht einfach, weil auch dieser alles unternahm, die Aufmerksamkeit der Lehrer nicht auf sich zu lenken. Nicht so Schigu, der neben mir saß und sich oft in den Unterricht einmischte. Bei einigen Lehrern genoss er Achtung, bei anderen war er unten durch, weil er einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besaß, und es nicht duldete, wenn sie uns unsre Minderwertigkeit spüren ließen. Und von solchen, die ihr Ego auf diese Weise stärken mussten, gab es leider mehr als die anderen.
Ich war sein bester und einziger Freund. Es gab nichts, worüber wir uns nicht ausgetauscht hätten. Absolut gar nichts. Wir lasen im Buch des anderen, als hätten wir es selbst geschrieben. Ich weiß nicht, warum unsere Bande so stark waren. Es lag wohl daran, dass ich mich ebenso fremd gefühlt hatte wie er, dessen Eltern es in der Zeit des Kalten Krieges in abenteuerlicher Flucht gelungen war, den Eisernen Vorhang hinter sich zu lassen. Sie, die sich mit ihm und seinen zwei Brüdern und nichts als dem Tafelsilber über die Grenze gerettet hatten, waren so beschäftigt, in ihrer neuen Heimat wieder Tritt zu fassen, dass sie für ihn genauso wenig Zeit hatten, wie unsere Mutter, die tagsüber in einem Schuhgeschäft arbeitete und bis tief in die Nacht Knopflöcher in Hemden nähte oder Sohlen auf Filzpatschen. Schlecht bezahlte Heimarbeit. Der Vater war mit sich und seinem beruflichen Aufstieg beschäftigt. Noch abwesender. Hauptsache war, dass wir keine schlechten Noten heimbrachten.
Im Gegensatz zu mir musste er sich nicht hinsetzen und lernen und trotzdem gehörte er zu den besten unserer Klasse. Diesem Umstand und weil sich Lehrer für ihn eingesetzt hatten, verdankte er es mehrmals, dass er nicht aus der Schule geworfen wurde. Einmal nämlich hatte er in der Hofpause im Winter – ganz ohne jede Absicht – einem uns beaufsichtigenden Lehrer bei einer Schneeballschlacht, die natürlich verboten war, genau in den Mund getroffen. Bei der Konferenz, in der dieser Lehrer nicht für einen Verweis, sondern für seinen Ausschluss plädiert hatte, weil er ihm unterstellte, den Ball gezielt geworfen zu haben, soll der Sportlehrer – ein schon etwas angegrauter Herr, zur Verwunderung aller aufgestanden sein und gesagt haben: „Selbst in meinen besten Jahren ist es mir bei aller Absicht nicht gelungen, einen Ball so sicher ins Ziel zu bringen.“ Dieser Satz soll alle so erheitert haben, dass die Sache dann schnell vom Tisch war.
Ein andermal hatte Schigu unseren Klassenlehrer gleich in der ersten Stunde eines neuen Schuljahres gegen sich aufgebracht, indem er nach 10 Minuten auf die Uhr sah und laut gähnend meinte: „Das Schuljahr zieht sich wieder.“
Einer, der es besonders auf ihn abgesehen hatte, war der Religionslehrer, der in die falsche Zeit geboren war. Scheiterhaufen und Inquisition hätten ihm wohl gefallen. Ja, so einer war das. Er hatte zu jener Zeit mehr Einfluss auf das Schulgeschehen als selbst der Direktor. Warum das so war, war für uns undurchschaubar. Schigu jedenfalls, den er schon des Öfteren seiner Herkunft wegen gedemütigt hatte, hat ihn mit seinem Scharfsinn, seiner geschliffenen Rede und der Lust am Disput oft zur Weißglut gebracht. So auch diese Stunde. Der Religionslehrer nämlich meinte, wer nicht an Gott glaube, der müsse an seinem Verstand zweifeln, weil er diesen ja auch nicht sehen könne.
Warum aber, fragte Schigu scheinheilig, gibt es dann Bilder von ihm?
Der Religionslehrer lächelte milde: Die Bilder sind für die einfachen Menschen. Schigu weiter ausholend: Wir einfachen Menschen stellen uns Gott als Weißen dar. Wie müssen sich einfache Schwarze Gott vorstellen?
Das ist eine heikle Frage. Ich habe schon schwarze Jesuskinder in Krippen gesehen. Sogar eine schwarze Muttergottes. Gott selbst aber ist nur als Weißer denkbar.
Wir denken ihn uns also mit weißer Hautfarbe, weil wir selbst Weiße sind? stieß Schigu nach, und alle waren wir plötzlich hellwach: Jetzt war er in die Enge getrieben, denn sonst hätte er ihn nicht angefaucht:Weil es unsere Religion ist, müssen die Heiden sich überall auf der Welt zu einem weißen Gott bekehren.
Jetzt hatte er ihn so weit gereizt, dass er nur noch das rote Tuch sah, und jedes Mal, wenn Schigu eine zu falschen Antworten verlockende Frage stellte, so, als würde er eine neue Banderilla mit einer kleinen und äußerst eleganten Seitwärtsbewegung in seinen Nacken pflanzen, schrien wir unhörbar: Ole… Beide kämpften sie: Der Lehrer, weil er um keinen Preis unterliegen durfte, und Schigu, weil er sich an ihm für all die Demütigungen rächen wollte, die er mir oder anderen, aber vor allem ihm zugefügt hatte.
Das Klassenzimmer war wie jede Religionsstunde zur Arena geworden, und Schigu ließ sich wie immer keinen Rückzug mehr offen. Jetzt war es so weit: Wir hielten den Atem an. Der Kampf zwischen Matador und Stier geht nach der Faena in die letzte, in die dritte Runde, und wird zum Tanz. Ein Paso doble setzt ein. Unhörbar.
Wenn ich sie richtig verstanden habe, Herr Professor, dann müssen wir uns also Gott deshalb als einen Weißen vorstellen, weil es unsere Religion ist und wir selbst Weiße sind? Das sage jetzt nicht ich, meinte er ernst, das soll ein Philosoph gesagt haben, der Xenophanes hieß und vor 2500 Jahren gelebt hat. Vielleicht haben sie von ihm gehört, fügt er noch mit beißendem Spott hinzu. Er hat ungefähr gesagt – ich kenne den genauen Wortlaut jetzt nicht, aber ich zitiere aus dem Gedächtnis: Wenn die Menschen Rinder wären und hätten Hände und könnten malen, würden sie Gott als Rind darstellen. Geben sie ihm da recht?
Das war eindeutig zu viel. Der Paso doble hatte ein abruptes Ende gefunden: Ich lass mir von dir solche Frechheiten nicht mehr bieten! Glaubst wohl, du bist besonders schlau? brüllte der Religionslehrer jetzt völlig aus der Fassung gebracht, schickte ihn aus der Klasse und schrie ihm nach: Das hat ein Nachspiel!
Jeder weiß, was so ein Nachspiel bedeutet und aus einem solchen Spiel, auch wenn es nie als Spiel gedacht war, Ernst wird, wenn aus einer erlittenen Niederlage ein Sieg werden soll. Ich überlasse es also der Fantasie der Lesenden, sich ein Nachspiel auszudenken, das dem Anlass gerecht wird.

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